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Urgroßvater Rittergutsbesitzer Wilhelm Tortilovius hatte 1822 den laut
Familienüberlieferung nach 1525 abgelegten Namen Tortilowicz von Batocki
(ein aus Litauen stammendes Geschlecht) wieder angenommen.
Adolf Tortilowicz von Batocki-Friebe wurde auf Gut Bledau geboren als
Sohn des Kammerherrn und Majoratsbesitzers Otto Tortilowicz von
Batocki-Friebe (1835 - 1890) und dessen Ehefrau Fanny, geborene Gräfin
von Keyserlingk (1841 - 1919). Er besuchte in Königsberg (Pr.) das
Friedrichskollegium, das er Ostern 1886 mit dem Abitur und Bestnoten
verließ, um in Bonn, Straßburg und Königsberg Rechts- und
Staatswissenschaften zu studieren (1889 Gerichts-Referendar; 1894
Regierungs-Assessor); er verließ 1895 den Staatsdienst, um das ererbte
Gut Bledau zu bewirtschaften, kehrte jedoch am 11. März 1900 als Landrat
des Heimatkreises in den Dienst zurück. Er gab Anregungen zur Lösung der
Landarbeiterfrage und förderte die Landfrauenbewegung; in seiner
Amtszeit wurde am 4. Juli 1905 die Kreissparkasse des Landkreises
eröffnet. Am 8. Februar 1907 erfolgte seine Wahl zum Vorsitzenden der
Landwirtschaftskammer Ostpreußen; seine abermalige Entlassung aus dem
Staatsdienst wurde am 15. Mai desselben Jahres bewilligt. Er setzte sich
für niedere Abgaben ein: Gegen die Überspannung der Kommunalabgaben
(Königsberg: Gräfe und Unzer 1912). Batocki hatte im Kürassier-Regiment
Graf Wrangel (Ostpr.-Nr. 3; Rittmeister d. R.) gedient und am 4. März
1898 in Kilgis (b. Königsberg) Paula, geborene Gräfin von Kalnein,
geheiratet, Tochter des Ober-Marschalls im Königreich Preußen, Graf Karl
von Kailnein, und dessen Ehefrau Ada, geborene Gräfin zu Eulenburg; der
Ehe entstammten drei Söhne und eine Tochter. Im September 1914 wurde
Batocki zum Oberpräsidenten der Provinz Ostpreußen ernannt, die in
Teilen von der russischen Armee verwüstet wurde (u.a. über 40000
zerstörte Gebäude und etwa 300000 Schadensfälle). Batocki leitete den
Wiederaufbau, holte Architekten aus dem Reich heran und war Vorsitzender
der Kriegshilfskommission in Königsberg, die am 12. Oktober 1914 ihre
Arbeit aufnahm. Er berichtete Vom Kampfe um das Geschick Ostpreußens
(als Manuskript gedr. Königsberg: Ostpr. Verl.-Anst. 1914.24 S.) und
äußerte (am 16.3.15 auch vor dem Pr. Abgeordnetenhause) Gedanken über
Ostpreußens Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft (Kriegs-Veröffentl. d.
dt. Bundes für Heimatschutz. München: Callwey 1915. 56 S. m. Abb.). Am
16. Mai 1916 wurde Batocki zum Präsidenten des neu geschaffenen
Kriegsernährungsamtes in Berlin ernannt, das er unter Schwierigkeiten
aufbaute und bis August 1917 leitete; aus ihm sollte sich das
Reichsernährungsministerium entwickeln. Nach soldatischer Dienstleistung
in Italien (als Stadtkommandant von Udine hatte er für die Sicherheit
eines Kaisertreffens zu sorgen), kehrte er im Februar 1918 als
Oberpräsident in die Heimat zurück (Major d. R.; EKII. u. I. KL; Österr.
