Dulde mich,
Jupiter,
hier, und
Hermes führe
mich später,
Cestius Mal
vorbei,
leise zum
Orkus hinab.
Goethes in
den
Römischen
Elegien
ausgesprochener
Wunsch,
einstens in
der Ewigen
Stadt seine
letzte
Ruhestätte
zu finden -
einem anderthalb Jahrhunderte jüngeren Dichterkollegen, einem,
wie Adalbert
Stifter,
'aus seiner
Verwandtschaft',
wurde er
erfüllt:
Johannes
Urzidil
liegt im
Vatikan am
Campo Santo
Teutonico in
der Gruft
des
Deutschen
Priesterkollegs
Santa Maria
dell' Anima
begraben.
Die
Zeitläufte
hatten ihn,
wie so
manchen
seiner
Generation,
zu einem
citizen of
the world
gemacht.
In einer
"Welt der
Sicherheit"
(Stefan
Zweig), vor
den
mörderischen
Ideologien
und globalen
Kriegen
unseres
Säkulums,
wäre wohl
die geliebte
Heimatstadt
Prag oder
das von ihm
immer wieder
gern
aufgesuchte
Glöckelberg
im südlichen
Böhmen seine
Grablege
geworden.
Nun starb
er, aus der
Neuen Welt
kommend,
wohin es
ihn, den
Sohn einer
jüdischen
Mutter und
Gatten einer
jüdischen
Frau,
während des
Zweiten
Weltkrieges
verschlagen
hatte, auf
einer
Vortragsreise,
nur
scheinbar
zufällig, im
Zentrum der
Alten Welt,
in tieferem,
eigentlichen
Sinne
heimgekehrt
an den
Ursprung
seines
christlichen
Humanismus.
Die
Stationen
seines
Lebens hat
er im Alter
stichwortartig
aufgezeichnet.
Wir lassen
ihn mit
einigen
dieser durch
ihre
Akzentuierungen
sein
Selbstverständnis
bekundenden
Notate zu
Worte
kommen.
Ähnlich
seinem
niederösterreichischen
Alters- und
Zunftgenossen
Heimito von
Doderer, mit
dem er auch
die
Spätreife
seines
Schaffens
teilt, ist
er der "Sohn
eines
Eisenbahningenieurs
und
technischen
Erfinders".
"Urzidils
Vorfahren",
so läßt sich
der Autor
mit spürbar
Stifterscher
Liebe zum
Herkommen
vernehmen,
"lebten seit
dem 15.
Jahrhundert
in
Westböhmen,
seit dem 16.
Jahrhundert
war die
Familiensprache
deutsch. Die
Urzidils
waren
Goldschläger,
Ärzte und
Lehrer,
Urzidils
Mutter
starb, als
der Knabe
noch nicht
vier Jahre
alt war."
Für den
Zeitraum von
1906 bis
1914 notiert
er:
"Absolvierung
des
humanistischen
Gymnasiums
am Graben in
der Prager
Neustadt".
Es folgte im
selben Jahre
der "Beginn
der Studien
an der
deutschen
Universität
in Prag mit
den Fächern
Germanistik,
Slawistik,
Kunstgeschichte".
Von seinen
akademischen
Lehrern
gedenkt er
namentlich
August
Sauers als
"bekannten
Goethe-,
Grillparzer-
und
Stifter-Forschers".
Das Studium
beendete er,
nach einer
zweijährigen
Unterbrechung
durch
"Kriegsdienst
in der k. u.
k. Armee",
1919 "mit
Absolutorium".
Dieser
Austriazismus
besagt, daß
er wohl die
nötigen
Studienleistungen
für das
Abschlußexamen
erbrachte,
diesem
selbst sich
aber nicht
unterzog.
Sein Weg
führte ihn
zunächst
abseits
einer
Gelehrtenlaufbahn
in den
Prager
Literatenkreis
um Kafka,
Werfel und
Brod, doch
fand er
später,
durch die
Abfassung
fachkundiger
Standardwerke
über
Goethe in
Böhmen
(1932, stark
erweitert
1962) und
den
böhmischen
Maler und
Graphiker
Wenceslaus
Hollar
(1936),
wieder
Anschluß an
seine
wissenschaftlichen
Anfänge.
Frucht
seiner
Hinwendung
zum
literarischen
Prag wurde
sein in der
berühmten
Schriftenreihe
"Der Jüngste
Tag"
erschienenes
Erstlingswerk:
Sturz der
Verdammten.
Diese noch
im
expressionistischen
Jahrzehnt
1918
veröffentlichte
Gedichtsammlung
verleugnet
nicht ihre
Entstehungszeit.
Doch finden
sich dort
auch schon
Strophen,
die, fern
von
schriller
Ekstase,
eine ewig
menschliche
Sehnsucht
nach Ruhe
und
Geborgenheit
bekunden und
zugleich in
ihrer
Rühmung
schlichter
Erhabenheit
ganz
altösterreichisch
anmuten:
" Das
wiegende
Schreiten
des Mädchens
auf der
Brücke,
das schlicht
erhabene,
wovor das
Herz mir
beklommen
still steht,
immer fällt
es mir ein
im Kommen
und Gehen
des tönenden
Cafés,
oder
wenn ich
sonstwo
einsam lehne
und
nachdenke."
