Die Familie
Sievers aus
Holstein
gelangte in
Russland im
18.
Jahrhundert
zu großem
Einfluss. Es
mochte nicht
zuletzt
daran
gelegen
haben, dass
dem Herzog
Carl
Friedrich
von
Holstein-Gottorp,
Vater des
Zaren Peter
III.,
Schwiegervater
Katharinas
II.,
Schwiegersohn
Peters des
Großen, nach
dem Tode
seiner
Ehefrau Anna
Petrovna von
seiner nicht
angetrauten
Frau Wriedt
eine Tochter
geboren
wurde,
Caroline.
Diese
heiratete
den
holsteinisch
herzoglichen
Amtmann von
Cismar,
einen
Repräsentanten
der
holsteinischen
Familie
Sievers.
Peter III.
hatte seine
Halbschwester
anerkannt
und holte
zahlreiche
Mitglieder
der Familie
Sievers in
das
Russische
Reich, wo
diese aber
schon zuvor
– in Livland
– Fuß
gefasst
hatten.
Einfluss
hatte
beispielsweise
Carl von
Sievers als
Oberhofmeister
der Zarin
Elisabeth.
David
Reinhold von
Sievers
wurde
unmittelbar
nach der
Thronbesteigung
Peters III.
von diesem
zum Leutnant
bei dem
holsteinischen
Regiment in
Russland
befördert.
Er wurde
nach dem
Sturz des
Zaren von
Katharina
II. als
russischer
Offizier
übernommen,
fiel aber
bald im
Kampf gegen
die Türken.
Weitere
Repräsentanten
der Familie
Sievers
finden sich
zu jener
Zeit im
russischen
Heer, so
Karl
Eberhard von
Sievers und
Johann
Gottlob von
Sievers, die
es beide bis
zum General
brachten.
Auch ein
Johann
Christian
von Sievers
diente als
Offizier
damals im
russischen
Heer.
Wohl der
bedeutendste
Mitarbeiter
Katharinas
II., die
nach dem
Tode ihres
Mannes von
1762 bis
1796
Russland
regierte,
wurde aber
Jacob Johann
Graf von
Sievers. Der
bekannte
russische
Historiker
des 19.
Jahrhunderts,
Bilbassoff,
betont, dass
Jacob Johann
von Sievers
während der
Regierungsperiode
Katharinas
zweimal eine
wesentliche
Rolle
gespielt
habe: 1764
bis 1781 als
Generalgouverneur
von Novgorod
und 1791 bis
1792 als
Diplomat in
Polen.
Jacob Johann
von Sievers
– sein Vater
war vom
Großfürsten
Peter zum
„fürstlich-holsteinischen
Canzleirath“
ernannt
worden –,
war ein
Neffe des
auch noch
unter der
Regierung
Katharinas
II. in Gunst
stehenden
alten
Oberhofmarschalls
Carl von
Sievers.
Dieser hatte
1743 den
Neffen, der
schließlich
auch sein
Schwiegersohn
wurde, nach
St.
Petersburg
geholt, wo
er 1744 im
Kollegium
für
Auswärtige
Angelegenheiten
seinen
Dienst
antrat. 1748
war er schon
bei der
russischen
Gesandtschaft
in
Kopenhagen
und von 1749
bis 1755 als
russischer
Diplomat in
London.
England
prägte ihn.
Zeit seines
Lebens hegte
Sievers eine
Vorliebe für
dieses Land,
und manche
Anregungen,
insbesondere
zu späteren
Agrarreformen
in Russland,
hatten dort
ihren
Ursprung.
Im
Siebenjährigen
Krieg war
Jacob Johann
von Sievers
gleichfalls
russischer
Offizier und
brachte es
bis zum
Generalmajor.
Krankheitshalber
wurde er
Anfang des
Jahres 1761
vom Dienst
suspendiert,
worauf er
nach Italien
und
Österreich
reiste. Erst
im Herbst
1762 kehrte
er nach
Russland
zurück.
Sievers
erlebte also
die Zeit
Peters III.
nur aus der
Ferne mit.
Katharina
II. lernte
ihn auf
ihrer ersten
Inspektionsreise
in den
russischen
Ostseeprovinzen
Liv- und
Estland 1764
kennen. Bald
darauf
begann
Sievers
seine
Laufbahn als
führender
Verwaltungsbeamter.
Seine
Tätigkeit
als
Generalgouverneur
von Novgorod
von 1764 bis
1776, dann
seit 1776
als
Statthalter
oder
Generalgouverneur
von Tver und
Novgorod bis
1781, ist
von seinem
Biographen
Karl Ludwig
Blum bereits
im
vorletzten
Jahrhundert
ausführlich
in vier
Bänden
behandelt
worden.
