Das mit Jahresbeginn 1922 zur
Stadt erhobene Hindenburg, nach den Eingemeindungen von 1927
eine Großstadt mit 126.410 Einwohnern, ist der Geburtsort von Heinz
Tobolla. Dort kam er am 19. September 1925 als jüngstes von sieben
Kindern eines Stadtamtmanns, der als Schul- und Kulturdezernent
tätig war, zur Welt. Die krankheitsbedingte Pensionierung des Vaters
hatte einen Wohnortwechsel der Familie zur Folge. Sie verließ die
von Gruben und Hütten geprägte oberschlesische Industriestadt und
zog in das am Rande des Eulengebirges gelegene, in eine reizvolle
Landschaft eingebettete niederschlesische Frankenstein. An der
Oberschule dieser Kleinstadt bestand Tobolla am 4. März 1943 die
Reifeprüfung. Sein auf dem Abiturzeugnis vermerkter Berufswunsch,
Bildhauer zu werden, musste vorerst zurückgestellt werden; denn im
August 1943 zum Kriegsdienst bei der Luftwaffe eingezogen, geriet
Tobolla ein Jahr später in amerikanische Gefangenschaft, aus der er
1946 entlassen wurde. Zunächst versuchte er, sich bei einem Kölner
Bildhauer einen ersten Einblick in dessen Arbeitsgebiet zu
verschaffen, bevor er an die Meisterschule des Handwerks nach
Münster ging, die später in Werkkunstschule umbenannt wurde. Dort
war er von 1946 bis 1953 Schüler der Bildhauer-Professoren Franz
Guntermann und Kurt Schwippert sowie des Maler-Professors Vincenz
Pieper. Außerdem schrieb er sich am Anatomischen Institut der
Universität Münster ein, damit dem wohl gemeinten Rat des
Institutsleiters Prof. Dr. Helmut Becher folgend. Er erwarb nicht
nur die für einen Bildhauer unerlässlichen anatomischen Kenntnisse,
sondern arbeitete gleichzeitig auch als Plastiker, Maler, Zeichner
und Präparator. Zwischen 1963 und 1985 nahm er in Aachen an der
Staatlichen Ingenieurschule für Bauwesen, der späteren
Fachhochschule, Lehraufträge für plastisches Gestalten,
Freihandzeichnen und Moderne Kunst wahr. Während des
Anatomiestudiums gelangte Tobolla bei der Beschäftigung mit dem
„Innersten“ des Menschen und dem Bau seines Körpers zu der
Einsicht, dass der Mensch ein Wunder sei, dem man als Teil der
Schöpfung mit Respekt zu begegnen habe. In einer autobiographischen
Skizze aus dem Jahr 1993 fasste Tobolla sein künstlerisches Credo in
die Worte: „Mein Thema ist der Mensch; und die Aussage gestalte
ich im Zeit-Raum-Erlebnis im adäquaten Material zum Gedanken.“
Es versteht sich von selbst, dass Tobolla die kritische
Auseinandersetzung mit dem Rätsel „Mensch“ auf dem Hintergrund der
geistigen Strömungen, gesellschaftlichen Entwicklungen und
politischen Ereignisse sucht und führt, bis das bildnerische
Resultat vorliegt. Genauso wichtig ist ihm der Dialog mit dem
Betrachter seines Werkes, von dem er ausdauerndes Sehen erwartet,
wenn er Zugang an ihm finden, es verstehen möchte.
Mit der 55 cm hohen Figurengruppe
Menschen sprechen miteinander, aus Plastikbeton gefertigt,
gelingt dem seit 1953 in Aachen Freischaffenden der künstlerische
Durchbruch. Bei der Unesco-Ausstellung in Monte Carlo wurde sie 1962
mit zwei Goldmedaillen ausgezeichnet, nämlich mit dem Premier
Prix International de Sculpture à Monte-Carlo und dem Prix
Spécial Jury à Monte-Carlo. Diese Plastik wurde später in
anderen Materialien und Größen wiederholt. 1963 bis 1965 wurde sie
als Auftragsarbeit Landes Nordrhein-Westfalen überlebensgroß in
Bronze ausgeführt und vor dem Bibliotheksgebäude der
Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule in Aachen
aufgestellt. Unterschiedliche Lösungen erfährt die Thematik des
menschlichen Miteinanders in zwei Großplastiken, die im Auftrag
Nordrhein-Westfalens für die Kernforschungsanlage in Jülich
geschaffen wurden. In deren Foyer steht die Bronze Menschen leben
miteinander (1965) und im Innenhof ihrer Bibliothek die Bronze
Menschen gehen aneinander vorbei (1966). In der Folgezeit
entstand eine Reihe weiterer Bildwerke, in denen das Thema
„Mensch“ gestaltet wurde: Der Protest (1968), Eskalation
der Gewalt (1991), Die Selbstzerstörung (1991),
Prometheus (1991), Der Dualismus im Menschen (1993),
Der offene Mensch und Der verschlossene Mensch (beide
1993) sowie Menschen sprechen nicht mehr miteinander (1998).
