Sedlnitzky entstammte einer angesehenen
mährisch-schlesischen Adelsfamilie. Kindheit und Jugend
verbrachte er auf dem väterlichen Stammschloß,
unterrichtet von Hauslehrern, die ihn im Geiste der
katholischen Aufklärung erzogen. Da der Knabe für die
geistliche Laufbahn bestimmt worden war, erhielt er
schon früh verschiedene Präbenden, zum Beispiel 1802 ein
Kanonikat an der Kollegiatkirche zu Neisse. Im Oktober
1804 immatrikulierte sich Sedlnitzky an der Universität
Breslau zum Studium der Philosophie und Theologie. Sein
besonderes Interesse galt der Auslegung der Bibel. Gerne
hörte er die Vorlesungen des von der katholischen zur
evangelischen Kirche übergetretenen Professors Adalbert
Kayßler, der, ähnlich wie Blaise Pascal und Johann
Michael Sailer, eine Einigung der Konfessionen auf der
Grundlage biblischer Werte für möglich hielt. Nachdem er
1809 die theologischen Examina abgelegt hatte, empfing
Sedlnitzky am 8. Juni 1811 in der Kreuzkirche zu Breslau
die Priesterweihe durch Fürstbischof
Hohenlohe-Waldenburg-Bartenstein und trat als Assessor
und Sekretär in das Bischöfliche Vikariatsamt ein. Seine
Mitgliedschaft in der 1805 von Johann Michael Sailer
gegründeten Bibelgesellschaft, die sich unter anderem
die Verbreitung einer deutschen Übersetzung des Neuen
Testaments unter allen Christen zum Ziel gesetzt hatte,
trug Sedlnitzky allerdings schon bald Anfeindungen
seiner Kollegen und den Argwohn der höheren
Geistlichkeit ein, die ihm unterstellten, er habe sich
von der katholischen Lehre entfernt. Dieser Vorwurf traf
damals noch nicht zu, auch wenn die nach dem Wiener
Kongreß einsetzende Restauration Sedlnitzkys Vorstellung
von der Zukunft des Christentums zuwiderlief. Da ihm
aber angesichts der fortwährenden Verdächtigungen eine
weitere Tätigkeit in der kirchlichen Administration
unmöglich schien, nahm er einen Ruf des Oberpräsidenten
von Schlesien, Theodor von Merckel, an und wechselte als
Konsistorialrat in das Provinzialkonsistorium beim
Oberpräsidium in Breslau.
Rasch erwarb sich Sedlnitzky die Gunst der preußischen
Regierung, die seinen weiteren kirchlichen Aufstieg
förderte. Seit 1819 Domkapitular in Breslau, erhielt er
1830 durch königliche Präsentation die Dompropstei und
wurde nach dem Tod des Fürstbischofs Schimonsky-Schimoni
am 28. Dezember 1832 zum Kapitularvikar gewählt.
Sedlnitzky war auch der Wunschkandidat der preußischen
Behörden für die Nachfolge auf dem Bischofsstuhl, obwohl
an der Kurie schwere Bedenken gegen ihn vorlagen und er
selbst bezweifelte, daß er dem Amt gerecht werden könne.
Nach zähen Verhandlungen setzte König Friedrich Wilhelm
III. schließlich seinen Willen durch. Am 27. Oktober
1835 wählte das Domkapitel Sedlnitzky einstimmig zum
Fürstbischof von Breslau; Papst Gregor XVI.
präkonisierte ihn am 11. Juli 1836; am 18. September
desselben Jahres empfing er im Dom zu Breslau aus der
Hand des Erzbischofs von Gnesen-Posen, Martin Dunin, die
Bischofsweihe. Doch bald nach seinem Amtsantritt sah
sich Sedlnitzky erneut Verdächtigungen und Schikanen
ausgesetzt. Unter anderem wurde er gerügt, weil er den
Titel "Fürstbischof von Gottes Gnaden" statt des
vorgeschriebenen "Fürstbischof von Gottes und des
Apostolischen Stuhles Gnaden" führte. Vertrauliche
Dokumente gelangten ohne sein Wissen an die
Öffentlichkeit; seine Anordnungen wurden verschleppt
oder gänzlich ignoriert. Zum offenen Bruch mit dem
Heiligen Stuhl kam es im Zusammenhang mit dem
Mischehenstreit, der 1837/38 eskalierte. Da Sedlnitzky
nicht auf der katholischen Kindererziehung bestand,
sondern an der seit Mitte des 18. Jahrhunderts geübten
und noch von Papst Pius VIII. gebilligten Praxis
festhielt, welche die stillschweigende Duldung
nichtkatholischer Kindererziehung in einer
gemischtkonfessionellen Ehe vorsah, rügte ihn Papst
Gregor XVI. in einem Schreiben vom 18. Januar 1839 in
scharfer Form, forderte die strikte Einhaltung der
verschärften Regelung und bezichtigte ihn weiterer
Irrlehren wie des Hermesianismus und der Unterstützung
des schlesischen Häretikers Anton Theiner. Von diesen
zum Teil ungerechtfertigten Vorwürfen zutiefst
getroffen, sah Sedlnitzky nur noch einen Ausweg: Am 18.
