Wie
äußerte sich doch Hugo Hartung über den Roman von Ruth Storm
„Das vorletzte Gericht“, der 1953 erschien und sie mit einem
Male als eine Dichterin mit einer großen Sprachkraft auswies:
„Mit erzählerischem Können hat Ruth Storm ein großes Kapitel aus
dem Schicksalsbuch des deutschen Ostens behandelt: das Geschehen
in jenem reichen Vorland der Sudetengebirge, das zunächst vom
Kampfgeschehen der letzten tragischen Kriegsmonate im
schrecklichsten Winter unserer Geschichte verschont blieb, bis
mit der russischen und polnischen Besetzung und endlich der
Austreibung der deutschen Bevölkerung ein Drama von
atemberaubender Wucht und voll apokalyptischer Bilder
einsetzte.“ ... „Wer wird einmal über unser Leben berichten?“
fragt Marianne Erpach gegen Ende des Romans einen uralten Mann,
und dieser, eine fast mythologisch überzeitliche Gestalt,
erwidert ihr: „Es ist belanglos, wer es schreibt – wichtig ist
nur, daß es geschrieben wird!“ Das hat sich auch Ruth Storm
vorgenommen, wenn sie auf ihre Weise ein Vertreibungsschicksal
von vielen beschreibt und damit auf die Ungeheuerlichkeit dieses
Geschehens hinweist.
Als
Tochter das Zeitungsverlegers Carl Siwinna wurde sie am 1. Juni
1905 in Kattowitz geboren. Allein die Atmosphäre eines
Verlagshauses mit der täglichen Auseinandersetzung dessen, was
die Menschen bewegt, trug zu einer Aufgeschlossenheit bei, die
Ruth Storm während ihres Aufwachsens zu einer überwachen
Beobachterin der Geschehnisse werden ließ.
Durch
den Verlust der oberschlesischen Heimat im Jahre 1921 erfuhr ihr
Leben einen ersten bedeutsamen Einschnitt. Sie hatte die ersten
Schuljahre noch im Kattowitzer Lyzeum verbracht und beendete
ihre Schulzeit in der Höheren Mädchenschule des Internats der
Herrenhuter Brüdergemeinde in Gnadenfrei, was für ihre
Entwicklung sehr bestimmend war. Das Verlagshaus des Vaters,
welches von ihm einst erfolgreich aufgebaut wurde, mußte infolge
der Teilung Oberschlesiens an eine deutsche Aktiengesellschaft
abgetreten werden, die in den Besitz vom „Deutschen Volksbund“
kam.
Ihre
Familie fand Zuflucht in dem sich in ihrem Besitz befindlichen
„Haus Rundblick“ in Mittelschreiberhau im Riesengebirge, was
ganz in der Nähe des Hauses von Carl Hauptmann lag. Da
sich die Verlagsfiliale des Vaters in Berlin befand, erfolgte
schließlich die Übersiedlung nach dort, wo Ruth Storm einige
Semester an der Landwirtschaftlichen Hochschule studierte und
schließlich auf einem Gut in Pommern praktizierte. Das mag ihre
Liebe zur Natur vertieft haben und ließ sie auch Anteil nehmen
am Geschick der Menschen und der Tiere, die zu betreuen waren.
Im Jahre
1926 erfolgte die Verheiratung mit dem Rektor der TH
Berlin, Prof. Dr. Ernst Storm, der im Verlage ihres Vaters auch
sein Buch „Geschichte der deutschen Kohlenwirtschaft“
herausbrachte. Das Lehramt verlor Prof. Storm 1943 und danach
wurde das Haus in Mittelschreiberhau abermals zur
Zufluchtsstätte. Hier mag Ruth Storm nicht zuletzt, wie schon
zuvor, die so eigenartige Gebirgswelt des Riesengebirges, zu
weiteren Gedichten, Kurzgeschichten und Erzählungen angeregt
haben. Bis zur Vertreibung durch die Polen im Juni 1946 fand sie
mit ihrer Familie dort ihre Bleibe.
