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Als am 15. Mai 1919 von
München aus ein Steckbrief zur Ergreifung des „Studenten der Rechte und
der Philosophie Ernst Toller" gegen 10000 Mark Belohnung plakatiert
wurde, wurde dieser Name zum ersten Mal in Deutschland bekannt. Ein im
Nordosten vor einem Vierteljahrhundert begonnener Lebensweg hatte in der
bayerischen Hauptstadt, die damals ein Brennpunkt des deutschen Umbruchs
war, einen dramatischen Wendepunkt erreicht. Dieser sollte bis zum Tode
des Mannes bestimmend bleiben. Ernst Toller, als drittes Kind eines
jüdischen Kaufmanns in der preußischen Provinz Posen geboren, war nach
Knabenschule und Realgymnasium Anfang 1914 an die Ausländeruniversität
Grenoble gegangen. Beim Ausbruch des Ersten Weltkrieges geriet er nach
München; er meldete sich als Kriegsfreiwilliger zum 1. Bayerischen
Fuß-Artillerie-Regiment. An der Westfront - vor Verdun - litt seine seit
einer schweren Erkrankung in der Jugend geschwächte Gesundheit so sehr,
daß er 1917, inzwischen Unteroffizier, kriegsuntauglich war. Nun
studierte er in München u.a. bei dem Theaterprofessor Arthur Kutscher
und in Heidelberg Soziologie bei Max Weber, gründete einen
„Kulturpolitischen Bund der Jugend", lernte Gustav Landauer kennen sowie
in Berlin Kurt Eisner, dem er zurück nach München folgte. Mit Lesungen
aus seinen Gedichten und ersten Dramen ebenso wie mit Reden für einen
Verständigungsfrieden wuchs ihm, der über ein mitreißendes Pathos
verfügte, 1918 eine wichtige Stimme in der oppositionellen „Schwabinger
Intelligenz" zu und Einfluß auf die kriegsmüde Arbeiterschaft. Vom
Januarstreik 1918 ab geriet er auch in Konflikt mit der Staatsordnung.
Diese Rolle führte den
politisch unerfahrenen Studenten an der Seite Eisners ins Zentrum der
bayerischen Novemberrevolution. Zunächst 2. Vorsitzender des
Vollzugsrats der Bayerischen Arbeiter-, Bauern- und Soldatenräte, wurde
er nach der Ermordung Eisners im März 1919 als Vorsitzender der
bayerischen USPD sowie als Vorsitzender des Revolutionären Zentralrats
(in der Nachfolge Ernst Niekischs) zu einer Hauptfigur der Münchner
Räterepublik in ihrer ersten, von anarchistischen Literaten (Gustav
Landauer, Erich Mühsam u. a.) geprägten Phase. Nachdem die Kommunisten
die Macht an sich gerissen hatten, verteidigte er als
Abschnittskommandeur der Roten Armee München gegen die vorrückenden
Truppen und Freiwilligenverbände der nach Bamberg ausgewichenen
bayerischen Regierung; bei Dachau errang er den einzigen Erfolg der
Rätegarden über die „Weißen". Dem zunehmend terroristischen Regiment der
bedrängten Machthaber, das ihn entsetzte, suchte er allenthalben zu
wehren. Das verhinderte nicht, daß er nach der Eroberung Münchens, die
für das Bürgertum eine Befreiung war, als ein Hauptschuldiger gehaßt und
- dem Morden der ersten Wochen entgangen - im Juli 1919 wegen
Hochverrats verurteilt wurde. Doch nicht zur vielfach erwarteten
Todesstrafe, sondern lediglich zu fünf Jahren Festungshaft, da das
Gericht bei ihm keine „ehrlose Gesinnung" erkennen konnte. Gerade die
Haftzeit aber, die unter drückenden, auch in der Presse und im Landtag
gerügten Umständen verlief, brachte dann Toller den Durchbruch zum
großen literarischen Erfolg. Denn seit man sein erstes Drama Die
Wandlung noch 1919 mit starkem Beifall in Berlin uraufgeführt hatte,
schuf er in diesen produktivsten Jahren die Dramen Masse Mensch,
Die Maschinenstürmer und Der deutsche Hinkemann, das
„galante Puppenspiel" Die Rache des verwöhnten Liebhabers und die
satirische Komödie Der gefesselte Wotan. Außerdem verfaßt er zwei
Gedichtbände – Gedichte der Gefangenen sowie das rasch
weitverbreitete Schwalbenbuch – und Massenspiele für die
Arbeiterfestspiele in Leipzig. Binnen kurzem wurde Toller der
bekannteste, meistübersetzte deutsche Dramatiker der zwanziger Jahre.
