Die Kindheit
des als Sohn
eines
Goldschmieds
geborenen
Tholuck war
überschattet
von
wechselnden
Zuständen
der Euphorie
und tiefen
Depression.
Er selbst
deutete
diese
unstete
Seelenlage
später als
Zeugnis
geistlicher
Prüfung und
als
Anfechtung
des Teufels.
Wiederholt
kam es zu
Selbstmordversuchen.
Zudem
scheint
Tholuck
unter dem
tyrannischen
Wesen seiner
Stiefmutter
gelitten zu
haben. 1821
habilitierte
er sich mit
einer
orientalistischen
Arbeit über
den
Suphismus,
die
islamische
Mystik, und
wirkte vom
selben Jahr
an als
Dozent der
Orientalistik
in Berlin.
1823 wurde
er
Außerordentlicher
Professor
und 1822
erwarb er an
der
Universität
Jena den
philosophischen
Doktorgrad.
Dem
christlichen
Glauben
stand
Tholuck
zunächst
eher fern:
in seiner
Abiturrede,
die einen
kleinen
Skandal
auslöste,
stellte er
Mohammed und
Konfuzius
über die
jüdisch-christliche
Überlieferung:
über Moses
und Jesus.
In jungen
Jahren
erlebte
Tholuck eine
Bekehrung im
Sinne des
Neupietismus,
die sich vor
allem dem
Einfluß des
Barons von
Kottwitz
verdankte.
Seinerzeit
war er noch
Orientalist,
das Studium
der
Theologie
schloß sich
der
Bekehrung
erst an. Das
Bekehrungsgeschehen
bezeugt
Tholuck in
der Schrift
Von der
Sünde oder
die wahre
Weihe des
Zweiflers
(1823), die
viel gelesen
wurde und
bis in die
siebziger
Jahre des
19.
Jahrhunderts
rege
Verbreitung
fand. Diese
Schrift, der
fiktive
Dialog
zweier
befreundeter
Studenten,
unternahm
es, in der
Tradition
der
pietistischen
Gestalt der
“schönen
Seele”, die
Realität der
Beziehung zu
Gott im
inneren
Gefühl und
im Erlebnis
begründet zu
sehen.
Augenfällig
ist in der
Argumentation
die Spitze
gegen
Schleiermacher,
der Tholuck
auch
menschlich
als
schlangenhaft
kalt
erschienen
und stets
fremd
geblieben
war: ist in
Schleiermachers
‘Gefühl der
schlechthinnigen
Abhängigkeit’
die Sünde
als Hemmung
religiöser
Empfindung
mitgedacht
aber
zugleich
überwunden,
so haftet
für Tholuck
die
Glaubensgewißheit
an der
jeweiligen
mentalen
Verfaßtheit
des
Gläubigen.
Für den
Erweckten
dürfte es
seelisches
Leid nicht
geben.
Stellt sich
diese
Mangelerfahrung
doch ein, so
ist dies ein
tiefes
Anzeichen
für eine
fortdauernde
sündige
Verstrickung.
Gerade bei
Tholuck, dem
zu
Depression
Neigenden,
war diese
theologische
Grundausrichtung
fatal. Es
dürfte nicht
zuletzt von
seinen
psychischen
Dispositionen
herrühren,
daß für ihn
die Lehre
von
Sündenfall
und Erbsünde
das zentrale
Dogma des
christlichen
Glaubens
wurde.
Einzig in
diesem Felde
war er,
dessen
‘kavaliersmäßigen’
Umgang mit
dem Dogma
Hegel später
tadelte,
unbeugsam.
Mithin kommt
bereits der
frühen
Schrift das
Verdienst
zu, Sünde
und
Versöhnung
gegen den
theologischen
Rationalismus
der Zeit
jenes
Gewicht
zurückzugeben,
das ihnen in
der
Orthodoxie
im Ausgang
von Luther
einmal
zuerkannt
worden war.
Das
strahlende
Gegengewicht
einer
Rechtfertigung
des Sünders
allein aus
Glauben
brachte
Tholuck
freilich
nicht
systematisch
zur Geltung.
Bemerkenswert
aber ist,
daß er auf
die
Sündentheologie
des Anselm
von
Canterbury
zurückgriff.
Diese
Impulse
sollte sein
langjähriger
Freund und
Hallenser
Kollege
Julius
Müller
vertiefen
und
entfalten.
Bereits in
seinen
frühen
Jahren indes
stellte
Tholuck sein
publizistisches
Engagement
weit über
die
akademische
Sphäre
hinaus in
den Dienst
des
Pietismus:
wie viele
andere übte
er Kritik an
Schauspiel
und Oper,
deren aktive
Ausübung dem
erweckten
Christen
seit der
pietistischen
‘Hochzeit’
bei Francke
und Spener
ebenso zu
untersagen
ist wie die
passive
Betrachtung.
