Der Wiener
Kunsthistoriker
und
Museumsmann
Professor
Dr. Hans
Tietze, ein
gebürtiger
Prager,
schrieb in
seiner
Monographie
über Jakob
Steinhardt:
„1887 in
Zerkow
(Provinz
Posen),
einem
kleinen
einsamen
Städtchen,
weitab von
Eisenbahn
und Verkehr,
geboren.
Elternhaus
beherrscht
von frommer
altjüdischer
Tradition.
Kinderjahre
unter dem
Eindruck
biblischer
Erzählungen,
feierlicher
Riten,
Sabbate.
1896 bis
1906
besuchte
Steinhardt
in Berlin
das
Gymnasium.
Aber
alljährlich
während der
Ferien kam
er nach
Zerkow, dort
machte er
die ersten
Zeichnungen
und Pastelle
nach der
Natur:
Bettler,
betrunkene
polnische
Bauern,
Bethäuser,
immer wieder
den
Großvater.“
Tietze weist
in der Rückschau
auf die im
„Sturm“ 1912
veranstaltete
erste
Ausstellung
der „Pathetiker“
hin, da sich
damals
bereits die
Katastrophe
von 1914
ankündigte:
„Alles ist
unerträglich
geworden,
die Spannung
zwischen den
Ständen,
zwischen den
Rassen,
zwischen den
Völkern. Die
Künstler,
die die
feinsten
Nerven
hatten,
gaben den
stärksten
Ausschlag
des Pendels.
Übersättigt
von der
Vollendung
des
Erreichten,
angeekelt
von einer
Wirkung, die
sich schon
errechnen
ließ, warfen
sie Besitz
über Bord.
Das
Publikum,
ihr
Publikum,
hatte mit
ihren Auge
sehen
gelernt. Die
Künstler
überprüften
jetzt den
inneren
Zwang, der
sie zum
Schaffen
trieb. Sie
fanden ihn
ausgeweitet
wie zu lange
getragene
Schuhe, in
denen die
Füße
rutschen ...
Auch
Steinhardt
ließ sich
von der alle
umfassenden
Welle
hochheben.
Das Ziel,
das er sich
steckte, das
tief
ausschöpfende
Wiedererlebnis
biblischen
Geschehnisses,
ist schon
dem Knaben
vorgezeichnet
gewesen; der
Revolutionär
von
1910-1911
räumte auf
mit der
liebenswürdigen
Naturmalerei,
die er seit
seiner
Lernzeit bei
Corinth
übte.
Anfangs
fehlte ihm
noch die
Lockerung,
daß er
sogleich den
Weg nach
seinem Ziel
selbständig
zu gehen
wagte. Er
bedient sich
darum wie so
viele seiner
Zeitgenossen
der
Formensprache
Grecos, der
damals seine
Wiedergeburt
aus der
Sphäre
historischer
Gleichgültigkeit
zur zweiten
Aktualität
erlebte. In
dem großen
Gemälde ,Der
Prophet“
(1913/14)
hat
Steinhardt
dann sich
selbst
gefunden.
Eine letzte
Erinnerung
an Greco
klingt noch
in der über
schlanken
Erscheinung
des
Propheten
an, aber die
Menschen zu
seinen Füßen
sind die
Juden aus
Zerkow,
nein, nicht
die Juden,
ist der Jude
aus Zerkow,
immer
derselbe,
dasselbe
Gesicht,
zehnmal,
zwanzigmal;
erschreckt,
empört,
duldend,
gottergeben
duldend. Um
die ragende
Gestalt des
Propheten
wirbeln die
Häuser, als
wollten sie
einen
räumlichen
Kreis um ihn
schließen;
Fassaden
verziehen
sich,
zerbiegen
sich,
bersten, als
hätte die
Geste seiner
Arme ein
Erdbeben
gerufen! Des
Propheten
Vision, die
er dem Volk
übermittelt;
die Vision
des
Zusammenbruchs
... Sie
wurde
Wirklichkeit:
1914 bis
1917 war
Steinhardt
Soldat in
Litauen.
Starkes
Erlebnis:
Judenvolk in
kleinen
Städten –
jahrhunderteweit
vom
Geschehen
der Zeit –,
in Erwartung
des Messias
lebend.
Graue
Kriegstage.
In ärmlichen
Hütten,
heilige
Sabbate,
überfüllte
Bethäuser;
im
Kerzenlicht
ekstatisch
Betende.
