Max
Lukas Sdralek wurde als Sohn eines Volksschullehrers und seiner
Ehefrau in einem damals fast 500 Einwohner zählenden
oberschlesischen Ort geboren, in dem fast alle Menschen
katholisch waren und polnisch sprachen. Ab der Quinta besuchte
er vier Jahre lang das Königliche katholische Gymnasium zu
Gleiwitz und dann aus finanziellen Gründen das Königl. kath.
St.-Matthias-Gymnasium zu Breslau, das den herausragenden
Schüler 1875 mit dem Reifezeugnis entließ. Dieser folgte den
Spuren seines zwölf Jahre älteren Bruders Julius, der später
Pfarrer von Patschkau und Erzpriester wurde, und wandte sich in
Breslau dem Studium der Theologie zu. Obgleich wohl zuerst etwas
schüchtern und anämisch schloß er sich einer farbentragenden
katholischen Studentenkorporation an und bekleidete dort in zwei
Semestern das Amt des Seniors der Aktivitas. Weil er wegen des
Kulturkampfes und der Abwesenheit des Breslauer Fürstbischofs
Heinrich Förster, der sich im österreichischen Exil befand,
nicht in Breslau zum Priester geweiht werden konnte, begab er
sich auf Anraten des ihn sehr schätzenden Professors Hugo
Laemmer 1879 zur Fortsetzung des Studiums an die Universität zu
Freiburg im Breisgau, wo er sich besonders auf das Lernen bei
dem Kirchen- und Kunsthistoriker Franz Xaver Kraus
konzentrierte, dem er schon nach einigen Monaten die
Dissertation „Hinkmars von Rheims kanonistisches Gutachten über
die Ehescheidung des Königs Lothar II.“ vorlegte, also eine
Arbeit mittelalterlicher Thematik, aufgrund derer Max Sdralek am
12. Juni 1880 die theologische Doktorwürde erhielt. Einen Monat
später, am 13. Juli 1880, empfing er zu St. Peter im Schwarzwald
die Priesterweihe.
Auf
Antrag der Breslauer Katholisch-theologischen Fakultät und dank
der Unterstützung durch F. X. Kraus erhielt Sdralek vom
Preußischen Kultusministerium ein Stipendium, das ihm
Forschungsreisen nach Wien, Budapest, Klosterneuburg, Melk,
Göttweig, Kremsmünster, Admont, Salzburg und München
ermöglichte, wo er in Bibliotheken nach Unterlagen über Papst
Nicolaus I. (858-867) suchte, was zur Einreichung seiner
Habilitationsschrift und Anfang 1882 zur Habilitation für
Kirchengeschichte und Kirchenrecht an der Universität Breslau
führte. Hier hielt der Privatdozent anschließend Vorlesungen in
Kirchenrecht und auch über Diözesangeschichte, folgte jedoch
bereits 1884 der Berufung als Ordentlicher Professor für
Kirchengeschichte an die Königliche Theologisch-philosophische
Akademie in Münster, da weder in Breslau noch in seinem
geliebten Freiburg eine entsprechende Position in Aussicht
stand. Sdralek stand in kirchenpolitischen Fragen nicht im Lager
des Ultramontanismus, beklagte Einengungen seitens der
kirchlichen Hierarchie und stand insoweit auf der Linie seines
liberalen Förderers Kraus, dem er immer wieder Briefe schickte.
Unter dem Wechsel nach Münster hat Sdralek – der aus dem
katholischen Oberschlesien Gebürtige im katholischen Westfalen –
gelitten, obwohl er damals die wissenschaftlich ertragreichsten
Jahre erlebte, sich als akademischer Lehrer bewährte und im
Amtsjahr 1887/88 das Rektorat bekleidete, bei dessen Antritt er
eine sehr bemerkenswerte Rede hielt. Er sehnte sich, auch wegen
des seiner Gesundheit arg zusetzenden münsterschen (Regen-)Klimas,
nach der Rückkehr in die schlesische Heimat und dachte sogar
daran, dort eine Stelle in der Seelsorge – zeitlebens war
Sdralek nie in der Gemeindeseelsorge fest beschäftigt –
anzunehmen, um den als Verbannung empfundenen Zustand beenden zu
können. Nach zwölfjähriger Abwesenheit von Schlesien konnte der
Gelehrte endlich Mitte August 1896 nach Breslau an die
Universität zurückkehren, als ordentlicher Professor, wo er
zuerst nur kirchengeschichtliche Nebenfächer lesen sollte, aber
schon 1897 das Fach Kirchengeschichte übernahm. Im Herbst 1901
übertrug man ihm dasjenige Domherrenamt, das jeweils einem
Vertreter der Katholisch-theologischen Fakultät zustand.
