Valentin
Trotzendorf gilt als Vater des
protestantischen Schulwesens in Schlesien.
Zusammen mit Sturm in Straßburg, Wolff in
Augsburg und Neander in Ilfeld/Harz gehörte
er zu den vier großen Rektoren des 16.
Jahrhunderts. Im Geist von Reformation und
Humanismus arbeiteten sie alle am Aufbau
eines Höheren Schulwesens, das die
Absolventen bis zur Universitätsreife führen
und auf diese Weise den Nachwuchs an
Pfarrern, Lehrern, Juristen und Ärzten
sichern sollte.
Am 14.
Februar 1490 in Troitschendorf bei Görlitz
(rechts der Neiße) als Valentin Friedland
geboren, nannte er sich erst später nach
seinem Heimatort Trotzendorf. Die familiären
Verhältnisse waren bäuerlich einfach. Der
Vater lehnte die schulische Ausbildung des
Sohnes ab. Nur durch den beharrlichen
Einsatz der Mutter war es möglich, daß
Valentin 1506 zunächst für ein Jahr, von
1509 bis 1514 schließlich kontinuierlich die
Stadtschule in Görlitz besuchen durfte.
Während eines kurzen Studiums in Leipzig
wurde er für den Humanismus – diese gelehrte
europäische Geistesrichtung, die die
Rückbesinnung auf die Klassik der
Griechisch-Römischen Antike auf ihre Fahnen
geschrieben hatte – gewonnen. Nach seiner
Rückkehr übernahm er in Görlitz eine
Lehrerstelle, wandte sich aber schon 1517/18
wahrscheinlich nach Schweidnitz, um die
dortige Schule im humanistischen Geist zu
reformieren. 1518 zum Priester geweiht, war
Trotzendorf von 1519 bis 1524 als
Geistlicher am Breslauer Dom angestellt,
konnte aber daneben ab 1519 in Wittenberg
studieren. Hier hat er auch Hebräisch
gelernt.
Die
Begegnung mit Luther und Melanchthon war für
Trotzendorfs weiteres Leben entscheidend. Er
schloß sich der Reformation an. Melanchthon,
dem man später den Ehrentitel „Lehrer
Deutschlands“ (Praeceptor Germaniae)
beigelegt hat, wurde sein Vorbild. Mit der
Übernahme des Rektorates der Stadtschule in
Goldberg, erstmals 1525 bis 1527, begann für
Trotzendorf eine schwierige Aufbauzeit,
überschattet nicht nur von den Problemen der
Schule, die sich in desolatem Zustand
befand, sondern fast mehr noch von den
Auseinandersetzungen um Caspar von
Schwenckfeld (1489-1561). Trotzendorf erwies
sich dabei als standhafter Lutheraner, indem
er gegen Schwenckfeld die Linie seiner
Wittenberger Lehrer vertrat. Auch nach
seiner Berufung auf eine Dozentur an die von
Herzog Friedrich II. (1480-1547) gegründete
Universität Liegnitz im Jahr 1527 ging der
Streit weiter. Hier war es der – vom Herzog
unterstützte – gelehrte
Schwenckfeld-Anhänger Valentin Krautwald (um
1470-1545), mit dem sich Trotzendorf
auseinanderzusetzen hatte.
Als klar
war, daß die Etablierung der Universität in
Liegnitz scheitern würde, vor allem, weil
Kaiser Ferdinand I. ihre Privilegierung
ablehnte, ging Trotzendorf 1529 nach
Wittenberg, bis ihn 1531 der Rat der Stadt
Goldberg zurückrief und erneut mit der
Leitung der inzwischen ganz
darniederliegenden Schule betraute.
Jetzt
begann Trotzendorfs große Zeit als
humanistisch-reformatorischer Schulreformer.
Es gelang ihm, die Goldberger Schule und ihr
Internat in 15 Jahren so weit nach oben zu
bringen, daß sie auch von Schülern aus
Polen, Ungarn und Österreich besucht wurde.
Zu diesem Erfolg hat auch die Erweiterung
des Fächerkanons beigetragen, indem in
Goldberg auch Arithmetik, Astronomie und
Naturphilosophie unterrichtet wurden;
Fächer, die bis dahin in den
Artistenfakultäten angesiedelt waren. Eine
1546 von Trotzendorf verfaßte und vom Herzog
bestätigte Schulordnung galt als vorbildlich
und wurde von zahlreichen Schulen des 16.
Jahrhunderts übernommen.
Diese
Goldberger Schulordnung bestimmte, daß „die
Grammatica als die Mutter und Regiererin der
anderen Künste“ „für allen Dingen mit sonder
hohem Fleiß täglich getrieben“ und durch
Beispiele (Lectiones) aus den antiken
Schriftstellern und Dichtern erläutert
werden soll. Aber auch der (kleine)
Katechismus Martin Luthers ist „täglich mit
sonder großem Fleiß“ zu behandeln. Die
jüngeren Schulklassen sollen ihn „laut,
langsam, deutlich und unterschiedlich
recitieren lernen“. Um die Ausdruckfähigkeit
im Lateinischen zu fördern, wurden
wöchentlich einmal Exerzitien und täglich am
Abend öffentliche Disputationen und
Deklamationen angesetzt. Auch im Umgang mit
den Lehrern und unter den Schülern selbst
durfte nur lateinisch gesprochen werden.