Milit-Verdienst-Kreuz III. KL; Pr. Kronen-Orden I. KL). Nach der
Revolution im Reich traten auch in Ostpreußen revolutionäre Kräfte auf;
am 8. Januar 1919 wurde der „Provinzial-Arbeiter und Soldatenrat“
gebildet; die spartakistische „Volksmarinedivison“ (die Verbindung zur
Roten Armee suchte) besetzte das Königsberger Schloß. Auf Antrag von
Batocki wurde Ende Januar 1919 August Winnig zum Reichskommissar für
Ost- und Westpreußen ernannt; beiden gelang es, die Ordnung
wiederherzustellen. Batocki trat entschieden gegen polnische
Gebietsforderungen auf. Nach der Unterzeichnung des
(völkerrechtswidrigen) Versailler Vertrages legte er Ende Juni 1919 sein
Amt als Oberpräsident nieder, auf seinen Vorschlag hin wurde August
Winnig zu seinem Nachfolger ernannt. Batocki äußerte sich über
Ostpreußens wirtschaftliche Lage vor und nach dem Weltkriege (Berlin:
Dt. Verl. ges. f. Politik und Geschichte. 1920. 24 S.) und stand dann
noch ein halbes Jahr lang in Berlin als Reichskommissar für den
Wiederaufbau an der Seite von Walther Rathenau, der vom Mai bis zum
November 1921 Wiederaufbauminister war. Batocki forderte: macht Schluß
mit der Kriegs-Zwangswirtschaft! (Berlin: Dt. Verl. ges. f. Politik und
Geschichte. 1921. 22 S.); dieser Schrift lag ein Gutachten zugrunde, das
er Ende 1920 dem Reichs Wirtschaftsrat erstattet hatte. Nach einem
Rückblick auf die „Zwangsbewirtschaftung der Lebensmittel“ im Kriege
(als deren „Vater“ er zu Unrecht gelte), forderte er für die Ernte 1921
ein „System der völligen Marktfreiheit“.
Nach der Rückkehr in die Heimat wandte sich Batocki wieder der
Bewirtschaftung seines Gutes sowie Problemen der Landwirtschaft zu;
zusammen mit Landwirten wurde unter Leitung von Prof. Dr. Alfred
Mitscherlich, Ordinarius für Landwirtschaft an der Königsberger
Albertina, ein Versuchsring gebildet. Batocki war als letzter
Oberpräsident in diesem Amte zugleich Kurator der Albertina gewesen; die
Königsberger Universität hatte ihm 1916 die Würde eines Doktor jur. h.
c. verliehen. Noch im Kriege war von Batocki der Anstoß zur Errichtung
des Instituts für Ostdeutsche Wirtschaft gegeben worden, das am 18. Mai
1916 eröffnet wurde; der Staatswissenschaftler Dr. jur. et phil. Albert
Hesse (Professor an der Albertina) hatte die Leitung übernommen und gab
die Grundlagen des Wirtschaftslebens von Ostpreußen. Denkschrift zum
Wiederaufbau der Provinz (T. 1-6. Jena: Fischer 1916 - 18) heraus. Als
Hesse 1921 an die Universität Breslau wechselte, übernahm Batocki (bis
1927) die Leitung und bezog auch Nachbarländer in die Forschung ein.
Außerdem hatte er 1920 eine Honorarprofessur an der Juristischen
Fakultät der Albertina übernommen. Auf der 37. Konferenz der Vorstände
der preußischen Landwirtschaftskammern zu Königsberg am 23. Juli 1924
berichtete er über Die wirtschaftliche Lage Ostpreußens (Berlin: Parey
1925 = Veröffentl. d. Pr. Hauptlandwirtschaftskammer H. 8). Er legte
auch Reformvorschläge für das Ausbildungswesen von Juristen und
Volkswirten vor und veröffentlichte, zusammen mit Gerhard Schack,
Bevölkerung und Wirtschaft in Ostpreußen. Untersuchungen über die
Zusammenhänge zwischen Bevölkerungsentwicklung und Erwerbsgelegenheit
(Jena: G. Fischer 1929. VIII. 170 S. m. 10 Abb.). Außerdem schrieb er
über Menschen und Wirtschaft in der Ostmark, die Wirtschaftsnot im
deutschen Osten (Schr. d. Ver. f. Sozialpolitik. 182. 1931. S. 118 -
137) sowie über Bedeutung und Umfang der Meliorationen in Deutschland
(Hrsg. v. Vbd Dt. Landeskulturgenossenschaften e. V Berlin 1931.151 S.);
er war Präsident des Verbandes Deutscher Bodenkulturgenossenschaften.
Batocki hatte die Ehre, Senator der Deutschen Akademie zu sein. Die
Albertina verlieh ihm das Ehrenbürgerrecht, auch stand seine Büste in
der Aula der Universität.