Er wurde
auch Kurator der Klöster des Ordens der Schwestern vom Guten
Hirten in Breslau und in Kattern, Kreis Breslau. Allen
Schwierigkeiten um seine Berufung nach Breslau zum Trotz machte
Sdralek der Breslauer Universität und da vor allem der
Katholisch-theologischen Fakultät große Ehre. Dank der sehr
gründlichen Vorbereitung seiner Vorlesungen, seines
ausgezeichneten Gedächtnisses und der glänzenden Rednergabe
strömten die Studenten zu den fast immer frei vorgetragenen
Vorlesungen, in denen sie viel lernen konnten. „Alles hing an
seinen ungewöhnlich lebhaften Augen, wenn er zu reden anfing. Es
bedurfte nur einiger Worte, und schon waren die Hörer in den
fernen Zeiten und Räumen, von denen er sprach. Greifbar rückten
die historischen Gestalten nahe, so deutlich schilderte er ihre
Charaktere und Bilder.“ (Wittig). Doch wichtiger erschien ihm
das Erfassen der Ideen und Rechtsanschauungen, die um den Sieg
gerungen hatten. Und über allem stand ihm die Liebe zur
Wahrheit, wenn ihm auch das Aufzeigen derselben – oder dessen,
was er als Wahrheit ansah – nicht nur Zustimmung einbrachte.
Das
Ansehen Sdraleks bei seinen Kollegen und das ihm von diesen
entgegengebrachte Vertrauen hatten zur Folge, daß man ihn zum
Fakultätsdekan für die Amtsjahre 1898/99 und 1905/06 und zum
Rektor der Universität für das Amtsjahr 1906/07 wählte. Bei der
Amtseinführung am 15. Oktober 1906 sprach er, rhetorisch
meisterhaft, „Ueber die Ursachen, welche den Sieg des
Christentums im römischen Reiche erklären“. – Anscheinend war
der Gelehrte um diese Zeit bei der preußischen Regierung als
Kandidat für den erzbischöflichen Stuhl von Gnesen und Posen im
Gespräch. Die zusätzlichen Belastungen im Rektorat und gegen ihn
erhobene Verdächtigungen zehrten an seinem Lebensmark, und 1909
erlitt er einen Schlaganfall, von dem er sich wohl nicht mehr
richtig erholte. Im Jubiläumssemester zum hundertjährigen
Bestehen der Universität Breslau zwang er sich zwar 1911 wieder
auf das Katheder, und die Fakultät wählte ihn erneut zum Dekan,
doch dann mußte er seine Lehrtätigkeit beenden. Bei einem zur
Erholung gedachten Aufenthalt in der Grafschafter Bergwelt starb
Max Sdralek am 2. Juni 1913 im Alter von 57 Jahren zu Landeck.
Die Beisetzung erfolgte in der Domherrengruft des Breslauer
Domes.
Von
einem so glänzenden akademischen Lehrer hätte man eine große
Zahl wissenschaftlicher Veröffentlichungen erwarten können. In
dieser Hinsicht ließ Sdraleks Lebenswerk aber viel zu wünschen
übrig. Ausgerechnet die in der „münsterschen Verbannung“
verbrachte Zeit ließ das meiste wachsen, und mit etwa 40 Jahren,
nach der Rückkehr in die schlesische Heimat, entstand nur wenig.
Als wesentlicher Grund ist die ausgesprochen starke Zuwendung zu
seinen Studenten zu sehen, denen er immer hilfreich zur Seite
stand bei ihren wissenschaftlichen Vorhaben. In den von ihm
herausgegebenen „Kirchengeschichtlichen Abhandlungen“ (10 Bände)
gelangte manch eine Schülerarbeit zum Druck. Auch die neben der
Professur versehenen Ehrenämter und die zu bestimmten Themen
gesammelte „Überfülle“ der Unterlagen behinderten ihn. Sdraleks
große Erfolge lagen auf dem Gebiete des Lehrens, mehr als auf
dem des Forschens. So kann er als Begründer der Breslauer Schule
der Kirchenhistoriker betrachtet werden, zu der so tüchtige
Leute wie die Professoren Franz Xaver Seppelt, Joseph Wittig,
Felix Haase und Berthold Altaner gehörten. Während Seppelt auch
als direkter Fortsetzer von Sdraleks frühmittelalterlichen
Forschungen arbeitete, wurde der Dichtertheologe Wittig zum
Biographen seines Lehrers, den er wiederholt in meisterlicher
Sprache, schwungvoll-poetisch, würdigte, dabei auch Kritisches
einfließen lassend. „Sdralek war ein akademischer Lehrer
ohnegleichen geworden. Er verschmähte es nicht, Meisterwerke
historischer Darstellung bald zur Grundlage, bald zum Ornament
seiner Vorträge zu wählen, und er wählte immer vortrefflich,
aber immer erst, nachdem er selbst mit der ihm eigenen
gnadenvollen Intuition geschaut, was die gewählten Werke
darstellten. Er hatte einen sicheren Blick für das Bleibende im
raschen Wachstum der historischen Forschung.“ (Wittig) Der Sohn
eines im slawischen Volkstum geborenen und preußischer Lehrer
gewordenen Vaters und einer deutschen Mutter war ein akzentuiert
deutschfühlender und kaisertreuer Professor.