Nahezu unabhängig vom wechselnden literarischen Rang fanden seine
expressionistischen Stationenstücke mit ihrem humanitären Protest
gegen den Krieg und sozialrevolutionären Visionen aufgrund der
Zeitstimmung wie durch ihre zeitgemäße Form ein erregtes Echo – in
Zustimmung und Skandal. Diese Verkündigungsdramen spiegelten das
Nachkriegsdeutschland, die Ideale und enttäuschten Hoffnungen der
Revolution, provozierten so deren Gegner. All das geschah mit den
Mitteln der Massenmedien, welche die Wirklichkeit auf suggestive
Klischees reduzieren. Alfred Kerr meinte: „Toller spricht Zeitung." Nach
seiner Freilassung im Juli 1924 sah sich Toller zum Star des „linken"
Kulturbetriebs geworden; politisch bewirkte er dennoch, parteilos und
dem etablierten Sozialismus eher unbequem, nur mehr wenig. Mit
Manifesten, u.a. in der von Tucholsky und Ossietzky herausgegebenen
Weltbühne, auf Vortragsreisen, die auch nach Übersee führten, und im
Theater, vor allem mit dem Erfolgsstück Hoppla, wir leben!,
setzte er sich für einen revolutionären Pazifismus ein.
Zwangsläufig konnte
Toller, der sich bei Hitlers Machtantritt in der Schweiz aufhielt, nicht
nach Deutschland zurückkehren und gehörte zu den ersten, die im August
1933 ausgebürgert wurden. Im Exil – in London und New York – bekämpfte
er mit zahllosen Reden und Artikeln in Europa und Amerika den
Nationalsozialismus, setzte sich für das vom Bürgerkrieg verheerte
Spanien ein, warb für verschiedene Hilfsaktionen und für
Gewaltlosigkeit. Seine Autobiographie Eine Jugend in Deutschland
und seine Briefe aus dem Gefängnis erschienen, eine pazifistische
Komödie No More Peace wurde in London uraufgeführt, und er
schrieb Drehbücher für Hollywood. Er fand in den angelsächsischen
Ländern große Resonanz; doch änderte das nichts an seiner Verstörung
über die Weltpolitik und seiner persönlichen Lage. Wenige Monate vor
Ausbruch des Zweiten Weltkrieges setzte er in einem New Yorker Hotel
seinem Leben ein Ende. Man hat dies auch als einen letzten Protest gegen
Hitler gedeutet.
Wie nicht wenige
jüdische Intellektuelle aus dem Osten hatte die Assimilation Ernst
Toller in einen radikalen humanitären Idealismus geführt. Dieser äußerte
sich in den Erschütterungen des frühen 20. Jahrhunderts kulturell
glänzend; politisch aber scheiterte er, da ebenso arglos wie
kompromißlos, an seinem Mißbrauch durch totalitäre Macht.
Nachlaß:
verstreut (vgl. J.M. Spalek: Der Nachlaß Ernst Tollers, in:
Literaturwissenschaftliches Jahrbuch der Görres-Gesellschaft, N. F. Bd.
6 (1965), S. 251 ff.).
Werke:
W. Frühwald - J.M. Spalek (Hrsg.): Ernst Toller, Gesammelte Werke, 6
Bde, München 1978/79.
Lit.:
G. Rühle: Theater für die Republik 1917- 1933 im Spiegel der Kritik,
Frankfurt/M. 1967. - T. Dorst (Hrsg.): Die Münchener Räterepublik.
Zeugnisse und Kommentar, Frankfurt/M. 1967. - L. Morenz (Hrsg.):
Revolution und Räteherrschaft in München. Aus der Stadtchronik
1918/1919, München 1968. - K. Bosl (Hrsg.): Bayern im Umbruch. Die
Revolution von 1918, München 1969. - W. L. Kristl: Ernst Toller in der
Revolution 1918/19, in: Gewerkschaftliche Monatshefte Bd. 20 (1969), S.
205 ff. - F. J. Raddatz: Erfolg oder Wirkung. Schicksale politischer
Publizisten in Deutschland, München 1972. - Th. Bütow: Der Konflikt
zwischen Revolution und Pazifismus im Werk Ernst Tollers, Hamburg 1975.
- M. Durzak (Hrsg.): Die deutsche Exilliteratur 1933-1945, Stuttgart
1973, S. 489ff. - R. Altenhofer: Ernst Tollers politische Dramatik.
Diss. Washington University, St. Louis 1977 (masch.). - W. Frühwald -
J.M. Spalek (Hrsg.): Der Fall Toller, Kommentar und Materialien (= Ges.
Werke Bd. 6), München 1978. - C. ter Haar: Ernst Toller. Appell oder
Resignation? München 21982. - H.-Ch. Kirsch: Ernst Toller: Revolution
und Menschlichkeit, in: Klassiker heute, Frankfurt/M. 1982, S. 307 ff. -
W. Rothe: Ernst Toller in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten, Reinbek
1983. - A. Lixl: Ernst Toller und die Weimarer Republik, Heidelberg 1986
- C. ter Haar: Ernst Toller (1893-1939), „der aber an Deutschland
scheiterte...", in: M. Treml - W. Weigand (Hrsg.): Geschichte und Kultur
der Juden in Bayern. Lebensläufe, München 1988, S. 309ff. - F. J. Bauer
(Bearb.): Die Regierung Eisner 1918/19. Ministerratsprotokolle und
Dokumente, Düsseldorf 1987. — D. Henning: Johannes Hoffmann.
Sozialdemokrat und Bayerischer Ministerpräsident, München 1990. - R.
Dove: He was a German. A biographie of Ernst Toller, London 1990.
Bild:
Dove (wie oben).
Werner K. Blessing
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