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Im
Jahre 1891 wurde Traugott Freiherr von Stackelberg in der alten
Hansestadt und Hauptstadt Estlands geboren. Stackelberg entstammte einer
estländischen ritterschaftlichen Familie, die über Jahrhunderte das Land
mit geprägt hat. Die Familie war im Mittelalter, in den Jahren der
Kolonisation und der Christianisierung, in das Baltikum gelangt.
Die Stackelberg haben sich im Laufe der Zeit nicht nur an der
Selbstverwaltung der baltischen Provinzen beteiligt. Nachdem die
Ostseeprovinzen im Jahre 1721 unter russische Herrschaft gelangt waren,
wirkte das Geschlecht mit vielen Repräsentanten auch in der russischen
Verwaltung. Zahlreiche Familienmitglieder dienten dem Zaren als
Offiziere. Das russische Kaiserreich verdankt dieser Familie viele große
Persönlichkeiten, darunter mehrere herausragende Diplomaten. Doch wie
bei nicht wenigen ritterschaftlichen Familien des Baltikums war im Laufe
der Zeit nicht nur die juristische Verwaltungserfahrung ausgeprägt.
Gleichermaßen traten die Stackelberg auch im Kulturleben des Baltikums
hervor. So waren sie in der Professorenschaft der Universität Dorpat und
in der baltischen Literaturgeschichte vertreten. Der Vater Traugott v.
Stackelbergs, Nikolaus, wirkte als Pastor längere Zeit im Gouvernement
Pleskau. Dort war er zugleich Adelsmarschall. Später übernahm Nikolaus
die Leitung einer Diakonieanstalt in Reval. Der Sohn Traugott wußte sich
mit seinem Medizinstudium der großen Familientradition verpflichtet, ist
ganz in ihr groß geworden. Er wurde zum Vermittler zwischen dem
baltischen Raum und dem russischen Zarenreich. Er hat versucht, falsche
Vorstellungen über das russische Reich auszuräumen.
Wenn etwa schon seit dem 18. Jahrhundert in Westeuropa mit dem Wort
Sibirien zumeist die Vorstellung von Verbannung verbunden war, so hat
gerade Traugott von Stackelberg mit seinem großartigen Buch Geliebtes
Sibirien dazu beigetragen, ein anderes Bild dieses Landstrichs zu
entwerfen. Sibirien war freilich auch für baltische Familien schon im
19. Jahrhundert zum Verhängnis geworden, denn unter den
Dekrabristen gab es auch mehrere Balten, die nach Sibirien verbannt
wurden. Sibirien ist einerseits bis in die Gegenwart mit diesem Verdikt
zu recht behaftet, dennoch gab und gibt es auch andere hervorhebenswerte
Aspekte. Stackelbergs Buch über Sibirien ist eine Liebeserklärung an
dieses Land, mit seiner Schilderung der Natur in ihrer unendlichen Weite
und der Menschen in ihrer großzügigen Denkungsart. Das Werk beruht auf
Erlebnissen und Kenntnissen, die Stackelberg in mehreren Jahren in
Sibirien gesammelt hat. Stackelberg hatte nach der Schulausbildung in
Reval, schließlich nach einem Studium der Medizin in Deutschland und
Finnland, längere Zeit in Sibirien verbracht.
Auch er war während des Ersten Weltkrieges, in den Jahren 1915 bis 1918,
als politischer Deportierter nach Sibirien gekommen. Als Arzt konnte er
aber einen großen Teil Nord-, Mittel- und Vorderasiens bereisen. Seine
Verbannungszeit in Sibirien hat er genutzt und als große Bereicherung
seines Lebens empfunden. Ein weiteres Werk Stackelbergs, Manon de
Carmignac, „ein Roman aus dem alten Europa“, im Jahre 1952, ein Jahr
nach seinem Buch über Sibirien erschienen, enthält gleichfalls
autobiographische Züge. Es schildert das Leben des Barons Lappe, der aus
Estland stammt, in Berlin Medizin und Kunstgeschichte studiert und
schließlich in die Wirren des Ersten Weltkriegs hineingerät. Es ist eine
leise Liebeserzählung, in der die Berliner Hugenottin Manon de Carmignac
die Hauptrolle spielt. Stackelberg schildert das „alte Europa“ vor dem
dem Ersten Weltkrieg, in dem die kulturellen Verbindungen alter Familien
vom Westen bis zum Osten Europas reichen.
In seinem Roman über Manon de Carmignac greift Stackelberg eine typisch
baltische literarische Tradition auf, wie sie etwa auch Siegfried von
Vegesack in seiner Romantriologie verwendet hat, indem er seine
Erzählung in eine fingierte aufgefundene Aufzeichnung einkleidet. So
heißt es am Beginn des Romans: „Die nachfolgenden Aufzeichnungen des
baltischen Barons Johannes von Lappe und das Tagebuch der Manon de
Carmignac übergab mir nach ihrer Flucht aus Pommern Margaretha von
Lappe, geb. von Born. Ihr Mann war im Zweiten Weltkrieg von der
deutschen Wehrmacht als Dolmetscher eingezogen worden und aus Rußland
nicht wieder heimgekehrt.“
Stackelberg schildert das Leben und die Welt der Deutsch-Balten, die
eben nicht nur als Verwaltungsfachleute und Offiziere im russischen
Zarenreich hervorgetreten sind, sondern gleichermaßen auch als Künstler
und Kunstbegeisterte weit über die Landesgrenzen hinaus gewirkt haben.
Diese Welt brach 1918 zusammen. Stackelberg, aus Sibirien zurückgekehrt,
verließ das Baltikum. Er ließ sich als Arzt in Süddeutschland nieder. Er
hatte seit dem Jahre 1925 eine Arztpraxis in Schwaben und lebte auf dem
sogenannten Degenhof bei Tengen. Dort verfaßte er auch seine Bücher.
Durch seine schriftstellerische Arbeit wurde er bekannt, seine Existenz
vermochte sie aber nicht zu sichern, so daß er zeitlebens den Arztberuf
ausgeübt hat. Zu seinen weiteren, in den 1950er Jahren erschienenen
Werken gehören Wintererzählungen, Cornet der Zarin, Die Bärenkralle
und Doktors Vieh, eine kleine Erzählung aus dem Leben eines
Landarztes. Im Jahre 1958 veröffentlichte er zwei Erlebnis- und
Reiseberichte unter dem Titel Fratze und Gesicht Rußlands.
Stackelberg ist immer wieder den eigenen Spuren nachgegangen, so etwa
1968 in dem Buch Auf eigener Fährte. Reise durch die Sowjetunion.
Am 8. November 1970 ist Stackelberg in Tengen auf dem Degenhof
gestorben. Sein Hauptwerk ist das Buch über Sibirien und Manon de
Carmignac, zwei Werke, die viel über das Baltikum und die baltische
Kultur, gerade in seiner kulturellen Brückenfunktion zwischen dem Osten
und Westen Europas sagen.
Hubertus Neuschäffer
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