Juli 1840 resignierte er auf sein Bischofsamt; der
Heilige Stuhl nahm seinen Rücktritt am 10. Oktober 1840
an.
In der Folgezeit lebte Sedlnitzky überwiegend in Berlin,
wo ihn König Friedrich Wilhelm IV. zum Wirklichen
Geheimen Rat und Mitglied des Staatsrates ernannte und
ihm, da er auf alle Einkünfte aus seiner bischöflichen
Stellung verzichtet hatte, eine staatliche Pension
aussetzte. Im Laufe der Zeit entfernte sich Sedlnitzky
innerlich immer weiter von der zunehmend ultramontanen
Ausrichtung der katholischen Kirche. Dagegen
beeindruckten ihn die evangelische Spiritualität und
Diakonie, die er bei Besuchen in der Herrnhuter
Brüdergemeine und im Rauhen Haus zu Hamburg erlebte,
sowie das Glaubenszeugnis führender evangelischer
Männer, denen er in Berlin begegnete. So war sein
Übertritt zur evangelischen Kirche durch Empfang des
Abendmahls in beiderlei Gestalt am ersten Adventssonntag
1862 in der Berliner Marienkirche nur die letzte
Konsequenz einer längeren religiös-geistigen
Entwicklung.
Daß es ein katholischer Bischof wagte, offen zum
evangelischen Glauben überzutreten, erregte ungeheures
Aufsehen und führte unausweichlich zu einer gewissen
negativen (katholischerseits) wie positiven (evangelischerseits)
Legendenbildung, die eine historisch objektive
Darstellung Sedlnitzkys erschwert. Geprägt vom
Gedankengut der Aufklärung und offen für die Ökumene,
mußte er zwangsläufig mit der restaurativ-ultramontan
orientierten katholischen Amtskirche in Konflikt
geraten. Persönlich jedoch war er ein zutiefst frommer,
um den rechten Glauben ringender Mensch. Einen Großteil
seiner Einkünfte stiftete er für soziale Zwecke. So
gründete er 1862 in Berlin das "Paulinum", eine
Pensionsanstalt für Gymnasiasten, 1869 ebenda ein
Konvikt für evangelische Theologiestudenten, das "Johanneum".
In seinem Testament bedachte er das Breslauer
evangelische Theologenkonvikt mit bedeutenden Mitteln.
Die weitere Entwicklung des Katholizismus verfolgte er
kritisch, jedoch ohne Polemik. Am 25. März 1871 erlag
Sedlnitzky in Berlin den Folgen eines Gehirnschlages.
Seinem letzten Willen entsprechend wurde er in seiner
schlesischen Heimat auf dem evangelischen Friedhof von
Rankau im Kreis Breslau begraben.
Lit.: H. Lother, Leopold Graf Sedlnitzky, in:
Schlesische Lebensbilder, Bd. 4, Breslau 1931,
Sigmaringen
21985,
S. 339-347. - E. Sobotta, Studie zur theologischen
Entwicklung des Grafen Sedlnitzky nach seiner
Resignation, in: Jahrbuch des Vereins für schlesische
Kirchengeschichte 25 (1936), S. 147-154. - J.
Gottschalk, Briefe an den resignierten Fürstbischof von
Breslau, Leopold Graf Sedlnitzky, in: Archiv für
schlesische Kirchengeschichte 2 (1937), S. 185-206. -
Ders., Übertritt, Tod und Grabstätte des ehemaligen
Breslauer Fürstbischofs Graf Leopold von Sedlnitzky, in:
ebd. 5 (1940), S. 206-213. - K. Müller, Graf
Leopold Sedlnitzky, Fürstbischof von Breslau, in:
Jahrbuch für schlesische Kirche und Kirchengeschichte
N.F. 38 (1959), S. 129-138. - A. Jongen, Leopold
Graf von Sedlnitzky, Fürstbischof von Breslau,
Preußischer Staatsrat, Freund und Förderer Wicherns.
1787-1871. Zu seinem 100. Todestag, in: Jahrbuch für
schlesische Kirchengeschichte N.F. 50 (1971), S.
125-162. - E. Gatz, Art. Sedlnitzky, Leopold Graf,
in: Ders. (Hrsg.), Die Bischöfe der deutschsprachigen
Länder 1785/1803-1945. Ein biographisches Lexikon,
Berlin 1983, S. 696-698.
Bild: aus: Schlesische Lebensbilder, a.a.O., Abb.
20.
Barbara Wolf-Dahm