Gleich zu
Beginn
seiner
Verwaltungstätigkeit
schickte
Sievers der
Kaiserin
demnach
einen
Bericht über
die
Erfordernisse
des
Gouvernements.
Im Laufe
seines
Briefwechsels
mit
Katharina
II. wurden
Fragen der
Wasserverbindungen,
des
Schiffsbaus,
des Erhalts
der Wälder,
der
wirtschaftlichen
Lage der
Bauern, der
Rekrutenaushebung
besprochen,
die in der
Praxis ihre
Wirkungen
zeigten.
Sievers
richtete in
seinem
Generalgouvernement
eine Post
ein.
Jacob Johann
von Sievers
bereitete
mit seiner
den
Vorbildern
der deutsch
geprägten
baltischen
Provinzen
verpflichteten
Tätigkeit
als
Generalgouverneur
von Novgorod
die groß
angelegte
Gouvernementsreform
vor, die
Katharina
II. 1775 im
gesamten
Reich
durchführen
ließ und die
einen
wesentlichen
Einschnitt
in der
russischen
Verwaltungsgeschichte
bedeutete.
Sievers war
an diesem
Reformwerk
zweifach
beteiligt:
zum einen
durch seine
Tätigkeit
als Leiter
Novgorods
als des
Modellfalls
für die
Reform, zum
zweiten aber
auch durch
weitere
theoretische
Vorschläge,
die er der
Kaiserin in
zahllosen
Briefen
unterbreitete.
Auf seine
Initiative
gehen zudem
die
Einführung
des
Kartoffelanbaus
und die
Abschaffung
der Folter
(1767)
zurück. 1779
verfasste er
eine
Denkschrift
über die
Gefängnisse
in Russland
und schlug
vor, auch
hier
Verbesserungen
durchzuführen.
Gemäß seiner
Anregung
gründete
Katharina
II. eine
erste
russische
Assignatenbank.
Die Kaiserin
wandte sich
ihrerseits
in vielen
Briefen mit
Vorschlägen
und
Ratschlägen
an Sievers –
etwa 500
davon sind
bekannt.
Im Jahre
1781 wurde
Sievers als
Generalgouverneur
von Tver und
Novgorod auf
seinen
eigenen
Wunsch hin
abgelöst.
Nicht
zuletzt ging
sein
Entschluss
zurück auf
Auseinandersetzungen
mit Fürst
Potemkin.
Nachfolger
wurde der
Brite Jacob
Bruce.
Sievers
widmete sich
in der Folge
der
Landespolitik
in Livland.
Von 1783 bis
1786 war er
livländischer
Landrat,
damit der
ständischen
Korporation
der
livländischen
Ritterschaft
verpflichtet
und zugleich
der
dezentralen
autonomen
livländischen
Landespolitik.
Diesen
Posten hatte
Sievers also
gerade in
jener Zeit
inne, in der
Katharina
II. eine
Zentralisierungspolitik
einleitete,
die mit der
Einführung
der
Statthalterschaftsverfassung
1783 auch in
Liv- und
Estland ihre
Spuren
hinterließ –
zu Ungunsten
der
baltischen
Sonderrolle,
die Sievers
selbst als
Generalgouverneur
mit
eingeleitet
hatte. Alle
Provinzen am
Rande des
Russischen
Reiches
sollten dem
großrussischen
Kernland
angeglichen
werden. Im
19.
Jahrhundert
wurde diese
Politik
durch die
sprachliche
Russifizierung
noch
erweitert,
die auch
über die
revolutionären
Ereignisse
von 1917
hinaus
andauerte.
Der
Historiker
Brückner hat
bereits 1913
Sievers mit
dem
legendenumwobenen
Liebhaber
Katharinas
II., dem
Fürsten von
Taurien,
Potemkin,
verglichen.
Brückner
schreibt:
„Sievers war
bestrebt, in
schlichter
Weise den
praktischen
Nutzen im
Auge
haltend,
alle
Lebensverhältnisse
des Volkes
zu
verbessern,
Potemkin
bemühte
sich, seinen
Schöpfungen
in
gewaltigem
Pathos
grandiose
Formen zu
geben.“
Brückners
Urteil
trifft wohl
im Ganzen
zu. Wenn
Potemkin im
Großen
plante, so
bestand
Sievers
Tätigkeit in
einer Fülle
von
Einzelmaßnahmen,
die aber in
ihrer
nachhaltigen
Wirkung für
das
Russische
Reich denen
Potemkins an
Bedeutung
durchaus
gleichzusetzen,
wenn nicht
gar höher
einzuschätzen
sind. Im
übrigen
standen
Sievers und
Potemkin in
sehr
schlechtem
Verhältnis
zueinander.