Werke:
Hinkmars von Rheims kanonistisches Gutachten über die
Ehescheidung des Königs Lothar II. Ein Beitrag zur Kirchen-,
Staats- und Rechtsgeschichte des IX. Jahrhunderts. Freiburg i.Br.
1881, Diss. – De S. Nicolai PP. I. Epistolarum Codicibus
Quibusdam Manuscriptis, Wratislaviae 1882, Breslauer Kath.-theol.
Habilitationsschrift. – Die Stellung der Geschichte zur
Philosophie und Naturwissenschaft. Rektoratsrede, Münster 1888.
– Deutschlands und Europas Trauer beim Tode Kaiser Wilhelms I.,
des Schöpfers des neuen deutschen Reiches, Paderborn 1888. – Die
Streitschriften Altmann’s von Passau und Wezilo’s von Mainz,
Paderborn 1890. – Wolfenbüttler Fragmente. Analekten zur
Kirchengeschichte des Mittelalters aus Wolfenbüttler
Handschriften (Kirchengeschichtliche Studien. Bd. 2, Heft 2),
Münster i.W. 1891. – Die Straßburger Diözesansynoden, Freiburg
i.Br. 1894 (Straßburger theologische Studien. Bd. 2, H, 1). –
Über die Ursachen, welche den Sieg des Christentums im römischen
Reiche erklären, Rektoratsrede, Breslau 1907. – Herausgeber:
Kirchengeschichtliche Abhandlungen, Bd. 1-10, Breslau 1902-1912.
Lit.:
Felix Haase, Die Aufgaben des Kirchengeschichtslehrers nach
Professor Max Sdralek, in: Schlesisches Pastoralblatt 35, 1914,
S. 8-12 und 17-21. – Joseph Wittig, Maximilian Sdralek, in:
Chronik der Schlesischen Friedrich-Wilhelms-Universität zu
Breslau 28, 1914, S. 176-196. – Ders., Maximilian Sdralek,
in: Jahres-Bericht der Schlesischen Gesellschaft für
vaterländische Cultur, 1913, I. Bd., Breslau 1914, Nekrologe, S.
25-35. – Ders., Max Sdralek, in: Der Oberschlesier III, 1921, S.
634-636 und 659-662. – Ders., Max Sdralek, in: Schlesische
Lebensbilder 1, 1922, S. 130-133; 2. Aufl., 1985, ebd. – Hubert
Jedin, Kirchenhistoriker aus Schlesien in der Ferne, in: Archiv
für schlesische Kirchengeschichte 11, 1953, S. 243-259, hier S.
250-251. – Erich Kleineidam, Die katholisch-theologische
Fakultät der Universität Breslau 1811-1945, Köln 1961, sehr oft
erwähnt, v. a. S. 90-91 und S. 151-152. – (Josef Negwer,)
Geschichte des Breslauer Domkapitels im Rahmen der
Diözesangeschichte vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis zum Ende
des Zweiten Weltkrieges, hrsg. von Kurt Engelbert, Hildesheim
1964, siehe Register. – Hubert Schiel, Max Sdralek, der
Begründer der Breslauer Kirchengeschichtsschule, im Bannkreis
von Franz Xaver Kraus, in: Archiv für schlesische
Kirchengeschichte 35, 1977, S. 239-284; 36, 1978, S. 159-203. –
Rainer Bendel, Max Sdralek. Der Begründer der Breslauer
kirchenhistorischen Schule, ebd. 55, 1997, S. 11-37. – Lexikon
für Theologie und Kirche, IX. Bd., 1937, Sp. 389 (F. X. Seppelt).
– Dasselbe, 2. Aufl.. IX. Bd., 1964, Sp. 554-555 (J.
Gottschalk). – Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon,
Bd. 9, 1995, Sp. 1264-1267 (K. Hausberger). – Franz Heiduk,
Oberschlesisches Literatur-Lexikon, Teil 3, 2000, S. 92.
Bild:
Erich Kleineidam, Die Katholisch-theologische Fakultät der
Universität Breslau 1811-1945, Köln 1961.
Hans-Ludwig
Abmeier