Besondere
Berühmtheit erlangte Trotzendorf aber
dadurch, daß er die Schule nach Art eines
Schulstaates nach dem Vorbild der
altrömischen Republik komplett
durchorganisierte. Dahinter stand einerseits
die Notwendigkeit, mit einem Minimum an
Lehrern den immer größer werdenden
Schulbetrieb und, fast noch wichtiger, die
Disziplin aufrecht zu erhalten. Zum anderen
aber die Überzeugung, daß die Schüler schon
früh darin geübt werden sollten, für andere,
für die Gemeinschaft Verantwortung zu
übernehmen. Darum setzte er nicht nur die
älteren Schüler beim Unterricht der jüngeren
ein (Schülerlehramt), sondern übertrug auch
die Durchführung des Internatsbetriebes den
„Ökonomen“ als Stubenältesten, den „Discophoren“
und „Ephoren“ als Tischvorstehern und den „Quästoren“
als übergeordnete Instanz zur Kontrolle der
Ämter. Für die öffentliche Behandlung von
Disziplinarfällen richtete er ein
Schulgericht mit „Konsuln“, „Senatoren“ und
„Zensoren“ ein. Er selbst nahm an den
Gerichtsverhandlungen als „Dictator
perpetuus“ (ständiger Dirigent) teil und
achtete darauf, daß die Verhandlungen in
Anklage, Verteidigung, Urteil und
Urteilsbegründung in korrektem
Ciceronianischem Latein geführt wurden.
Daß
Trotzendorf daneben auch als Prediger in der
Kirchengemeinde Goldberg und Autor
zahlreicher pädagogischer und theologischer
Schriften hervorgetreten ist, soll
wenigstens erwähnt werden.
Zu dem
außerordentlichen Einsatz, den Trotzendorf
für seine Schule in Goldberg erbracht hat,
gehörte auch, daß er auf das ihm zustehende
herzogliche Gehalt verzichtet und sich mit
dem Schulgeld begnügt hat. Möglich war das
wohl nur, weil er nicht geheiratet hatte und
völlig in seiner Aufgabe als Rektor aufging.
Hinzu kam, daß die Schule zunehmend zu einer
Schicksalsgemeinschaft zusammenwuchs. Im
Jahr 1553 mußte Trotzendorf mit dem kleinen
Rest an Schülern, der noch vorhanden war,
vor der Pest nach Löwenberg fliehen. Ein
Jahr später zerstörte ein Feuer die Schule
und den gesamten Besitz Trotzendorfs. Von
Liegnitz aus versuchte er, die Schule in
Goldberg wieder in Gang zu bringen. Darüber
ist er, 66 Jahre alt, am 26. April 1556 in
Liegnitz gestorben.
Wie stark
die Schule in Goldberg von Valentin
Trotzendorf geprägt war, zeigte ihre
nachfolgende Geschichte. Gustav Bauch hat
sie kenntnisreich dokumentiert. Im Grunde
hat diese Schule nie wieder die Höhe
erreicht, die sie unter Trotzendorf hatte.
Dieser Rektor hat Maßstäbe gesetzt. Sein
erfolgreichster Schüler, Laurentius
Ludovicus (1536-1594), war später Rektor des
Gymnasiums Augustum in Görlitz. Er urteilte
über seinen Lehrer Valentin Trotzendorf
1563, also sieben Jahre nach dessen Tod:
„Nicht dunkle Lehrmeinungen der Philosophen,
um etwa dadurch Bewunderung seines Geistes
zu erregen, hielt er für sich in der Schule
vortragenswert, nicht Ungewöhnliches brachte
er auf die Bahn, nicht auf neue, nicht auf
eigene, nicht auf sophistische Erfindungen
ging er aus, sondern nur darein wollte er
die zarten Geister eingeweiht wissen, was er
wegen des notwendigen Gebrauchs in der
Kirche und wegen des vielfältigen Nutzens im
gemeinen Leben, von seinen Lehrern in
Wittenberg öffentlich vorgetragen,
übernommen hatte. Treffend war sein Urteil
bei der Auswahl der Lehren. Am meisten aber
war das immer in der Schule bewegte Wort zu
schätzen: Regeln wenig und kurz, Beispiele
klar und nützlich, Übung lange und häufig.
Oft hatte er auch das im Munde: Nicht nur
mit demselben Inhalt, sondern auch mit
denselben Worten und Silben muss man lehren;
dies ist für das glückliche Fortschreiten in
den Studien und für die Erhaltung der Ruhe
in den Kirchen von der höchsten Bedeutung“
(Bauch S. 124).
Werke:
Auflistung bei Elke Axmacher, in:
Biographisch-bibliographisches
Kirchenlexikon (BBKL), Bd.
XII (1997), Sp. 618 ff.
Lit.:
Gustav Bauch, Valentin Trotzendorf und
die Goldberger Schule, Berlin 1921 (Monumenta
Germaniae Pädagogica 57). – Franz Weigel,
Valentin Trotzendorf und seine Zeitgenossen.
In: Wissen und Wirken. Pädagogische
Schriftenreihe des Cassianeums, Donauwörth
o.J. (1948). – Johannes Grünewald, Zum
400jährigen Todestag Valentin Trotzendorfs,
in: JSKG 35/1956. – Friedrich Hahn, Die
evangelische Unterweisung in den Schulen des
16. Jahrhunderts, Heidelberg 1957. – Karl
Weidel, Valentin Trotzendorf, in:
Schlesische Lebensbilder Bd. IV, 2. Aufl.
1985. - Arno Lubos, Valentin Trotzendorf.
Ein Bild aus der schlesischen
Kulturgeschichte, Ulm 1962, 3. Aufl. 1993. –
Artikel V. Trotzendorf, in: RGG, 4. Aufl.,
Bd. 8 (2005), S. 638.
Bild:
Schlesische Lebensbilder, Bd. IV, Abb.
7.
Christian-Erdmann Schott