Journalistische
Tätigkeiten
schlossen
sich an.
Während der
Jahre 1922
bis 1933 tat
Urzidil
Dienst als
"Pressebeirat
an der
deutschen
Gesandtschaft
in Prag",
das
Protektoratsjahr
1939 zwang
ihn zur
Flucht über
Italien nach
England:
"Landleben
im Forest of
Dean",
vermerkt der
Lebensabriß,
und man
denkt an das
epikureische
"Lathe
biósas!"
(Lebe im
Verborgenen!),
an Vergils
und Horazens
ländliche
Gedichte,
aber auch an
Thoreaus
Walden, or
Life in the
Woods
und an
Stifters
Holzhaus im
Hochwald,
mit dem
Fernrohrblick
auf die
kriegszerstörte
heimische
Burg SYMBOL
150 \f
"Times New
Roman CE"
schlicht
Erhabenes,
doch
abgetrotzt
einer
ständigen
Existenzbedrohung:
"1941
Ankunft in
den USA.
Lebensunterhalt
durch Arbeit
als
Lederkunsthandwerker",
so lautet
die nächste
Eintragung.
Endlich,
nach
Kriegsende,
kamen wieder
gesichertere
Jahre als
Mitarbeiter
der
österreichischen
Abteilung
der
Stimme
Amerikas,
es kam die
stattliche
Reihe seiner
erzählerischen
Werke, die
1945 mit der
um Adalbert
Stifter
zentrierten
Novelle
Der
Trauermantel
begann, und
es kamen die
späten
Ehrungen:
Urzidil
wurde
korrespondierendes
Mitglied des
Adalbert-Stifter-Instituts
des Landes
Oberösterreich
und der
Darmstädter
Akademie für
Sprache und
Dichtung,
und der
österreichische
Bundespräsident
ernannte ihn
zum
Professor
honoris
causa.
Als Urzidil
im Jahre
1970 starb,
war er ein
hochgeachteter,
vielgenannter
und durch
mannigfaltige
Publikationen,
auch in
Taschenbuchform,
weitverbreiteter
Autor. Sogar
mit einem
Reclambändchen,
Neujahrsrummel,
war er seit
1957 auf dem
Buchmarkt
vertreten.
Ein
Vierteljahrhundert
nach seinem
Tode sind
seine Werke
out of
print,
und selbst
sein Name
scheint
weithin
vergessen.
Das darf und
wird nicht
so bleiben.
Sein
Goethe-Buch
kann nicht
veralten,
die
Wiedereinbeziehung
Böhmens in
das freie
Europa wird
den in
Karlsbad,
Marienbad
oder Teplitz
auf Goethes
Spuren
Wandelnden
zu diesem
kundigsten
aller
Cicerones
greifen
lassen; der
Stifter-Freund
wird im
Trauermantel
eine der
Mörikeschen
Mozartnovelle
vergleichbare
Deutung
eines
Künstlers
durch einen
ihm
wesensverwandten
anderen zu
schätzen
wissen, und
vollends
Urzidils
noch gar
nicht recht
rezipiertes
reiches
Erzählwerk
harrt der
Erschließung
durch Kenner
und
Liebhaber.
Jene haben
immerhin mit
einem
römischen
Johannes-Urzidil-Symposion
(1984) und
einer Prager
Johannes-Urzidil-Konferenz
(1995) erste
Marksteine
einer
breiteren
Urzidil-Forschung
gesetzt,
diese aber
mögen im
zweiten
Jahrhundert
seiner
geistigen
Existenz mit
Kaufinteressen
für
Urzidil-Bücher
die
Sortimenter
bestürmen,
damit seine
Werke
endlich
wieder
greifbar
werden.
Werke:
Im Handel
sind
Urzidils
Werke
gegenwärtig
nicht
lieferbar.
Eine
ausgezeichnete
Gesamtbibliographie
der
Primärliteratur
mit 666
Nummern
bietet Vera
Machácková-Riegerová
in:
Johannes
Urzidil:
Bekenntnisse
eines
Pedanten.
Zürich und
München
1972, S.
217-262. -
Die von uns
zitierten
Urzidil-Notate
finden sich
in der
Tabelle
"Johannes
Urzidil -
Leben und
Werk", in:
J.U.: Die
verlorene
Geliebte.
München/Wien
1979, S.
372-374.
Lit.:
Einen guten
Überblick
über die
Urzidil-Forschung
ermöglicht
der
Sammelband:
Johannes
Urzidil und
der Prager
Kreis.
Vorträge des
römischen
Johannes-Urzidil-Symposions
1984. (=
Schriftenreihe
des
Adalbert-Stifter-Institutes
des Landes
Oberösterreich.
Folge 36).
Linz 1986.
Bild:
Studio R.
Mollard,
Chambéry.
Burkhard
Bittrich