Sievers
zeitweilige
Entlassung
aus dem
Staatsdienst
und dann
seine
Wiedereinsetzung
standen in
unmittelbarem
Zusammenhang
mit dem
starken
Machteinfluss
Potemkins,
den dieser
auf
Katharina
II.
besonders
seit 1781
ausübte.
Erst nach
dem Tod
Potemkins
kehrte
Sievers 1791
in den
Dienst
Katharinas
zurück. Als
russischer
Diplomat
leitete er
die zweite
und dritte
Teilung
Polens und
leistete
dabei einer
allgemeinen
Russifizierung
der
Verwaltung
der neu
gewonnenen
Gebiete
Vorschub.
Jacob Johann
Graf von
Sievers, der
Repräsentant
einer
holsteinischen
Familie – im
übrigen war
er deutscher
Reichsgraf,
nicht etwa
russischer
–, war ohne
Zweifel
einer der
bedeutsamsten
Mitarbeiter
der
russischen
Zarin. Seine
Erfahrungen
aus seiner
Verwaltungstätigkeit
ermöglichten
es ihm, die
Reformbestrebungen
Katharinas
II. zu
unterstützen.
Er gehörte
damit
allerdings
auch zu
jenen, die
in der
Exekutive im
Sinne einer
russischen
Reichszentralisierung
wirkten. Die
unbedingte
Loyalität
gegenüber
der
Herrscherin,
natürlicherweise
zeitüblich,
ist nicht zu
übersehen.
Auch ihrem
Sohn
gegenüber
bezeugte
Sievers
seine Treue.
Als
Katharina
II. 1796
gestorben
war, schrieb
der alte
Sievers an
seine
Tochter:
„Du
kennst schon
den
Beschluss
der
Vorsehung,
die uns eben
der
unsterblichen
Katharina
beraubte,
der von
ihrem
unermesslichen
Reich
geliebten,
und die ich
als meine
großartige
Wohltäterin
insbesondere
lieben
musste. Die
Tugenden
ihres
Nachfolgers
werden nun
in diese
tiefe Wunde
gießen. Möge
die
Vorsehung
seine
Gesundheit
stärken!
Dies ist
mein erster
Wunsch. Ich
weiß, er
will das
Wohl der
Menschheit,
die er
liebt. Gebe
ihm dieselbe
göttliche
Vorsehung
gute Räthe,
treue
Diener! Was
kann ich
nicht wieder
jung werden?
Ich würde
ihm meine
Tage weihen,
wie ichs
seiner
unsterblichen
Mutter tat.“
Von Zar Paul
1796 zum
Senator und
1797 zum
Chef des
neuen
Departements
der
Wasserkommunikation
ernannt
schied Jacob
Johann Graf
von Sievers
1800 aus dem
Staatsdienst
aus. Er
musste noch
als alter
Mann
miterleben,
wie sich
viele seiner
Hoffnungen
und Wünsche
zerschlugen.
Im Jahre
1801 wurde
auch der Zar
Paul wie
sein Vater
Peter III.
umgebracht,
was den
französischen
Staatsmann
Talleyrand
zu dem
Ausspruch
verleitete,
die
russische
Staatsreform
des 18.
Jahrhunderts
sei eine
Autokratie
gemildert
durch
Zarenmord.
Jacob Johann
Graf von
Sievers
starb im
Jahre 1808
auf seinem
livländischen
Gut Bauenhof
im Alter von
77 Jahren.
Lit.:
Karl Ludwig
Blum, Ein
russischer
Staatsmann.
Des Grafen
Jacob Johann
Sievers
Denkwürdigkeiten,
Leipzig/Heidelberg
1857-1858, 4
Bde. – Ders.,
Graf Jacob
Johann v.
Sievers und
Russland und
seine Zeit,
Heidelberg
1864. –
Arthur
Kleinschmidt,
Geschichte
des
russischen
hohen Adels,
Cassel 1877.
– J.
Engelmann,
Sievers,
Jakob Johann
Graf, in:
ADB, Bd. 34,
Leipzig
1892, S.
232-240. –
B. v.
Bilbassoff,
Katharina
II.,
Kaiserin von
Rußland im
Urteil der
Weltliteratur,
Berlin 1897,
2 Bde. –
Alexander
Brückner,
Geschichte
Russlands
bis zum Ende
des 18.
Jahrhunderts,
Gotha 1913,
2 Bde. – G.
v. Helbig,
Russische
Günstlinge,
hrsg. v. Max
Bauer,
München u.
Berlin 1917.
– Wilhelm
Lenz (Hrsg),
Deutsch-Baltisches
Biographisches
Lexikon,
Köln 1970. –
Hubertus
Neuschäffer,
Katharina
II. und die
baltischen
Provinzen,
Hannover
1975.
Bild:
Jakob
Johann
Sievers nach
Joseph
Grassi.
Hubertus
Neuschäffer