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Ein Buch gegen ihre
Zeit, eine Zeit der Kriegsverherrlichung und des hemmungslosen
Wettrüstens, hat Bertha von Suttner berühmt
gemacht, und sein Titel ist noch
heute, ein Jahrhundert nach seiner Erstpublikation, ein geflügeltes
Wort: Die Waffen nieder! Die Lebens- und Leidensgeschichte der
Martha Althaus, einer Wiener Hocharistokratin und Generalstochter, die
in den vier mitteleuropäischen Kriegen von 1859 bis 1870/71 ihre
nächsten Angehörigen auf dem Schlachtfeld, durch Seuchen sowie, während
der Pariser Kommuneherrschaft, durch einen grundlosen Spionageverdacht
verlor und sich zu einer entschiedenen Kriegsgegnerin entwickelte,
erschien 1889. Es war nicht, wie Stefan Zweig in einem 1917 gehaltenen
Vortrag über die Friedensnobelpreisträgerin von 1905 irrtümlich annahm,
ihr erstes Buch, sondern bereits ihr neuntes, und es ist mit seiner
milieuechten, in den Seuchen- und Lazarettszenen naturalistisch
schockierenden Darstellungskunst, die sein Anliegen, die radikale
Kriegsächtung, wirkungsvoll zur Geltung bringt, wahrhaftig nicht das
Buch einer Anfängerin. Sechsjährige schriftstellerische Bemühungen und
sechsundvierzigjährige, in jeder Hinsicht außergewöhnliche
Lebenserfahrungen waren ihm vorangegangen und kamen ihm zugute. Den
unmittelbaren Anstoß zu ihrem Welterfolgsroman, dessen Auflagenhöhe noch
zu ihren Lebzeiten das zweite Hunderttausend überschritt, gaben ihr
erste, im Winter 1886/87 angeknüpfte Verbindungen mit der
internationalen Friedensbewegung.
„Ich hatte das Buch
geschrieben", so erinnerte sich die Autorin in ihren 1909 erschienenen
Memoiren, „um der Friedensbewegung, von deren beginnender Organisation
ich erfahren hatte, einen Dienst zu leisten in meiner Art - und die
Beziehungen und Erfahrungen, die mir aus dem Buche erwachsen sind, haben
mich in die Bewegung immer mehr hineingerissen, so sehr, daß ich
schließlich nicht nur, wie ich anfangs gewollt, mit meiner Feder,
sondern mit meiner ganzen Person dafür eintreten mußte." Daß die noch
während des Zeitalters der Metternichschen Restauration in der
Hauptstadt des damaligen österreichischen Kronlandes Böhmen als postume
Tochter des Grafen Kinsky von Chinic und Tettau, eines pensionierten k.
k. Feldmarschalleutnants, geborene und eine Woche vor den
weltkriegsauslösenden Schüssen von Sarajewo gestorbene Gräfin Bertha
Sophia Felicita das letzte Drittel ihres Lebens als die von wenigen zwar
verehrte, von der Menge hingegen bestenfalls milde belächelte „Friedensbertha"
verbringen würde, hätte sie in ihren frühen Jahren selber am
allerwenigsten für mehr denn eine absurde Fabelei gehalten.
Normalerweise wäre
ihr, einem ungemein schönen
und klugen jungen Mädchen aus bestem Vaterhause, eine beneidete
Salonexistenz an der Seite eines namhaften Hocharistokraten zuteil
geworden. Doch ihre Lebensbahn verlief exzentrischer.
Schon die Eheverbindung
des dem böhmischen Uradel angehörenden Grafen Kinsky mit Sophia
Wilhelmine von Körner, einer Adligen der niedersten Rangstufe, der ihre
Verwandtschaft mit dem Dichter Theodor Körner jedenfalls keine irgendwie
herausgehobene gesellschaftliche Stellung sichern konnte, verschloß
Bertha die exklusive Wiener Gesellschaft. Trotzdem hätte sie, wenn auch
keinen österreichischen, so doch einen veritablen Prinzen ehelichen
können, den Fürsten Adolf Sayn-Wittgenstein-Hohenstein, wenn der ihr
Verlobte nicht auf der Überfahrt nach Amerika, wo er eine Sängerkarriere
antreten wollte, ganz unvermutet gestorben wäre. Auch ihre eigenen
Hoffnungen auf eine Sängerinnenlaufbahn zerschlugen sich; die Mutter
verspielte ihrer beider Vermögen, und so sah sich die mittlerweile
Dreißigjährige gezwungen, eine Erzieherinnen-Position im Hause des
Barons von Suttner in Wien anzunehmen.
