|
Bruno
Taut erhielt seine Ausbildung an der Baugewerksschule seiner
Heimatstadt. Seit 1903 war er im Büro
des Architekten Bruno Möhring in Berlin tätig, von 1906 bis 1908 bei
Theodor Fischer in Stuttgart. 1909 eröffnete er in Berlin gemeinsam mit
Franz Hoffmann ein Architekturbüro, in das 1914 auch sein Bruder Max
Taut (geboren 1884 in Königsberg, gestorben 1967 in Berlin) eintrat. Zu
seinen frühen Arbeiten gehört ein Turbinenhaus in Wetter/Ruhr (1908),
ein Erholungsheim in Bad Harzburg (1909/1910) und mehrere
Apartmenthäuser in Berlin. 1912 erfolgte seine Berufung zum beratenden
Architekten der Deutschen Gartenstadtgesellschaft. Er entwarf für sie
die Gartenvorstädte in Magdeburg (1913/1914 und 1921) und in Falkenberg
bei Berlin (1913/1914). Der Pavillon des Deutschen Stahlwerksverbandes
und des Verbandes der Deutschen Brücken- und Eisenbahnfabriken auf der
Internationalen Baufachausstellung von 1913 in Leipzig und der Pavillon
des Luxfer-Prismen-Syndikats auf der Werkbundausstellung von 1914 in
Köln machten seinen Namen in Fachkreisen bekannt. Durch das
letztgenannte Bauwerk kam er in Verbindung mit dem Schriftsteller Paul
Scheerbart, dessen Ideen von einer vom Baumaterial Glas bestimmten
Architektur („Glasarchitektur", 1914) ihn in starkem Maße beeinflußten.
Während
des 1. Weltkrieges verfaßte Bruno Taut die polemischen Schriften, die
später unter den Titeln „Die Stadtkrone" (Jena 1919) und „Alpine
Architektur" (Hagen 1919) erschienen. 1918 gehörte er zu den
Mitunterzeichnern des Programms des Politischen Rates geistiger Arbeiter
und gründete zusammen mit anderen den Arbeitsrat Kunst sowie die
Novembergruppe. Nach dem Ende des Weltkriegs war er der Führer des
utopischen Flügels des Expressionismus in der deutschen Architektur und
übte über den Arbeitsrat für Kunst, die Gläserne Kette (einen
Zusammenschluß von Architekten, Künstlern
und Kritikern) sowie die Zeitschrift Frühlicht einen weitreichenden
Einfluß aus. Diese Phase seines von utopischen Vorstellungen bestimmten
Denkens war jedoch von kurzer Dauer. Nach 1920 entwickelte sich bei ihm
eine vom Rationalismus bestimmte Sicht der Dinge. Von 1921 bis 1923 war
er Stadtbaumeister in Magdeburg und führte ein heftig diskutiertes
Programm zur farbigen Fassadenrestaurierung durch. Im Jahr 1924 wurde er
beratender Architekt der GEHAG (Gemeinnützige Heimstätten-, Spar- und
Bau-Aktiengesellschaft) in Berlin und zeichnete verantwortlich für viele
ihrer Großsiedlungen. Dadurch hatte er Gelegenheit, seine Theorien für
eine funktionale und arbeitssparende Architektur zu verwirklichen. Die
Ergebnisse seiner Bautätigkeit zählen zu den bedeutendsten Leistungen
auf dem Gebiet des Massenwohnungsbaues im 20. Jahrhundert. Besonders zu
nennen sind die Großsiedlung Britz (1925-1930, zusammen mit Martin
Wagner, vergl. Ostdeutsche Gedenktage 1985, S. 186-187), und die
Großsiedlung Onkel Toms Hütte (1926-1931). Von 1930 bis 1932 war er
Professor für Architektur an der Technischen Hochschule in
Berlin-Charlottenburg; 1931 wurde er zum Mitglied der Preußischen
Akademie der Künste berufen.
Nach
der nationalsozialistischen Machtergreifung zur Emigration gezwungen,
lebte er bis 1936 in Japan, wo er am Crafts Research Institute in Sendai
arbeitete und über japanische
Kunst und Kultur schrieb. 1936 wurde er zum Professor an die
Kunstakademie in Istanbul berufen. Nach seinen Entwürfen entstanden
Schulen in Ankara, Izmir und Trabzon, Universitätsbauten in Ankara und
sein eigenes Wohnhaus in Ortaköy (1937/1938).
Lit.: Kurt Junghanns: Bruno Taut 1880-1938.
Berlin (Ost) 1970; Hans-Joachim Kadatz: Wörterbuch der Architektur.
Leipzig 1980; Bruno Taut 1880-1938. Ausstellung der Akademie der Künste.
Berlin 1980; Iain Boyd Whyte: Bruno Taut. Baumeister einer neuen Welt.
Stuttgart 1981; Hatje-Lexikon der Architektur des 20. Jahrhunderts.
Stuttgart 1983; Die deutsch-türkischen Beziehungen von 1924 bis 1938.
Eine Ausstellung. Frankfurt/M. 1987.
Harro Kieser
nach oben
|