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Franziska Tiburtius
gehört zu den ersten akademisch ausgebildeten Ärztinnen in Deutschland.
Mit ihrem wissenschaftlichen Studium und ihrer Berufstätigkeit als
Ärztin verstieß sie gegen die Konventionen einer Zeit, in der die
Wissenschaften und der Arztberuf allein Männern vorbehalten sein
sollten. In der Öffentlichkeit war sie deswegen als „Emanzipierte"
verschrien, doch sie selbst verstand sich keineswegs als
Frauenrechtlerin und war der Frauenbewegung gegenüber kritisch und
distanziert eingestellt. Franziska Tiburtius wurde auf der Insel Rügen
als jüngstes von neun Geschwistern geboren und verbrachte dort ihre
Kindheit auf dem kleinen Gutshof Bisdamitz. In Stralsund, wo sich die
Familie im Jahr 1851 niederließ, besuchte sie eine Privatschule. Ihr
„Wunsch nach eigenem Erleben in der Welt draußen und nach materieller
Selbständigkeit" bewog sie im Alter von 17 Jahren, den einzig
standesgemäßen Beruf zu ergreifen, der bürgerlichen Frauen ihrer Zeit
offenstand: den der Erzieherin. Insgesamt neun Jahre übte sie ihn aus;
zunächst betreute sie die Kinder der pommerschen Adelsfamilie Lyngen von
Werbelow und ging dann im Jahr 1867 nach England, wo sie die vier
Töchter eines englischen Geistlichen unterrichtete.
Mit 28 Jahren entschloß
sich Franziska Tiburtius, den Lehrerberuf zugunsten der Medizin
aufzugeben. Sie empfand diesen Schritt als „Sprung ins absolut Dunkle",
denn es war ein Vordringen in die Wissenschaften und die
professionalisierte Medizin, beides Bereiche, die Frauen bislang
verschlossen waren. So ließen die Universitäten in Deutschland bis in
das Jahr 1900 Frauen nicht zum Studium zu. Daher ging Franziska
Tiburtius im Jahr 1871 an die Universität Zürich, die seit den 60er
Jahren auch Frauen immatrikulierte. Um sich die Rückkehr in den
Lehrerberuf offenzuhalten, hielt sie ihr Studienvorhaben zunächst
geheim, denn „welche Eltern hätten wohl einem emanzipierten
Frauenzimmer, das im Präpariersaal und in medizinischen Vorlesungen
gewesen, ihre Töchter anvertraut?" Das Studium absolvierte sie innerhalb
von fünf Jahren mit Bravour; von männlichen Kommilitonen und
Professoren, die es nach ihrer Aussage „vortrefflich verstanden,
Frauen durch die Art ihres Vortrages hinauszugraulen", ließ sie sich
nicht abschrecken und bestand 1876 ihr Doktorexamen mit der Note „sehr
gut". Ein halbes Jahr verbrachte sie als Assistenzärztin an der
Königlichen Entbindungsanstalt in Dresden, bevor sie Ende des Jahres
1876 nach Berlin ging, um dort eine eigene Praxis zu eröffnen.
Doch ihre Niederlassung
stieß auf großen Widerstand der preußischen Behörden und ihrer
Ärztekollegen: die Approbation wurde ihr nicht erteilt, der Schweizer
Abschluß nicht anerkannt; zum Staatsexamen wurde sie erst gar nicht
zugelassen. Man denunzierte sie gar wegen angeblich unbefugter Führung
des Doktortitels, und Presse und Öffentlichkeit standen ihr mit Skepsis
gegenüber. „Wir hatten erst Beweise zu liefern, bevor man uns traute",
so kommentierte Franziska Tiburtius in ihren Memoiren das Mißtrauen,
mit dem sich die ersten Ärztinnen konfrontiert sahen. Sie reagierte
gelassen: „Da hieß es ruhig bleiben, das Gesicht wahren, unentwegt
seines Weges gehen, (...) und die beruflichen Pflichten so heilig und
ernst nehmen, wie der hochgespannteste ethische Imperativ sie nur irgend
verlangen konnte." Aufgrund der Gewerbefreiheit konnte sie auch ohne
Approbation praktizieren. Allmählich überzeugte sie durch ihre fachliche
Kompetenz und zählte mit der Zeit einen immer größer werdenden Kreis
von Frauen aller Gesellschaftsschichten zu ihren Patientinnen.
