Der Titel ihres 1982
erschienenen Romans
„Heimatsuchen“
könnte gleichsam
stellvertretend über
dem umfangreichen
lyrischen und
prosaischen Werk der
Autorin stehen. Denn
daß es sich bei Ilse
Tielsch nicht darum
handelt,
oberflächliche oder
verklärte
Heimattexte
abzuliefern, wird
dem Leser sofort
klar. Und auch das
scheint kein Zufall
zu sein: Dieses Buch
ist die Fortsetzung
eines Romans, der
den bezeichnenden
Titel „Die
Ahnenpyramide“
(1980) trägt – und
der darauf hinweist,
woraus sich ihr
Leben und
schriftstellerisches
Tun speist: Aus den
Quellen, die nicht
versiegen und aus
denen sie immer noch
schöpft. In die
Romantrilogie, das
Hauptwerk der
Autorin, fügt sich
dann der dritte Band
„Früchte der Tränen“
(Roman, 1988) ein.
Zeitgeschichte dies,
dargestellt und
aufgeblättert an
Hand der eigenen
Familiengeschichte.
Davon gibt es viele,
nicht minder
interessante. Aber
auf das „wie“ kommt
es an. „Auch davon
kann nicht die Rede
sein“, schreibt die
Autorin, „ob die
Heimatlandschaften
schöner gewesen
seien als jene, in
die man sich nun
versetzt sah. Nur
von der Fremdheit
muß gesprochen
werden, vom Neuen,
Ungewohnten, vom
Ungeliebten. Vom
Heimweh muß
gesprochen werden,
von der Sehnsucht
nach Gegenden, die
zu verlassen man
sich nicht gewünscht
hatte, zu deren
Verlust man
gezwungen worden
war.“
Ilse Tielsch
verbindet ihre Prosa
mit der Natur,
exemplarisch in
ihrem Erzählband
„Erinnerung mit
Bäumen“ (1979): „Im
Mai bieten die
Wiesen einen
lieblichen Anblick.
Von gelb-blühenden
Blumen durchwirktes
Grün, darüber
manchmal ein blauer
Himmel, dazu die
weiß-blühenden
Mostbirnbäume.“ Und
dann im gleichen
Werk der
Schlüsselsatz: „Die
Erinnerungen sind
nicht mehr
chronologisch zu
ordnen.“ Aber was
immer auch in dem
vielfältigen Werk
der Ilse Tielsch
geschieht: Es sind
Menschen, die vieles
erfahren haben, die
sich in
entscheidenden
Situationen
bewährten – oder
versagten; die
eingetaucht waren in
diesen
unaufhaltsamen,
grausamen Strom der
Zeitgeschichte des
vorigen
Jahrhunderts.
In über zwanzig
Buchpublikationen –
vom ersten
Gedichtband „In
meinem
Orangengarten“ (1964
im Auftrag des
Kulturamtes der
Stadt Wien in der
Reihe „Neue Dichtung
aus Österreich“ von
Rudolf Felmayer
veranlaßt) bis zu
dem Prosaband „Eine
Winterreise“ (1999),
die von Wien nach
Bulgarien führte,
hat Ilse Tielsch
ihre dichterische
Stimme erhoben gegen
Haß, Gewalt und
Unmenschlichkeit –
für eine – und sei
es auch utopische –
Welt der Wahrheit
und Gerechtigkeit,
der Liebe und
Versöhnung. Dabei
ist eine heitere
Gelassenheit nicht
zu übersehen.
Manches im Werk wird
aus ihrem bewegten
Lebenslauf
erklärbar: Geboren
am 20. März in
Auspitz (Hustopece),
Südmähren, als Ilse
Felzmann. Im April
1945 Flucht vor der
nahen Front.
Unterkunft in einem
oberösterreichischen
Bauernhof.
Fortsetzung des
unterbrochenen
Schulbesuchs in
Linz. Matura 1948 in
Wien. Studium der
Zeitungswissenschaften
und Germanistik an
der Wiener
Universität.
Promotion 1953
(Dissertation: „Die
Wochenschrift „Die
Zeit“ als Spiegel
literarischen und
kulturellen Lebens
in Wien um die
Jahrhundertwende“).
Seit 1949
österreichische
Staatsbürgerschaft.
Heirat 1950, vier
Kinder (1962 Tod der
Tochter Iris, 1968
Tod des Sohnes
Rainer). Während des
Studiums und auch
danach übte Ilse
Tielsch verschiedene
Brotberufe aus; seit
1964 lebt sie als
freie
Schriftstellerin in
Wien.
