|
1764 erwarb Friedrich der Große für die beträchtliche Summe von 30 000
Talern die größte und berühmteste Sammlung antiker Gemmen seiner Zeit,
die sogenannte Stosch'sche Sammlung, benannt nach ihrem ehemaligen
Besitzer Philipp Baron von Stosch. Ihre 3444 Intaglien bilden auch heute
noch einen bedeutenden Teil des Gemmenbestandes der Berliner
Antikenmuseen. Nicht nur wegen ihrer Größe und als Lebenswerk eines
einzelnen eine ungewöhnliche Leistung, war sie obendrein die erste unter
wissenschaftlichem Gesichtspunkt zusammengetragene Gemmensammlung. 28
000 zum Teil von Stosch selbst hergestellte Abdrücke von Gemmen aus
nahezu allen Antikenkabinetten Europas ergänzten die Originale. So
vereinigte Stosch in seiner Hand eine einzigartige Dokumenation der
antiken Glyptik. Das von Stosch im Laufe seiner Sammeltätigkeit
entwickelte Konzept war es, mit Hilfe der Gemmenbilder die Darstellungen
der Götter und ihrer Attribute, der Heldensage und Historie, von
Gebräuchen und Gegenständen des täglichen Lebens aus der gesamten Antike
in einem möglichst lückenlosen Überblick zusammenzustellen und so die
Gemmen als Quelle für die Kulturgeschichte des Altertums zu nutzen.
Berühmt wurde die Sammlung durch den 1758 bis 1759, also nach dem Tode
Stoschs, aber auf seinen Wunsch hin vom Begründer der Kunstarchäologie
Johann Joachim Winckelmann (1717-1768) verfaßten Katalog Description
des pièrres gravées du feu Baron de Stosch (Florenz 1760). Für seine
Arbeit konnte Winckelmann auf ein umfangreiches, immer wieder ergänztes
Manuskript (Katalogus) des Barons zurückgreifen, dem er in
Gliederung und Aufbau des Werks sowie Bestimmung des Steinmaterials, der
Darstellungen und Dargestellten offenbar weitgehend gefolgt ist. Die
derart der Nachwelt überlieferte Stosch'sche Idee vom antiquarischen
Nutzen der Gemmenbilder förderte entscheidend die Verbreitung der für
die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts und die erste Hälfte des 19.
Jahrhunderts typischen, nach der gleichen Vorstellung zu Bildungszwecken
entworfenen sogenannten Daktyliotheken, käuflich erwerbbarer Sammlungen
von Gemmenabdrücken. Auch von der Stosch'schen Sammlung ließ der
preußische Staat Gipsabgüsse an seine Lehranstalten verteilen. Stoschs
zweiter Sammlungsschwerpunkt war neben Antiken, Münzen, Gemälden,
Graphik, Handschriften und Waffen sein bei seinem Tode auf 334 Bände
angewachsener topographisch-geographischer Atlas, heute in Wien, für den
er sein Leben lang Pläne und Ansichten von Städten, Festungen, Gärten,
Gebäuden jeglicher Art, aber auch Abbildungen bedeutender Ereignisse wie
Schlachten, Belagerungen, Feste und ähnliches zusammengetragen hatte.
Diese Sammelleidenschaft, gepaart übrigens mit einer deutlich
ausgeprägten Geschäftstüchtigkeit, war nur eine Facette der
Persönlichkeit des bürgerlich, als Sohn eines Arztes aufgewachsen Stosch.
Die zweite war seine unstillbare Wißbegierde, die ihn zu einem Leben als
Gelehrter prädestinierte. Nach abgebrochenem Studium der Theologie in
Frankfurt a.O. ging er, seinen antiquarischen Interessen folgend, 1709
auf Reisen durch halb Europa. Dank seiner Gabe, sich hilfreiche und
vermögende Gönner zu erwerben, überall gut aufgenommen, „schauend,
lernend, sammelnd, stets mehr nehmend als gebend“, wie ihn Paul Ortwin
Rave charakterisiert, öffneten sich dem jungen Mann Antikenkabinette und
Sammlungen, die vorher kaum ein Altertumsforscher gesehen hatte. In den
Jahren 1710 bis 1713 war er in Holland, zwischenzeitlich 1712 in
England, 1714 reiste er über Südfrankreich nach Rom, wo er 1715 dank
einer Empfehlung des berühmten Bernard de Montfaucon (1655-1741) von
Papst Clemens XI. überaus freundlich aufgenommen wurde. 1717 bis 1718
kehrte er über Florenz, Venedig, Wien – hier verlieh ihm Kaiser Karl VI.
den Titel eines Freiherrn –, Prag und Dresden ein letztes Mal in seine
Heimat zurück. In den Jahren 1719 bis 1721 wiederum in Holland, ließ er
sich 1722 endgültig in Italien, zunächst bis 1731 in Rom, dann bis zu
seinem Tod in Florenz nieder.