Zusätzliche Anerkennung und Beliebtheit gewann sie durch die Einrichtung
einer Poliklinik für Frauen in einem Arbeiterviertel Berlins, die sie
mit großem sozialen Engagement gemeinsam mit der Studienkollegin und
Freundin Emilie Lehmus betrieb. Durch sehr niedrige Honorare
ermöglichten die beiden Ärztinnen auch Arbeiterinnen eine ärztliche
Behandlung. Der Poliklinik wurde später eine kleine Pflegeanstalt im
Dachgeschoß des Wohnhauses von Franziska Tiburtius angeschlossen, aus
der sich die „Klinik der weiblichen Ärzte" entwickelte. Diese wurde zum
Zentrum der ersten Generation von Ärztinnen in Berlin. Franziska
Tiburtius gab im Jahr 1907 nach über 30 Jahren Berufstätigkeit ihre gut
besuchte Praxis auf. Die nun 64jährige unternahm zahlreiche Reisen in
alle Welt. Ihre Erlebnisse verarbeitete sie in mehreren Aufsätzen über
naturwissenschaftliche, juristische, politische, religiöse und
pädagogische Themen. Während des Ersten Weltkrieges war sie noch einmal
als Ärztin tätig und widmete sich der Kranken- und Wohlfahrtspflege. In
ihren Erinnerungen schreibt sie: „Mein Leben ist köstlich gewesen, denn
es ist Mühe und Arbeit gewesen.“ Sie starb im Alter von 84 Jahren.
Franziska Tiburtius verschaffte sich in Deutschland als eine der ersten
Frauen Zugang zum Beruf der Ärztin. Sie engagierte sich für die
vollwertige und universitäre Ausbildung von Ärztinnen und gemeinsam mit
Helene Lange für die Verbesserung der Bildungsmöglichkeiten von Frauen.
Durch ihre Pionierarbeit und ihr Beispiel forcierte sie die Öffnung des
ärztlichen Berufs für Frauen und wurde wegweisend für spätere
Generationen von Ärztinnen.
Lit.: Bluhm, Agnes:
Franziska Tiburtius, in: Jahrbuch der Frauenbewegung 1914, S. 170-174. -
Gerhard, Ute: Unerhört. Die Geschichte der deutschen Frauenbewegung.
Frankfurt 1990, S. 160-162. - Hildebrandt, Irma. Zwischen Suppenküche
und Salon. 18 Berlinerinnen, Köln 1987, S. 55-60. - Lange, Helene: Dr.
Franziska Tiburtius f. Ein Gedenkwort, in: Die Frau 34 (1926/27), S. 528
f. - Lange-Mehnert, Christa: „Ein Sprung ins absolute Dunker. Zum
Selbstverständnis der ersten Ärztinnen: Marie Heim-Vögtlin und
Franziska Tiburtius, in: Frauenkörper - Medizin -Sexualität, hg. v.
Johanna Geyer-Kordesch, Annette Kühn, Düsseldorf 1986, S. 286-310. -
Dies.: Marie Heim-Vögtlin und Franziska Tiburtius: Erste Ärztinnen im
Zeitalter der naturwissenschaftlichen Medizin. Motive, Hintergründe und
Folgen ihrer Berufswahl [med. Diss.], Münster 1989. - Lück, Conradine:
Frauen. 9 Lebensschicksale, Reutlingen 1961, S. 155-185. - Schönfeld,
Walther: Frauen in der abendländischen Heilkunde vom klassischen
Altertum bis zum Ausgang des 19. Jahrhunderts, Stuttgart 1947. -
Tiburtius, Franziska/Zacke, Paul: Bildung der Ärztinnen in eigenen
Anstalten oder auf der Universität? Verhandlungen der 7. Kommission u.
d. Frauengruppe d. freien kirchlich-sozialen Konferenz gelegentlich
ihrer 5. Hauptversammlung zu Erfurt am 18. - 20.4.1900, Berlin 1900, S.
3 -17. - Tiburtius, Franziska: Erinnerungen einer Achtzigjährigen,
Berlin 1929 (3. Aufl.). - Dies.: Aufsätze in der Zeitschrift „Die Frau«
2 (1894/95), S. 194-202; 4 (1896/97), S. 405 bis 413; 6 (1898/99), S.
10-14; 9 (1901/2), S. 366-369; 10 (1902/3), S. 270-278; 13 (1905/6), S.
478-484; 14 (1906/7), S. 592-605; 15 (1907/8), S. 545-553, 595-599; 17
(1909/ 10), S. 213-224.
Bild: Jahrbuch der
Frauenbewegung 1914
Almuth Bartels
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