Für die Stadt Aachen, die dem
Bildhauer zur zweiten Heimat wurde, in der er lebt und arbeitet,
schuf er für den öffentlichen Raum mehrere markante Kunstwerke, die
der Humanisierung des Stadtbildes dienen sollen: den
Röhrenbrunnen (1971) vor der Neuen Galerie, die Bronzeplastik
Mädchen mit Regenschirmen (1972) im Fußgängerbereich der
Großkölnstraße, die Die große Welle und Wasserspeier,
beide 1974 aus Basaltlava und Bronzeblech geschaffen und vor dem
Hotel Steigenberger aufgestellt, die Bronzefigur Kehrmännchen
(1976) und auf dem Hermann-Heusch-Platz die Skulptur Der
Durchbruch (1984/ 1985), ausgeführt in belgischem Granit. Ein
eindrucksvolles Monument auf dem Aachener Synagogenplatz ist der 3
Meter hohe und 26 Tonnen schwere Kristallberg in Form eines
Davidsterns (1984). Dieses Mahnmal wurde von den beiden christlichen
Kirchen anlässlich des Neubaus der Synagoge gestiftet. Es soll an
die während der NS-Herrschaft in die Todeslager deportierten
jüdischen Mitbürger und an die Brandschatzung der Synagoge in der
„Reichskristallnacht“ des Jahres 1938 erinnern.
Tobolla, der in den Materialien
Holz, Stein, Keramik, Bronze, Gips, Stahl, Kupfer, Messing, Blei,
Beton, Glas und Kunststoff arbeitet, hat in nahezu 60 Jahren ein
erstaunlich umfangreiches Œuvre geschaffen. Bis 2005 will er
ungefähr 700 Arbeiten ausgeführt haben, darunter mehr als 100 in
Überlebensgröße. Dagegen nennt das Werkverzeichnis für den Zeitraum
von 1946 bis 2005 lediglich 484 Arbeiten. Darin sind allerdings die
anatomischen Arbeiten, die zwischen 1951 und 1955 in Münster
entstanden sind, nicht erfasst. Seit 1962 fand der Bildhauer
wachsende Anerkennung. 1990 wurde er mit dem Kulturpreis Schlesien
(Sonderpreis) des Landes Niedersachsen ausgezeichnet. Die Teilnahme
an 44 Wettbewerben trug ihm sechzehn 1. Preise, zwei 2. Preise und
drei 3. Preise ein.
Die erste Reise des Bildhauers in
seine Geburtsstadt Hindenburg fiel in das Jahr 1991. Damals begannen
die Vorbereitungen für eine Wanderausstellung, die in den Jahren
1993-1994 im Stadtmuseum Hindenburg, im Schlesischen Museum in
Kattowitz, im Museum in Neisse, im Museum für Medaillenkunst in
Breslau und zum Abschluss im Oberschlesischen Landesmuseum in
Ratingen-Hösel zu sehen war. 1997 schuf Tobolla die 3.50 m hohe
Bronze Konfrontation mit dem eigenen Ich. Von der
Aachen-Münchener-Versicherung und dem Ehepaar Springsfeld gestiftet,
wurde die Monumentalplastik am 13. Juni 1998 der Bevölkerung von
Hindenburg als Geschenk übergeben. Der 80. Geburtstag des Künstlers
war willkommener Anlass für eine Retrospektiv-Ausstellung, die unter
der Schirmherrschaft von Dr. Jürgen Rüttgers, dem
Ministerpräsidenten des Landes Nordrhein-Westfalen, am 20. Oktober
2005 im Schlesischen Museum in Kattowitz eröffnet und anschließend
auch in anderen Städten Polens gezeigt wurde. Dazu erschien eine
deutsch-polnische Publikation, die das Werk von Heinz Tobolla
analysiert und dokumentiert. Mit dieser Retrospektive endete vorerst
die Reihe der Einzelausstellungen, die 1965 im
Suermondt-Ludwig-Museum der Stadt Aachen ihren Anfang nahm.
Vorbildlich zu nennen ist
Tobollas ehrenamtliches Engagement für Kunst und Künstler in den
verschiedensten Gremien: Über zehn Jahre leitete er als 1.
Vorsitzender die Interessengemeinschaft Bildender Künstler in Aachen
nach ihrer Gründung im Jahre 1972. Nachdem er 1974 in den Vorstand
des Vereins der Freunde der Neuen Galerie der Stadt Aachen
gewählt worden war, beschlossen die Stadtväter auf seinen
Antrag eine Ausstellung in Reims unter dem Titel Kunst von heute
in Aachen. Seit 1987 gehört Tobolla dem Vorstand des
Museumsvereins im Suermondt-Ludwig-Museum der Stadt Aachen an. Zehn
Jahre war er Mitglied des Rates der Stadt Aachen als
Bürgerschaftsvertreter im Bauausschuss.
Lit.: Ausstellungskatalog
Heinz Tobolla. Plastiken, Aachen 1965. – Ausstellungskatalog: Heinz
Tobolla. Mensch + Architektur (Plastiken, Entwürfe und Modelle
1962-1975). Eine Ausstellung des Suermondt-Museums und des
Museumsvereins Aachen, Aachen 1975. – Ausstellungskatalog des
Oberschlesischen Landesmuseums (deutsch-polnisch): Heinz Tobolla.
Vier Jahrzehnte Plastik, Skulptur und Objekte. Mensch-Zeit-Raum,
Ratingen-Hösel 1995. – Ausstellungskatalog (deutsch-polnisch): Heinz
Tobolla. Das Werk, Katowice-Ratingen-Aachen 2005.
Bild:
Privatarchiv des Autors.
Waldemar
Zylla