In beiden Städten wurde Stosch bald, obwohl Autodidakt, Mittelpunkt der
Sammler, Kunstkenner, Künstler und Antiquare, deren Schreibtischwissen
er vermöge seiner überragenden Denkmälerkenntnis überlegen war. Sein
umfassender Briefwechsel mit den bedeutendsten Archäologen seiner Zeit,
seine Aufnahme in die renommierte Akademie von Cortona zeugen von seiner
herausragenden Stellung als Gelehrter und seinem großen
wissenschaftlichen Einfluß. Als Autor ist Stosch nur einmal
hervorgetreten: In seinem 1724 nach jahrelangen Vorarbeiten in Latein
und Französisch erschienenen Werk Gemmae antiquae caelatae scalptorum
nominibus insignitae (Amsterdam 1724) veröffentlichte er 70 Gemmen
mit Künstlerinschriften aus den verschiedensten Sammlungen Europas in
Stichen von Bernard Picart (1673-1733) nach Zeichnungen von Johannes
Hieronymus Odam (1681-1741) und untermauerte damit die neue These, daß
Namensbeischriften zu Gemmenbildern Signaturen der Künstler seien und
nicht, wie bisher angenommen, Namen der Dargestellten wiedergäben.
Selbstverständlich nahm auch der junge Winckelmann nach seiner Ankunft
in Italien 1756 Kontakt zu seinem berühmten Landsmann auf. Es kam zwar
zu keiner persönlichen Begegnung, doch entwickelte sich ein für beide
Seiten fruchtbarer Briefwechsel, in dem der alte, in einer anderen
Tradition gebildete Stosch sich für die neuen wissenschaftlichen Ansätze
Winckelmanns durchaus aufgeschlossen zeigte und ihn schließlich
sozusagen als seinen geistigen Erben mit der Veröffentlichung seiner
Gemmensammlung beauftragte. Seinen Lebensunterhalt bestritt Stosch mit
Hilfe finanzieller Unterstützung durch seine Gönner, durch ihm
ausgesetzte Renten, zum Beispiel von Papst Clemens XI., in
diplomatischen Missionen im Auftrag der Holländer und des sächsischen
Hofes, vielleicht auch des Kaisers, und seit 1721 als Agent des
englischen Hofes in Italien, wo er den Thronprätendenten der Stuarts
Jacob III. Eduard (1688-1766) beobachtete, eine Aufgabe, die er vermöge
seiner Freundschaft zu einflußreichen Personen des päpstlichen Hofes wie
Kardinal Alessandro Albani zumindest in seiner römischen Zeit glänzend
erfüllte.
Werk:
Philipp von Stosch: Gemmae antiquae caelatae scalptorum nominibus
insignitae.
Ad ipsas gemmas, aut eorum ectypos delineatae & aeri incisae, per
Bernardum Picart. Ex praecipuis Europae museis selegit & commentariis
illustravit Philippus de Stosch. Amsterdam 1724. – Publikation der
Stosch'schen Sammlung: Johann Joachim Winckelmann: Description des
pièrres gravées du feu Baron de Stosch, dedièe à son Eminence
Monseigneur le Cardinal Alexandre Albani par M. l'Abbé Winckelmann,
Bibliothecaire de son Eminence.
Florenz 1760.
Lit.:
Carl Justi: Antiquarische Briefe des Baron Philipp von Stosch. Marburg
1871. – Carl Bernhard Stark: Systematik und Geschichte der Archäologie
der Kunst. Leipzig 1880, passim, bes. 179f. – Allgemeine Deutsche
Biographie Bd. 36, Berlin 1893, 464-466 (R. Schwarze). – Carl Justi:
Winckelmann und seine Zeitgenossen, Köln5 1956, 279-290;
304-318. – Paul Ortwin Rave: Über Philipp von Stosch.
In: Berliner Museen N.F. 7 (1957),
20-26. – Lesley Lewis: Connoisseurs
and Secret Agents in Eighteenth Century Rome.
London 1961. – Wolfgang Schiering: Zur Geschichte der Archäologie. In:
Allgemeine Grundlagen der Archäologie. Handbuch der Archäologie. München
1969, 16-18. – J. Heringa: Die Genese von Gemmae Antiquae Caelatae. In:
Bulletin Antieke Beschaving 51 (1976), 75-91. – Peter Zazoff: Die
antiken Gemmen. Handbuch der Archäologie. München 1983,10-15. – Ders.
und Hilde Zazoff: Gemmensammler und Gemmenforscher. München 1983, 3-134
(mit ausführlicher Bibliographie). – Der Archäologe. Graphische
Bildnisse aus dem Porträtarchiv Diepenbroick. Ausstellungskatalog
Münster 1984, S. 227, Nr. 78.
Bild:
Elfenbeinmedaillon nach (?) Giovanni Battista Pozzo (Pozzi) (um
1620-1752). Vgl. Christian Theuerkauff: Die Bildwerke in
Elfenbein des 16.-19. Jahrhunderts. Staatliche Museen Preußischer
Kulturbesitz. Die Bilderwerke der Skulpturengalerie Berlin II. Berlin
1986, 241-248, Nr. 66 (mit Kurzbiographie).
Sepp-Gustav Gröschel
nach oben
|