Zahlreiche
Zeichnungen
entstanden,
die 1917 in
der Berliner
Sezession
ausgestellt
wurden.“
Jakob
Steinhardt
hat bereits
als Neunjähriger
in der
Reichshauptstadt
Fuß gefaßt.
Sein
weiterer
Lebensweg
ist bis zur
Emigration
an Berlin
gebunden.
Dort
studierte er
zunächst an
der
Kunstgewerbeschule,
dann bei
Lovis
Corinth und
Hermann
Struck. 1909
studierte er
bei Henri
Matisse in
Paris. Nach
einer
Italienreise
im Jahre
1911 kam es
1912 zur
Gründung der
Gruppe „Die
Pathetiker“
zusammen mit
Ludwig
Meidner und
Ludwig
Janthur.
Nach dem
Kriegsdienst
war er
wieder in
Berlin. In
den
zwanziger
Jahren
brachten ihm
Reisen durch
Dalmatien,
in die
Schweiz,
Frankreich
und Dänemark
viele
stilistische
und
motivliche
Anregungen.
Das Jahr
1925 stand
im Zeichen
der ersten
Begegnung
mit Palästina,
wohin er
dann 1933
emigrierte.
In Jerusalem
war er ab
1955 Leiter
der
Graphischen
Abteilung
der
Kunstakademie.
Zu den
wichtigsten
Ehrungen des
bald
international
bekannt
gewordenen
Malers und
Grafikers
gehören:
1939 Preis
der
„International
Business
Machine
Corporation/
IBM“, New
York; 1953
Erster
Internationaler
Preis für
Graphik
der Biennale
São
Paulo; 1958
Preis der „Californian
Printmakers“,
San
Francisco;
1959 Preis
der
„Arte
Liturgica“,
Biennale
Venedig;
1961 Preis
der
„Arte Sacra“
der Ersten
Internationalen
Biennale für
religiöse
Kunst.
Die Galerie
Wolfgang
Gurlitt
veranstaltete
die erste
bedeutende
Nachkriegsausstellung
seiner Werke
im Jahre
1958 in München.
Weitere
folgten. Vor
allem in
Berlin. In
den
Ausstellungen
der Künstlergilde
und der
Ostdeutschen
Galerie
wurde
Steinhardt
jeweils ein Ehrenplatz zugeordnet.
Jakob
Steinhardt
ist nie ein
so
expressionistischer
Großstadtmaler
geworden wie
sein Freund
Ludwig
Meidner. Und
von einem
Marc Chagall
trennen ihn
andere Gefühlslagen.
Bei ihm
finden wir weder
surrealistische
Züge
noch
märchenhafte
Romantik. Er
hat in
der Spätzeit
in Palästina
bzw. Israel
zu
konservativen
Kunstformen zurückgefunden.
Aus der Rückschau
erscheinen
seine
expressionistischen
Holzschnitte
vor allem
als prägnante
Darstellungen
der Welt des
ostjüdischen
„Städtel“
und der
Gläubigkeit
der
orthodoxen
Dorfjuden.
Seine Lithos,
mit denen er
die
„Gleichnisse
von Jizchok
– Leib
Perez“
(Berlin
1920)
illustrierte,
gehören
zu den
atmosphärisch
dichtesten
Schilderungen
jüdischen
Wesens.
Lit.: Jacob Steinhardt von Arno Nadel, in: Graphiker der Gegenwart, Band 4,
Berlin J920;
Jakob
Steinhardt
von Prof.
Dr. Hans
Tietze,
Berlin-Frohnau
o. J. (um
1930);
Oeuvre-Katalog
der
Holzschnitte
1959;
„The
Woodcuts of
Jakob
Steinhardt“
von Leo
Kolb; Jakob
Steinhardt –
Propheten,
Vorwort von
Heinrich A.
Mertens,
Essen 1963;
Katalog der
Gedächtnisausstellung
Berlin,
Rathaus
Wedding,
1969;
Katalog der
Ostdeutschen
Galerie
Regensburg:
„Klima einer
Hauptstadt.
Jüdische
Maler im
Berlin der
Jahrhundertwende“,
Rheinisches
Landesmuseum
Bonn 1976;
Jüdische
Maler u
Graphiker.
Ausstellung
zur Woche
der
Brüderlichkeit,
Ostdeutsche
Galerie
Regensburg.
Ernst
Schremmer