Im Sinne des
Pietismus
konnte es ‘Adiaphora’,
Lebensfreuden,
die weder
zum Guten
noch zum
Bösen
ausschlagen,
anders als
für die
Lutherische
Orthodoxie,
nicht geben.
In Tholucks
Leben findet
man
allerdings
durchaus
Gegengewichte
zu dieser
strengen
Ausrichtung:
ein Jahr
lang
(1828-1829)
wirkte er
als
Seelsorger
in Rom, eine
Bildungserfahrung,
auf die wohl
nicht zu
Unrecht
seine
spätere
Weltläufigkeit
und Milde
mit
zurückgeführt
worden ist.
Wesentlich
für Tholucks
systematisch
theologische
Bemühungen
war der
Rückgang in
die
Geschichte:
sein
Paulus-Kommentar
erinnerte an
die
reformatorische
Exegese und
griff auf
die
Auslegungen
von
Melanchthon
und Calvin
zurück. Er
erschloß für
viele
Generationen
gelehrter
Exegeten,
etwa für
Ferdinand
Christian
Baur, das
Verständnis
der
Paulinischen
Theologie
neu. Damit
hing
zusammen,
daß Tholuck,
zusammen mit
Lücke und
Hengstenberg,
die
Kontinuität
von Altem
und Neuem
Testament
neu erschloß,
die in
Schleiermachers
gnostischen
Ansätzen und
vor allem
denen der
Schleiermacherianer
verloren zu
gehen
drohte. Die
historische
Rückbesinnung
auf die
Reformation
brachte es
mit sich,
daß Tholuck
während
seiner
Hallenser
Wirkungszeit
zunehmend
zum
orthodoxen
Lutheraner
wurde und
auch in
seinem
Schülerkreis
eine
konfessionalistische
Grundauffassung
verbreitete.
Die
Wiederentdeckung
der “alten
Lehre”, die
für Tholuck
wie für
viele
Theologen
seiner
Generation
eine Urszene
hatte: das
dreihundertjährige
Gedächtnis
der
“Confessio
Augustana”
1830,
trieb ihn
1837 zur
Auseinandersetzung
mit
Straußens
Leben Jesu.
Wenn er den
rechtshegelianischen
Standpunkt
des Werks
und die
Profanität
im Ton auch
verurteilen
mußte, so
war Tholuck
doch zu sehr
Philologe
und
Historiker,
als daß er
sich nicht
an der
Sachkritik
sowohl gegen
die
Paulinischen
Schriften
wie gegen
die
Prophetischen
Bücher des
Alten
Testamentes
beteiligt
hätte.
Theologisch
noch
bedeutungsvoller
scheint die
Unterscheidung
zwischen der
Person Jesu
Christi und
dem
historischen
Jesus: in
jener, nicht
in diesem,
sieht
Tholuck die
messianischen
Weissagungen
des Alten
Testamentes
erfüllt. Von
Haus aus
zwar
studierter
Philologe,
konnte er
doch
gelehrte
Bibelkritik
und Erbauung
kaum
voneinander
trennen.
Besonders
nachdrücklich
ist diese
Perspektive
introspektiver
Glaubenserfahrung
in seinen
Kommentar
zum
Johannes-Evangelium
eingegangen.
Einer
Verbalinspiration
redete er
freilich nur
für den
Umkreis des
von ihm
vermuteten
‘Zentraldogmas’,
eben der
Lehre vom
Sündenfall,
das Wort.
Bei seinen
Zeitgenossen
erregte die
Elastizität
und
Unbestimmtheit
der
Positionen
Tholucks
mitunter
Unverständnis.
Manches
davon
erscheint
der
Nachwelt,
die
gerechter
sein kann
als die in
den Streit
der
Überzeugungen
verstrickten
Zeitgenossen,
als
Standpunkt
seelsorgerlicher
Milde und
Toleranz,
doch auch
als das
Ergebnis
lebenslangen
Glaubensringens.
Der von ihm
1830 bis
1849
herausgegebene
Litterarische
Anzeiger
etwa bot
auch
Rationalisten
ein Forum,
obgleich
sich
unmittelbar
daneben
Äußerungen
von
altgläubiger
Strenge
finden. Die
Neigung zum
abgewogenen
Urteil
prädestinierte
Tholuck
nicht
zuletzt zum
Erforscher
und
Chronisten
der
Theologiegeschichte
seiner
jüngeren
Vergangenheit.
Mit den
zwischen
1853 und
1865
vorgelegten
Arbeiten
über die
Theologie
des 17. und
18.
Jahrhunderts
hat er auf
nachfolgende
Theologengenerationen
vielleicht
am
nachhaltigsten
gewirkt. In
seinen
späten
Jahren
warnte
Tholuck dann
vor der
Verwechslung
von
Glaubensstärke
mit der
Härte des
Urteils über
Andersdenkende.