Die Autorin ist
nicht auf eine
bestimmte
literarische
Richtung
festzulegen. Ihr
Werk besteht aus
Lyrik, Romanen,
Erzählungen,
Hörspielen,
satirischer Prosa,
Reiseimpressionen,
Funk-Erzählungen.
Verständlich, daß
sich die
Sekundärliteratur
damit beschäftigte
und germanistische
Arbeiten über ihr
Leben und Werk an
den Universitäten
von Kairo, Posen,
Colmar, Erzurum, San
Diego, Brünn und
Stettin erschienen
sind.
In seinem
Standardwerk „Der
ungeheure Verlust.
Flucht und
Vertreibung in der
deutschsprachigen
Belletristik der
Nachkriegszeit“
(Wiesbaden, 1988)
hat sich Louis
Ferdinand Helbig
ausführlich mit dem
dichterischen Werk
der Ilse Tielsch
befaßt. „Zu den
wenigen
vollständigen, die
ganze Vielfalt der
heimatlichen
Lebenswelt bis hin
zu ihrem Verlust und
dem Stadium
intensiven Erinnerns
umfassenden Romanen
gehören ,Die
Ahnenpyramide‘ und
,Heimatsuchen‘ von
Ilse Tielsch. Jeder
für sich und beide
zusammen sind neben
Horst Bieneks
Schlesien-Tetralogie
das umfang- und
faktenreichste Werk
zum Thema ...
,Heimatsuchen‘
zeigt, wie im
Erleben eines
unüberschaubaren
Familienverbandes
das Repräsentative
zum Typischen wird.“
Der österreichische
Dramatiker Fritz
Hochwälder
(1911-1986) schrieb
zur „Ahnenpyramide“:
„ ... es ist ein
großes und stilles
Buch.“
Unzählige
Publikationen und
Nachdrucke in
Literaturzeitschriften
und Anthologien des
In- und Auslandes
liegen vor.
Prosatexte und
Gedichte wurden in
18 Ländern
publiziert.
So sehr Ilse Tielsch
sich niemals dem
gängigen
„literarischen
Markt“ angeschlossen
hat, sondern im
Innersten stets eine
„Einzelgängerin“
gewesen ist; so
wenig hat sie sich
den künstlerischen
Zusammenschlüssen
versagt. Sie ist
Mitglied der
Sudetendeutschen
Akademie für
Wissenschaft und
Kunst und war von
1990 bis 1999 Erste
Vizepräsidentin des
Österreichischen
PEN-Clubs. Die Liste
der Preise und
Auszeichnungen weist
an die zwanzig Titel
auf. Auch dies gewiß
ein Zeichen für die
Wirkung und
Wertschätzung ihres
Werkes.
Der innere Gewinn
für den Leser liegt
indessen darin
begründet, daß er
teilnehmen darf an
einer Welt, die
versunken ist, die
aber kraft des
dichterischen
Vermögens der
Autorin lebendig
bleibt im
unverlierbaren
geistigen Raum. So
wie es deutlich wird
in dem Gedicht
„Circulus Brunnensis
– vor einer alten
Karte von Mähren“
(aus dem Gedichtband
„Zwischenbericht“,
1986): „Ich bin oft
dort ... im leeren
Turnsaal zittert
noch etwas / Mozart
/ auf verstimmtem
Klavier gespielt /
aber die Lieder sind
verstummt / die
Stimmen nicht mehr
hörbar / vergebens
lege ich mein Ohr /
auf die Schwelle /
fremd / gehe ich
durch die Gassen /
eingehüllt in
Schatten und Schlaf
/ weiß: der Regen
bleibt nicht aus /
schreibe doch immer
wieder / mit Kreide
/ an die Häuserwände
/ alle Antworten /
die sie mir schuldig
geblieben sind.“
Werke:
(Auswahl): Herbst
mein Segel
(Gedichte, 1967). –
Anrufung des Mondes
(Gedichte, 1970). –
Regenzeit (Gedichte,
1975). – Ein Elefant
in unserer Straße
(satirische
Erzählungen, 1977).
– Fremder Strand
(Erzählung, 1984). –
Der Solitär
(Erzählung, 1987). –
Lob der Fremdheit
(Gedichte, 1999). –
Rückkehr zu Kathrin
(Erzählung. Nur
Bulgarisch. Sofia
1999). – Der August
gibt dem Bauer Lust
(Wettersprüche und
Geschichten, 2000).
Bild:
Privatarchiv des
Autors
Jochen Hoffbauer