Arwid Unverhau entstammte einer Mitauer Kaufmannsfamilie. Er
besuchte in seiner Vaterstadt die Dannenbergsche Schule und das
Gouvernementsgymnasium. 1890 bis 1894 studierte er in Dorpat
deutsche und vergleichende Sprachkunde und schloß das Studium mit
dem Grade eines „cand. gram, comp." ab. Nach dem Staatsexamen
ergänzte er sein Wissen 1894 und 1895 in Berlin. Sein Berufsleben
begann Unverhau in Rußland als Hauslehrer, bevor er Oberlehrer
(=Studienrat) der deutschen Sprache in Siedlce und Warschau wurde.
1904 kam er an die neugegründete Börsenkommerzschule nach Riga. 1907
bis 1919 war er deren Inspektor (=Vizedirektor). Berufungen als
Gymnasialdirektor nach Fellin, Birkenruh und St. Petersburg lehnte
er ab.
Neben seinem Unterricht entfaltete Unverhau eine umfangreiche
ehrenamtliche Tätigkeit – unter anderem im Lehrverein und
Elternverband. Seit etwa 1900 setzte er sich intensiv für
Schüleraufführungen ein. 1912 faßte er seine Erfahrungen in einem
Beitrag Dramatische Aufführungen in der Schule im
Pädagogischen Anzeiger fiir Rußland zusammen. Als sich innerhalb
des „Deutschen Vereins in Livland" ein Pädagogischer Kreis bildete,
war Unverhau eines seiner führenden Mitglieder. Schon früh hat er
sich für die „Erziehungsschule contra Lernschule", für
Kunsterziehung und für eine Reform der Mädchenerziehung eingesetzt.
Ganz besonders am Herzen lag ihm das einvernehmliche Verhältnis
zwischen Schule und Elternhaus. Sein früherer Kollege und späterer
Vorgesetzter W. Wachtsmuth charakterisierte Unverhau als „durch und
durch Künstler; hervorragend pädagogisch und methodisch begabt, von
unerschöpflichem Ideenreichtum, nicht eigentlich ,Arbeiter', sondern
mehr ,Anreger', sprühend von Temperament und Geist". Proben seines
Temperaments haben wir Schüler erlebt. Eines Samstags in der
sechsten Unterrichtsstunde waren wir müde und unaufmerksam. Da
ergriff Unverhau seinen Kathederstuhl und schwenkte ihn durch die
Luft. Im Nu waren wir wieder munter. Da Unverhau ledig war, führte
ihm zunächst eine Schwester den Haushalt. Nach deren Tode nahm er
zwei Nichten zu sich, denn er meinte, für ein einzelnes junges
Mädchen sei es bei ihm zu langweilig. Er war musikalisch und
Frühaufsteher. Um seine Umgebung nicht zu stören, schaffte er sich
ein stummes Klavier an, auf dem er morgens vor Schulbeginn übte. Von
seinen Kompositionen ist alles im Kriege verlorengegangen.
Nach kurzem Aufenthalt in Deutschland nahm Unverhau 1919/20 als
Freiwilliger der Baltischen Landeswehr an der Befreiung der Heimat
vom Bolschewismus teil. Bei der Einrichtung der Verwaltung des
deutschen Bildungswesens innerhalb des lettländischen
Bildungsministeriums wurde Unverhau zur Entwicklung der Lehrpläne –
insbesondere für den Deutschunterricht – herangezogen. Bis zu seiner
Pensionierung blieb er Mitglied der Beratergruppe dieser Verwaltung.
1920 bis 1934 war Unverhau in Riga Direktor des Pädagogischen
Instituts und der im selben Gebäude untergebrachten 13. Städtischen
Deutschen Grundschule, die dem Institut als Übungsschule diente. Da
das Institut im Schulgesetz nicht vorgesehen war – dort stand nur,
daß die Ausbildung von Lehrern für Schulen der nationalen
Minderheiten nicht schlechter sein dürfe als die der lettischen
Lehrer –, mußte es privat betrieben werden und konnte keine Gehälter
zahlen. So waren seine Lehrkräfte darauf verwiesen, hauptberuflich
an Schulen zu unterrichten. Erst 1926 wurden die Satzungen des
Instituts vom Bildungsminister Lettlands bestätigt. Das deutsche
Pädagogische Institut war das einzige dieser Art im Lande. Daher
sind alle deutschen Lehrer Lettlands von Unverhau in der oben
geschilderten Richtung beeinflußt worden. Weil es viele kleine
Landschulen gab, wurde im Institut auf die Spezialausbildung für die
dort notwendige Unterrichtsweise besonderer Wert gelegt. Als es aus
politischen und finanziellen Gründen möglich wurde, einen Ausländer
am Institut zu beschäftigen, wurde mehrere Jahre hindurch der
ostpreußische Schulrat Krauledat für jeweils ein paar Wochen zu
Einführungskursen in die Landschularbeit berufen. Gymnasiallehrer
erhielten nach dem Fachstudium eine zusätzliche
methodisch-pädagogische Ausbildung. Zum Schluß ein persönliches
Erlebnis: Unverhau hatte meine Eltern am Sonntagvormittag besucht
und blieb sehr lange. Da meine Mutter mit ihren Vorräten nicht auf
einen Mittagsgast eingerichtet war, mußten wir mit dem Essen warten.
Beim Abschied entschuldigte sich Unverhau auch bei uns. Wir sagten,
wir könnten ruhig noch länger warten. Aber unser Hund rannte vor
Begeisterung um den Tisch herum. Da zeigte Unverhau auf ihn und
meinte: „Der ist der einzige Ehrliche in der Familie".
Lit.:
W. Wachtsmuth: Von deutscher Arbeit in Lettland, Band 2, Köln 1952.
- ders.: Wege, Umwege, Weggenossen, München 1954. -
Deutschbaltisches Biographisches Lexikon 1710-1960, Köln 1970.
Friedrich Blum