Zum Teil
ging die
Vieldeutigkeit
seiner
Position
aber auch
auf
mangelnde
systematische
Kraft und
eine Neigung
zum
Eklektizismus
zurück.
Nicht ohne
Grund befand
Albrecht
Ritschl
Tholuck für
‘wissenschaftlich
incommensurabel’.
Tholuck
lehnte die
Trinität als
scholastische
Erfindung ab
und zog sich
dadurch die
tiefe
Mißachtung
Hegels zu,
dessen Lehre
von der
Selbstbewegung
des Begriffs
als eine
einzige
große
Übersetzung
des
trinitarischen
Dogmas in
die
Philosophie
begriffen
werden kann.
Zugleich
aber hielt
Tholuck
– mit
den
Hegelianern
und gegen
Schleiermacher
– an
der
Spekulation
als einem
legitimen
Bestandteil
der Dogmatik
fest. Sie
sollte der
von außen
argumentierenden
Apologetik
als
Innenansicht
des Glaubens
an die Seite
gestellt
werden.
Spekulative
Kraft war
ihm selbst
indes nicht
eigen,
weshalb sein
dogmatisches
System
fragmentarisch
blieb. Im
letzten
mochte er
sich auch
auf die
Denkart des
spekulativen
Idealismus
der
theologischen
Hegelianer
nicht
einlassen.
Wenn er den
Rationalismus
der
Aufklärungstheologie
am
Bewußtsein
des Bösen
(unter
Berufung auf
die
Sündenfallerzählung
Gen. 3 und
den
Paulinischen
Gewissensbegriff
Röm. 7)
zerbrechen
sah, so war
ihm die
Hegelsche
Lehre vom
absoluten
Geist
Inbegriff
eines
Pantheismus,
der die
Unterschiedenheit
von Gott und
Mensch nicht
genügend
wahre. In
der
geistigen
Situation
der
Theologie
seiner Zeit
war er damit
ein
Heimatloser,
fern sowohl
den
Rationalisten
wie den
Idealisten.
Umso
mehr war die
Frömmigkeitsgemeinschaft
sein
eigentlicher
Ort.
Mitwelt und
forschende
Nachwelt
waren tiefer
als von dem
systematischen
Theologen
Tholuck von
dem
Hallenser
Universitätsprediger
(seit 1839)
und
Seelsorger
beeindruckt.
Innigkeit,
flammende
Beredtsamkeit,
Lebensnähe
und
Überzeugungskraft
seiner
Predigten
sind
vielfach
bezeugt.
Einen ganz
unakademischen
und
volksnahen
Ton schlugen
auch seine
1839 zum
ersten Mal
erschienenen
Stunden
der Andacht
an. Im
seelsorgerlichen
Gespräch
entwickelte
Tholuck eine
maieutische
Methode, die
ganz im Sinn
pietistischer
Seelenerforschung
ins Innere
der Herzen
einzudringen
suchte, um
das
Nichtwissen
und die
Brüchigkeit
vermeintlicher
Gewißheiten
aufzuweisen
–
nicht zum
Zwecke der
Verunsicherung,
sondern der
Weckung
tiefer
christlicher
Demut.
Lit.:
Witte,
Leopold: Das
Leben D.
Friedrich
August
Gottreu
Tholucks. 2
Bände.
Bielefeld
und Leipzig
1884/86. –
Elert,
Werner: Der
Kampf um das
Christentum.
Geschichte
der
Beziehungen
zwischen dem
evangelischen
Christentum
in
Deutschland
und dem
allgemeinen
Denken seit
Schleiermacher
und Hegel.
München
1921. –
Hirsch,
Emanuel:
Geschichte
der neuern
evangelischen
Theologie.
Band 5.
Gütersloh
1954, S.
103ff. –
Schellbach,
Martin:
Tholucks
Predigt.
Ihre
Grundlage
und ihre
Bedeutung
für die
heutige
Praxis.
Berlin 1956.
– Zilz,
Walther:
August
Tholuck.
Professor,
Prediger,
Seelsorger.
Gießen 1962.
– Kähler,
Martin:
Geschichte
der
protestantischen
Theologie im
19.
Jahrhundert.
Wuppertal
und Zürich
21989.
–
Axt-Piscalar,
Christine:
Ohnmächtige
Freiheit.
Studien zum
Verhältnis
von
Subjektivität
und Sünde
bei F. A.
Tholuck,
Julius
Müller,
Sören
Kierkegaard,
Friedrich
Schleiermacher.
Tübingen
1996.
Bild:
Nach
Friedrich
Mildenberger:
Geschichte
der
deutschen
evangelischen
Theologie im
19. und 20.
Jahrhundert.
Stuttgart
und andere
1981, S.
281.
Harald
Seubert