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In Jamburg als Sohn
des aus Livland gebürtigen Arztes Heinrich Tammann (+ 1864) geboren, ist
der spätere Chemiker Gustav Tammann in der Universitätsstadt Dorpat
aufgewachsen, wo er die Vorschule und das dortige
Gouvernements-Gymnasium von 1872 bis 1879 besuchte. Tammann, ein
Zeitgenosse des 1854 geborenen Wilhelm Ostwald, entschied sich, das
Vorbild Ostwalds vor Augen, für die physikalische Chemie. Er studierte
an der Universität in Dorpat Physik (1879/80) und Chemie (1880-1882).
Seine Universitätslehrer waren Carl Schmidt, Johann Lemberg, Gustav von
Bunge und Alexander von Oettingen. Er gehörte der studentischen
Korporation „Neobaltia“ an und bekleidete in ihr mehrere Ehrenämter.
Tammann wurde
Laborant am Chemischen Institut der Universität, dann unterrichtete er
(1883/1884) als Lehrer an der Realschule. Im Jahre 1885 promovierte er
zum Mag. chem., zwei Jahre später habilitierte er sich als Privatdozent
an der Universität. Hier entfaltete er alsbald eine außerordentlich
erfolgreiche Tätigkeit als Forscher und Lehrer. Er promovierte (1890)
zum Dr. chem., vollendete (in Göttingen) gemeinsam mit Walter Nernst
eine Arbeit über die Abgabe von Wasserstoff durch Metalle in
Abhängigkeit vom Druck, die Aufsehen erregte, schlug einen Ruf an die
Universität Gießen aus, wirkte von 1890-1892 als Dozent in Dorpat,
erhielt im Jahre 1891 eine außerordentliche Professur für Chemie, wurde
ein Jahr später Institutsdirektor. 1894 folgte die Verleihung der
ordentlichen Professur. In dieser Stellung blieb er, mehrfach ins
Ausland gerufen (er besuchte u.a. Holland, Baku und Paris), doch nur
knapp zehn Jahre.
Im Jahre 1902 erging
an Tammann der Ruf, das neuerrichtete Katheder für Anorganische Chemie
in Göttingen zu übernehmen. So verließ er Dorpat und blieb in Göttingen
bis zu seinem Tode, denn „extra Göttingen non est vivere“, wie er
geäußert haben soll. Im Januar 1903 wurde Tammann zum Leiter des
Forschungsinstituts in Göttingen ernannt. Seine wesentlichsten Arbeiten
waren die thermische Analyse, die systematische Metallkunde, die
physikalische Chemie der Gläser und Silikate. Seine größten Erfolge hat
er auf dem Gebiet der Metallurgie, der Untersuchung des heterogenen
Gleichgewichts, insbesondere der Kristallisation und über den
Glaszustand errungen.
Seiner Dorpater Zeit
verdankt die Wissenschaft außer seinen Forschungen im Bereich der
anorganischen Chemie zahlreiche Untersuchungen auf dem Gebiet der
physikalischen Chemie, in denen er Grundlegendes über den Zustand der
Lösungen und eine wesentliche Erweiterung und Ausgestaltung und Theorie
der Lösungen lieferte. Durch die große Schöpfung der systematischen
Metallkunde hat er die Praxis entscheidend beeinflußt: der Weg aus
seinem Laboratorium führte unmittelbar in die Industrie.
Tammann war ein
Wissenschaftler, dem Erfolg in seiner Forschung und Anerkennung seitens
seiner Zeitgenossen und der Nachwelt in reichem Maße zuteil geworden
ist. Er besaß die Ehrenmitgliedschaft der Deutschen Bunsen-Gesellschaft,
der Deutschen Gesellschaft für Metallkunde, des British Institute of
Metals, der Chemical Society, der Dorpater Naturforscher-Gesellschaft,
der Literarischen Gesellschaft in Reval; er war Dr.-Ing. h.c. und
Dr.m.nat. h.c., Inhaber der Goldenen Medaille der Akademie der
Wissenschaften zu St. Petersburg, deren korrespondierendes Mitglied er
war, der Liebig-Denkmünze des Alldeutschen Vereins der Chemiker, der
Bakhuis-Roozeboom-Medaille der Academie der Wissenschaften zu Amsterdam,
der Goldenen Paterno-Medaille (Rom); im Jahre 1936 erhielt er den
Adlerschild des Deutschen Reiches. Er war Ehrenbürger der Techn.
Hochschule Stuttgart.
Neben zahlreichen
Abhandlungen, vor allem in Zeitschriften für physikalische,
physiologische, praktische und anorganische Chemie, verfaßte er Werke
über „Kristallisieren und Schmelzen“ (1903), über „Die Beziehungen
zwischen den inneren Kräften und Eigenschaften der Lösungen“ (1907),
über „Die Einwirkungsgrenzen in Mischkristallreihen“, ein „Lehrbuch der
Metallkunde“ (1914) und ein „Lehrbuch der heterogenen Gleichgewichte“
(1924).
Lit.:
Roderich von Engelhardt: Die deutsche Universität Dorpat (Reval 1933);
Hugo Semel: Die Universität Dorpat 1902-1918. Skizzen zu ihrer
Geschichte (Dorpat 1918); Deutschbaltisches biographisches Lexikon
1710-1960 (Köln/Wien 1970); Album Neobaltorum 1879-1956 (Göttingen
1956); Siegfried Boström: Gustav Tammann (in: Baltische Hefte, Jg.
1963/1964, Gr. Biewende/Hannover, S. 139ff.).
Erik Thomson
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