Es gibt viele Gründe, des vor zweihundert Jahren im holsteinischen
Altona als Sohn des Professors und Direktors des dortigen
Christianeums geborenen Friedrich Georg Wilhelm von Struve zu
gedenken. Gerade in unseren Tagen, in denen die östlichen Ufer der
Ostsee mit ihren Anrainern, den baltischen Ländern, dem St.
Petersburger Gebiet und dem ganzen angrenzenden Rußland nach einem
halben Jahrhundert wieder in den mitteleuropäischen Kulturkreis
zurückkehren, wird auch die Erinnerung an das Wirken vieler
deutscher Gelehrter, Künstler und Politiker in diesem Raum wieder
lebendig.
Wohl tauchten die Namen der Astronomenfamilie Struve, des
Naturforschers Karl Ernst von Baer, Forschungsreisender wie Adam
Johann von Krusenstjern und anderer in russischer Schreibweise in
der sowjetrussischen Literatur auf, aber nur, um im Namen des
Sowjetimperiums dessen Ruhm zu verbreiten. Jetzt ist es endlich
wieder möglich, die Bedeutung dieser Wissenschaftler als Vermittler
und Brückenbauer zwischen der internationalen Wissenschaft und dem
europäischen Osten zu erkennen. Der junge Struve ließ schon früh
(wie schon allein die äußeren Daten seines Bildungsganges zeigen)
eine außerordentliche Neigung zu wissenschaftlicher Betätigung und
eine entsprechende große Begabung erkennen. Dabei griffen Ereignisse
der politisch bewegten Jahre um die Wende vom 18. zum 19.
Jahrhundert in seine persönliche Entwicklung ein und gaben ihr die
für sein weiteres Leben entscheidende Richtung. Als Fünfzehnjähriger
mußte er auf der Flucht vor napoleonischen Werbern sein Elternhaus
verlassen und fand Aufnahme im baltischen Dorpat bei einem älteren
Bruder, der dort als Gymnasiallehrer und Privatdozent an der
neubegründeten Universität wirkte.
Schon sehr bald wurde er Erzieher auf dem Gute Sagnitz des Grafen
von Berg, das nicht weit von Dorpat entfernt lag. Er konnte
gleichzeitig Philologie studieren, wandte sich aber bald ganz seinen
Hauptfächern, der Mathematik und der Astronomie zu. In diesen
Fächern (er hatte auch Physik studiert) schloß er 1813 sein Studium
mit der Erlangung des Magister- und Doktorgrades ab. Am 2. Dezember
1813 wurde er dann, 201/2 Jahre alt, zum „Professor extraordinarius"
der Mathematik und Astronomie und zugleich zum Observator der
Unversitätssternwarte ernannt, deren Direktor er 1817 wurde.
Durch Struves wissenschaftliche Kompetenz, nicht zuletzt aber auch
durch sein hervorragendes Organisationstalent wurde die Dorpater
Sternwarte in den Jahren seiner Wirksamkeit zu der bestausgerüsteten
ihrer Art und erwarb sich auch als Ausbildungsstätte
des astronomischen Nachwuchses
internationalen Ruf. Dazu trug die durch Struve veranlaßte
Anschaffung des damals größten bekannten Fernrohrs, des neunzölligen
Fraunhoferschen Refraktors, bei. Struves wichtigste
wissenschaftliche Vorhaben wurden während seiner Dorpater Amtszeit
durchgeführt oder doch konzipiert und begonnen, um dann in seinem
späteren erweiterten Wirkungskreise im Rahmen der Gesamtplanungen
für das russische Kaiserreich vollendet zu werden. Denn im Zuge
dieser Weiterentwicklung seiner wissenschaftlichen Laufbahn nahm
seine Dorpater Amtszeit im Jahre 1839 ein Ende. Zu den wichtigsten
Werken dieser Zeit, die das Aufsehen der wissenschaftlichen Welt
geweckt hatten, gehörten die Messungen an Doppelsternen, die erste
Bestimmung der Entferzbg eines Sternes (der Vega) von der Sonne, die
geodätische Messung der Erde. Struves berühmte Schrift Etudes
d'Astronomie stellaire (im Jahre 1953 wegen ihrer großen
Bedeutung in damaligen Sowjetunion in russischer Übersetzung
erschienen) wurde im Jahre 1847 in St. Petersburg gedruckt. Für das
Baltikum wurde die 1816 bis 1818 durchgeführte trigonometrische
Vermessung Livlands wichtig. 1821 bis 1827 leitete Struve die
Gradvermessung in den Ostseeprovinzen.
Seit 1833 war Struve zu den Beratungen über die im Auftrage Kaiser
Nikolaus' I. geplante Gründung einer zentralen Hauptsternwarte in
der Nähe von Petersburg hinzugezogen worden. Er galt schon als
Experte auf seinem Spezialgebiet, der Astronomie, und als
unentbehrlich bei diesem Vorhaben. Nach umfangreichen Vorarbeiten
und genauer Prüfung der entsprechenden Baupläne wurde Struve am 15.
April 1834 zur besonderen Audienz beim Kaiser berufen. Nach seinem
Bericht erfolgte der Befehl zum Bau der neuen Sternwarte und die
Ernennung Wilhelm Struves zu ihrem Direktor. So war der Übergang
Struves von Dorpat nach Pulkowo, dem Standort der Hauptsternwarte,
fließend. Die Zusammenarbeit beider Sternwarten blieb weiterhin eng,
auch in personeller Hinsicht, zumal einer der Söhne Struves dessen
Nachfolger im Dorpat wurde, nachdem der Vater 1839 nach St.
Petersburg übergesiedelt war. Dort war er als Leiter der von ihm
begründeten Sternwarte bis 1862 tätig, bis er nach schwerer
Krankheit zwei Jahre vor seinem Tode seine Arbeit beenden mußte.
Neben Struves spezieller wissenschaftlicher Arbeit als Leiter der
Sternwarte erfreuten sich auch mehrere Zyklen seiner öffentlichen
Vorlesungen über populäre Astronomie besonderer Beliebtheit.
Auf einem Höhenrücken ca. 15 km von St. Petersburg entfernt gelegen
und seinerzeit als „Hauptstadt der Astronomie" gefeiert, wurde
Pulkowo während der Belagerung der Stadt im Zweiten Weltkrieg
vollständig zerstört. Die Objektive der großen Instrumente jedoch
und die wertvollsten Bestände der Bibliothek, darunter auch
Handschriften von Johannes Kepler, wurden gerettet. Das
wiederaufgebaute Pulkowo hätte also - nach dem politischen Wandel in
der ehemaligen Sowjetunion - alle Möglichkeiten, wieder eine
internationale Forschungsstätte zu werden.
Lit.:
Deutsch-Baltisches Biographisches Wörterbuch. - Horst in Holstein.
Einst u. jetzt. Ein Heimatbuch, 1931. - „Schleswig-Holstein" 17. Jg.
1965, 8. Bild: Nach einer Lithographie von F. Schlater von 1837.
Walter Maurach