Batocki war ein politischer Mensch, schlicht, verantwortungsbewußt,
umsichtig, entschlußfreudig; er hatte nicht nur Erfahrung in der
Verwaltung, sondern war auch Ratgeber in wirtschaftlichen Fragen. Er
befürwortete die Stärkung der ländlichen Selbstverwaltung, förderte den
Siedlungsgedanken als Vorsitzender des Aufsichtsrates der
„Ostpreußischen Bau- und Siedlungsgesellschaft“ („Bausi“) und als
Mitglied des Aufsichtsrates der „Ostpreußischen Heimstätte“ (die „Bausi“
errichtete 1931 über 500 bäuerliche Siedlungen und fast 500
Landarbeitereigenheime). Als Mitglied des Verwaltungsrates der Deutschen
Reichsbahngesellschaft A.-G. Berlin setzte er sich für die Beseitigung
der Verkehrsnotlage der durch den Korridor vom Reich abgetrennten
Provinz ein. Sein soziales Empfinden ließ ihn aus eigenen Mitteln und in
eigenen Gebäuden in Bledau ein Heim für bedürftige Rentner und in Cranz
ein Säuglingsheim einrichten; statt der Feier der eigenen Silberhochzeit
gab es in Cranz ein Festmahl für Rentner. Batocki verkaufte das
schloßartige Gutshaus in Bledau und zog in ein einfaches Wohnhaus in
Wosegau. Winnig nennt ihn ein „Vorbild als Beamter und Landwirt und
nicht weniger als Mensch und Christ“. Der Monarchist und konservative
Grundherr hielt Freundschaft zu seinem demokratischen Nachfolger im Amte
des Oberpräsidenten, dem er mit seinem Beitrag Der Mann, den
Ostpreußen brauchte (Ein deutsches Gewissen. 1938. S. 30-35) Dank
aussprach. Adolf Tortilowicz von Batocki-Friebe hat sich um seine Heimat
Ostpreußen verdient gemacht.
Quellen: Wermke. - Wer ist‘s? VIII. 1922; X. 1935. - Kürschners
Dt. Gel. Kai. 1926; 1928/1929; 1931; 1935. - Das Deutsche Reich von 1918
bis heute (Hrsg. von Cuno Horenbach. Jg 1930). - Der Große Brockhaus, Bd
2, 1929, S. 368 u. Bd 15, 1933, S. 395 - August Winnig, in: NDB, Bd l,
1953, S. 637f. - Götz von Seile: Geschichte der Albertus Universität zu
Königsberg in Preußen. 2. Aufl. Würzburg: Holzner Verl.
(1956) S. 351 f. - Bruno Schumacher: Geschichte Ost- und Westpreußens.
4. Aufl. Hrsg. v. Göttinger Arbeitskreis. Würzburg: Holzner Verl. (1959)
Reg. - Wilhelm Kosch: Biogr. Staatshandbuch, Bd l (1963) S. 67. - Dt.
biogr. Index. Bd 1. München (u.a.) 1966, S. 109. - Klaus von der Groeben:
Landräte in Ostpreußen (Köln u. Berlin:) Grote (1972) S. 82 - 93 u. 114.
Lit.- u. Quellen-Hinw. sowie Porträtphoto (Veröffentl. d. Ver. f.
Geschichte d. Dt. Landkreise e. V. Bd 17); ders.: Die öffentl.
Verwaltung im Spannungsfeld der Politik, dargestellt am Beispiel
Ostpreußens. Berlin: Duncker & Humblot (1979) S. 153 - 173; 196 - 200
(Schr. z. Verwaltungswissenschaft Bd 7); ders.: Verwaltung u. Politik
1918 - 1933 am Beispiel Ostpreußens. Reg. Hrsg. Lorenz v. Stein Institut
an d. Christian-Albrechts-Univ. zu Kiel (1986) Quellen z.
Verwaltungsgeschichte Nr. 4. - Herbert Obenaus, in: Altpr. Biographie.
Bd III. Marburg/Lahn: N. G. Elwert Verl. 1975, S. 858 (Schr.- u.
Lit-Hinw.). - Gesamtverzeichnis 1911 - 1965. Bd. 8. München 1976. S. 261
f. -Dt. biogr. Archiv N. F. (1989). - Genealogisches Hdbch d. Adels.
1989. Adl. Häuser B. Bd XVIII, S. 483f. - Mitt. des Sohnes
Friedrich-Wilhelm Tortilowicz v. Batocki-Friebe, 6200 Wiesbaden, v.
April 1993.
Gerd Brausch
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