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Johannes Thienemann wurde am 12. November 1863 als Sohn eines Pastors in
Thüringen geboren. Schon sein
Vater war ein anerkannter Ornithologe, und sein Großvater, der mit dem
Verfasser des Tierlebens Alfred E. Brehm eng befreundet war, galt als
ein berühmter Vogelforscher. Im Haus des Großvaters lernte der Enkel den
Umgang mit Vögeln kennen.
Nach
dem Besuch der Gymnasien in Sangerhausen und Zeitz studierte er aus
alter Familientradition in Leipzig und Halle Theologie. Nach bestandenem
Examen und der Verwaltung einer Pfarrstelle wandte er sich jedoch mehr
und mehr den Naturwissenschaften zu, um sich dann ganz dem großen
Forschungsgebiet der Ornithologie zu widmen.
Im
Juli 1896 kam Thienemann während
eines Ferienaufenthalts in Ostpreußen zum ersten Mal auf die Kurische
Nehrung und in das Fischerdorf Rossitten. Er erkannte sofort die hier
gebotene einmalige Beobachtungsmöglichkeit der Vogelwelt, die in
unvorstellbarem Artenreichtum in kleinen und großen Schwärmen Rast auf
ihren Zügen zum Süden und umgekehrt machte. Dieser Landstreifen zwischen
Meer und Haff und die Hunderttausende von Vögeln, die diese damals fast
noch unberührte Welt der Dünen passierten, ließen Thienemann nicht mehr
los.
Schließlich
konnten Verhandlungen zur Errichtung einer dauernden ornithologischen
Beobachtungsstation auf der Kurischen Nehrung zum erfolgreichen Abschluß
gebracht werden. Die offizielle Gründung der Station, die die
Bezeichnung „Vogelwarte Rossitten“ erhielt, fand dann am 1. Januar 1901
statt. Die Deutsche Ornithologische Gesellschaft stand mit ihrem Namen
und ihrer Autorität hinter der neuen Einrichtung und war deren
Inhaberin, während die erforderlichen Mittel vom Kultus- und
Landwirtschaftsministerium zur Verfügung gestellt wurden. „Ein dürftiger
Sammlungsraum, ein Schrank mit ein paar ausgestopften Vögeln und ein
Herz voll glühender Begeisterung für die Sache – das waren die Dinge,
mit denen ich ans Werk zu gehen versuchte“, schrieb Thienemann später
über die Gründungszeit der Vogelwarte, die unter seiner Leitung Weltruhm
erlangte. Johannes Thienemann promovierte 1906 zum Dr. phil. und wurde
1910 zum Professor an der Universität Königsberg ernannt. Unterstützung
fand er bei naturverbundenen Kreisen, wobei ihm seine waidmännische
Neigung zustatten kam. Besondere Förderung erhielt er von dem
samländischen Rittergutsbesitzer Ernst Ulmer aus Quanditten, der
wesentlich zum Bau der Feldstation der Vogelwarte (1908, neu 1922)
beitrug, nach ihm wurde sie Ulmenhorst benannt.
Im
Zentrum aller wissenschaftlichen Arbeiten stand die Erforschung der
Wanderstraßen der Zugvögel. Als
Mittel dazu wandte er, dem dänischen Ornithologen Mortensen folgend, die
Kennzeichnung der Vögel mit Aluminiumringen an, eine Methode, die heute
in aller Welt als zuverlässig anerkannt ist. Die daraus gewonnenen
Erkenntnisse sind unschätzbar für die gesamte wissenschaftliche
Vogelforschung. Gelang doch hierdurch die Aufklärung der verschiedenen
Zugstraßen mit den Raststätten und den endgültigen Winterquartieren der
Zugvögel. So wurde etwa durch Rückmeldungen
von beringten Störchen der Beweis erbracht, daß diese charakteristischen
ostpreußischen Brutvögel alljährlich beinahe 10000 km weit in ihre
südafrikanischen Winterquartiere fliegen, von wo aus sie im Frühjahr in
die Heimat zurückkehren.
In
enger Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern aller Länder
und nicht zuletzt auch dank tatkräftiger Unterstützung durch Presse und
Öffentlichkeit, entwickelte sich Rossitten zu einer der bedeutendsten
Forschungsstätten der Ornithologie. 1923 konnte die Vogelwarte Rossitten
mit der Übernahme durch die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zur Förderung
der Wissenshaften auf eine gute wirtschaftliche Grundlage gestellt
werden. Auch die Ausübung der Falknerei wurde in den Arbeitsplan der
Vogelwarte übernommen. Bei der Gründung des Falkenhofs Ortelsburg hat
Thienemann Pate gestanden. Er war als Wissenschaftler und Forscher
ebenso wie als waidgerechter Jäger hoch angesehen und als der
„Vogelprofessor“ von Rossitten über die Grenzen Deutschlands hinweg eine
sehr populäre Persönlichkeit; eine Vielzahl von Ehrungen belegt dies.
Als Johannes Thienemann 1929 die Altersgrenze erreichte und sich zur
Ruhe setzte, blieb er in Rossitten wohnen, das ihm zur zweiten Heimat
geworden war. Durch seine beiden Bücher über Rossiten und den Vogelzug
sowie den Film „Die Wüste am Meer“ gab nicht nur den ornithologisch
Interessierten reiche Informationnen, sondern er begeisterte ein breites
Publikum auch für die Schönheit der Kurischen Nehrung.
Am 12.
April 1938 ereilte ihn in seinem Garten ein sanfter Tod. Auf dem kleinen
Waldfriedhof von Rossitten fand er seine letzte Ruhestätte.
Werke: Rossitten – Drei Jahrzehnte auf
der Kurischen Nehrung. Neudamm 1927; Vom Vogelzuge in Rossitten. Neudamm
1931.
Lit.: Altpreuß. Biogr. II (1967), S.
729. – F. Tischler: J. Th., in: Schriften der Physikalisch-ökonomischen
Gesellschaft zu Königsberg (Pr.), Bd. 71 (1940), S. 429-433.
Wolfgang Freyberg
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