Drei Jahre später
versuchte sie vergeblich, die Liebe, die sie inzwischen zu Suttners Sohn
Artur Gundaccar gefaßt hatte, über einer Beschäftigung als Sekretärin
bei dem in Paris lebenden Dynamit-Krösus Alfred Nobel zu vergessen. Nach
wenigen Tagen schon kehrte sie nach Wien zurück, ließ sich heimlich, da
sie keine Zustimmung zu einer Heirat seitens seiner Familie erhoffen
durfte, mit dem Geliebten trauen und floh mit ihm nach dem Kaukasus, wo
sie die Fürstin von Mingrelien, eine alte Freundin aus Homburger
Spielbank- und Pariser Gesangsstudienzeiten, gastlich aufnahm. In ihrem
Refugium begann sie, nach dem Vorbild ihres Gatten, um des Gelderwerbs
willen zu schriftstellern. Seit 1885 lebte Bertha von Suttner, versöhnt
mit den Schwiegereltern, wieder in ihrer Heimat, wo sie 1891 die
österreichische Friedensgesellschaft gründete, deren Präsidentin sie bis
zu ihrem Todesjahre blieb. Seit Die Waffen nieder! gehörte ihr
ganzes Sinnen und Trachten der Propagierung der Friedensidee. Alfred
Nobel konnte sie als Mäzen gewinnen, und seine Stiftung des
Friedenspreises war somit auch ihr Werk.
Der Tod Artur Gundaccars
im Dezember 1902 ließ die kinderlos Gebliebene vereinsamen. Den letzten
Höhepunkt ihres Lebens bildete ihr Vortrag vor dem Nobel-Comitee des
Storthing zu Christiania am 18. April 1906 anläßlich
der Entgegennahme des ihr zuerkannten Friedenspreises. Ungebrochen blieb
ihr Glaube an eine bessere und friedlichere Zukunft. „Das Gewesene und
Seiende", so faßte sie in Christiania ihre in einem langen, hellwachen,
intensiv gelebten Dasein gewonnene Einsicht in ein Bild, „flieht am
Zeitstrome zurück wie die Landschaft des Ufers; und das auf dem Strom
getragene, mit der Menschheit befrachtete Schiff treibt unablässig den
neuen Gestaden dessen zu, was wird. Daß das Werdende, das Erzielte immer
um einen Grad besser, höher, glücklicher sich gestaltet als das
Gewesene, das Überwundene, das ist die Überzeugung derer, die das
Entwicklungsgesetz erkannt haben und die an seiner Betätigung mit zu
helfen sich bemühen." Bertha von Suttner starb mitten in den
Vorbereitungen für einen Weltfriedenskongreß in Wien. Zuletzt, von
Krankheit gezeichnet, war sie bisweilen doch müde geworden und sehnte
sich nach Ruhe in einem von ihr erworbenen Landhaus in der
Südsteiermark. „Gras riechen. Besonders eigenes Gras wird gut duften und
der eigene Kuckuck lieblich rufen", so lautete eine ihrer letzten
Tagebuchaufzeichnungen. Die ersehnte Ruhe fand sie auf dem Urnenfriedhof
in Gotha.
Werke:
Bertha von Suttners gesammelte Schriften in 12 Bdn., Dresden: E. Pierson
1906. - Memoiren, Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt 1909. - Die Waffen
nieder! Eine Lebensgeschichte, hrsg. u. mit einem Nachwort von Sigrid u.
Helmut Bock, Berlin: Verlag der Nation 1990.
Lit.:
Beatrix Kempf: Bertha von Suttner. Das Lebensbild einer großen Frau.
Schriftstellerin, Politikerin, Journalistin, 2., unveränd. Aufl., Wien:
österreichischer Bundesverlag 1965. - Kämpferin für den Frieden: Bertha
von Suttner. Lebenserinnerungen, Reden und Schriften. Eine Auswahl,
hrsg. u. eingel. von Gisela Brinker-Gabler, Frankfurt am Main: Fischer
Taschenbuch-Verlag 1982 (= Die Frau in der Gesellschaft. Texte und
Lebensgeschichten. Hrsg. v. Gisela Brinker-Gabler).
Bild:
Bildnis Bertha von Suttners aus dem Jahre 1886, reproduziert aus: B. v.
Suttner: Memoiren. Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt 1909, neben Seite
176.
Burkhard Bittrich
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