Danach
wohnte man zunächst in Peine, wo Ruth Storm einer
journalistischen Tätigkeit nachging und u. a. Berichte über
reitsportliche Ereignisse verfaßte, was nicht zuletzt von ihrem
eigenen starken Interesse an dieser Sportart herrührte. Nachdem
der 1936 geborene Sohn 1956 sein Abitur abgelegt hatte, erfolgte
die Übersiedlung nach Wangen im Allgäu.
Ein
erster schriftstellerischer Erfolg stellte sich mit der
Veröffentlichung ihrer Kurzgeschichte „In einer Frühjahrsnacht“
in der „Deutschen Allgemeinen Zeitung“ in Berlin ein. Das
ermutigte Ruth Storm zu weiteren und auch größeren Arbeiten, wie
den St. Hedwigs-Roman „Tausend Jahre – ein Tag.“ Von den
Beweggründen dazu spricht sie wie folgt: „... Oft stand ich auf
der Burgruine in Lähn; Leubus, Trebnitz, Wahlstatt, Liegnitz und
Andechs waren meine Ziele. Ich ging dabei die abseitigen Wege
und in der Stille versenkte ich mich in jene Zeit, in der das
Land noch unerschlossen war, indes der Himmel, die Berge, die
Flüsse und Seen die gleichen geblieben waren wie vor 700 Jahren.
Die Glaubensstärke und die Schaffenskraft dieser ungewöhnlichen
Frau und Landesmutter haben mich dabei tief beeindruckt.
Standhaft in inneren und. äußeren Kämpfen blieb die Herzogin bis
an ihr Ende, das ist der leuchtende Kranz, der um das Haupt der
Patronin von Schlesien wie ein Glorienschein der Verheißung
schwebt. Sie, der nichts im Leben erspart geblieben ist, die aus
ihrem eigenen Blut Bruderkampf, Haß, Mord, Irrung und Wirrung
entstehen sah, die Schlesien ohnmächtig am Boden liegend
erlebte, hätte diese Prüfungen nicht überstanden, wenn in ihr
nicht der unerschütterliche Glaube an die ewigen Dinge gelebt
hätte. Mir ist, als schwebe der Geist über Schlesiens
schwergeprüften Kindern wie einst, um uns in dem Glauben an die
unvergänglichen Güter zu trösten und zu stärken ...“. Eindrücke
aus den ersten Jahren nach der Vertreibung finden ihren
Niederschlag in dem Roman „Der Verkleidete“ (1963). Das
Schicksal einer Breslauer Familie wird in dem 1979 erschienenen
Roman „Odersaga“ beschrieben. Der Roman „Ein-Stückchen Erde“
(1965) ist eine Prosa-Ode auf die schlesischen Berge. In der
Erzählung „Und wurden nicht gefragt“ (1972) wird das
Zeitgeschehen aus der Perspektive eines Kindes betrachtet. „Ich
schrieb es auf – Das letzte Schreiberhauer Jahr“ sei nicht
vergessen. Die 1983 erschienenen Gedichte in dem Band „Der
Zeitenuhr unentrinnbarer Sand“ – Gesammeltes aus Jahren – haben
etwas von jenem inneren Leuchten, was sie die Zeit überdauern
läßt und u. a. wie hier in den letzten Zeilen des Gedichtes
„Unbeantwortet“ so zum Ausdruck kommt: „Fernes Geliebtes,/
verstummt und weit!/ Was sind Tage?/ Was ist Zeit?/
Unbeantwortete/ Unendlichkeit.“
Die
Dichterin war Trägerin des Bundesverdienstkreuzes am Bande,
erhielt 1983 den „Eichendorff-Literaturpreis“ des Wangener
Kreises und 1984 den Sonderpreis des Kulturpreises Schlesien. In
der letzten Zeit lebte Ruth Storm in der Nähe der Familie ihres
Sohnes in Berlin, wo sie am 13. Dezember 1993 verstorben ist.
Lit.:
Vierteljahresschrift Schlesien IV, 1993, S. 193-194. –
Kulturbeilage „Ruth Storm“.
Bild:
Kulturbeilage „Ruth Storm“.
Konrad Werner