Robert Weber
kam als Kind
während des
Krieges
hinter den
Ural in die
Altai-Region.
Die Jugend
verbrachte
er in
Karabanowo
im Gebiet
Wladimir, wo
er die
Mittelschule
abschloss
und dann ein
Jahr lang
als
Elektriker
arbeitete.
Das
anschließende
Studium an
der 1.
Moskauer
Medizinischen
Hochschule
gab er nach
drei Jahren
auf. Nach
einem
neuerlichen
Intermezzo
als Arbeiter
in einem
Industriewerk
in
Tscheljabinsk
im östlichen
Ural konnte
Weber von
1961 bis
1966 erneut
ein Studium
in Moskau,
das der
Anglistik
und
Germanistik
an der
Maurice-Thorez-Hochschule,
absolvieren,
und diesmal
beendete er
es mit einem
Abschluss.
Als
Fremdsprachenlehrer
arbeitend
galt er mit
seinen
Gedichten
als der
„modernste“
unter den
russlanddeutschen
Poeten und
als eine der
letzten
Hoffnungen
der nicht
ausgewanderten
russlanddeutschen
Literatur –
neben Hugo
Wormsbecher,
seinem
gleichaltrigen
Moskauer
Schriftstellerkollegen,
und Herold
Belger,
seinem um
vier Jahre
älteren
Kollegen aus
Alma-Ata. Im
Jahre 2000
jedoch
wanderte
auch Robert
Weber aus,
und er hat
nach einer
langen
Schreibkrise
erst 2007
wieder zu
veröffentlichen
begonnen.
Heute lebt
er als
freier
Schriftsteller
und
Übersetzer
in Augsburg.
Ein
lyrischer
Klang
schwingt
immer mit
bei Robert
Weber, so
auch in
Reise in die
Erinnerung
von
1994,
erschienen
in der
Anthologie
Wo bist
du Vater?
im
Raduga
Verlag
Moskau. Hier
wird dem
Leser eine
fast
repräsentative
russlanddeutsche
Kriegskindheit
vor Augen
geführt. Der
Protagonist
– ein Alter
Ego Webers –
unternimmt
als
Sonderkorrespondent
seiner
Zeitung eine
Dienstfahrt
in eine
entfernte
Sowchose.
Unterwegs
kommt er an
den
Stationen
vorbei, die
er als Kind
mit seiner
Mutter und
seinen
Geschwistern
zurückgelegt
hatte, um
den Vater
abzuholen,
der 1946 aus
der
Zwangsarbeit
aus Kotlas
an der
nördlichen
Dwina im
hohen Norden
nach
Westsibirien
zu seiner
deportierten
Familie
entlassen
worden war.
Die sonst in
der
russlanddeutschen
Literatur so
beliebte
lineare
Erzählweise
verlassend
gelingt es
Weber,
Erinnerungsverschränkungen
zu
gestalten,
die die
Zeitebenen
zum Teil
aufheben.
Durch das
Einfügen
lyrischer
Texte –
seien es
Gedichte von
Welemir
Chlebnikow,
die
vorgelesen
werden (ohne
dass sie der
Hauptheld
wegen ihrer
Modernität
richtig
versteht)
oder eigene
Gedichte –
enthält
dieser Text
stellenweise
eine
schwebende
Leichtigkeit,
die ihn zur
lyrischen
Prosa werden
lässt.
In dieser
Einnerungscollage
taucht im
Verbannungsdorf
der immer
gut gelaunte
Landstreicher
Mitroschka
auf, ein
Dorflehrer,
der
entlassen
wurde, weil
er den
Kindern aus
dem
Evangelium
vorgelesen
hatte.
Nachdem
Mitroschka
sich als
Verladearbeiter
bei der
Eisenbahn
dem Trunk
ergeben
hatte, war
er sogar
eine
Zeitlang in
einer
Irrenanstalt
eingesperrt
worden. Auch
nach der
Entlassung
hielt man
ihn für
einen
„stillen
Wahnsinnnigen“.
Am
eindringlichsten
schildert
Robert Weber
die naive
Unbekümmertheit
der Kinder,
die auch
unter den
äußerst
schwierigen
Bedingungen
der
Kriegszeit
ihre
Beobachtungsgabe
bewahren, ja
vielleicht
sogar noch
schärfen,
etwa wenn
sie
feststellen,
dass sie
eigentlich
nur beim
Leichenschmaus
– Tote gab
es viele –
richtig
etwas zu
essen
bekommen. An
das Heulen
der jungen
Frauen und
das Klagen
der alten
Weiber
gewöhnen sie
sich rasch,
weil sie
sich das
Leben im
Dorf gar
nicht anders
vorstellen
können. Sie
quälen auch
unbekümmert
den träge
gewordenen
Wolfshund
des alten
Hirten. Mit
der
unschuldigen
Grausamkeit
von
Kriegskindern
bewerfen sie
mit Steinen
das
bedauernswerte
Tier, das zu
allem
Unglück auch
noch Adolf
heißt.
„Wir waren
unglücklich
und deshalb
auch
grausam“,
erinnert
sich der
Hauptheld.
Dabe hatte
der
Wolfshund
Adolf ein
fünfjähriges
Mädchen aus
einen
Eisloch
gezogen,
später dann
sogar ein
Rudel Wölfe
von einem
Wagenzug mit
Kleinvieh
abgehalten
und dabei
fast sein
Leben
eingebüßt.
Auch das
Kaufen und
Schlachten
eines
anderen
alten
Köters,
dessen
ausgelassenes
Hundeschmalz
der Dorfarzt
als Medizin
für den
tuberkulosekranken
Großvater
verordnet
hatte, wird
kindlich-naiv
und
neugierig
geschildert.
Das Fleisch
des Hundes
ergab ein
Festmahl, an
dem sich die
Kinder
endlich
einmal satt
essen
konnten. Da
war nichts
mehr von der
russischen
Seele,
„die alles
Lebendige
liebt“,
in diesen
schweren
Zeiten übrig
geblieben –
oder doch?
„Die
Großmutter
weinte in
ihren
Schürzenzipfel.
Im Ofen
kochte die
Brennesselsuppe
mit Knochen,
aber die war
schon für
morgen. Über
dem Ofen
trocknete
das
Hundefell,
das nach ein
paar Wochen
zu zwei
guten Mützen
wurde.“
Natürlich
fehlt auch
in dieser
Kriegsgeschichte
nicht die
Episode, wo
dem kleinen
Russlanddeutschen
bei einer
Rauferei von
seinem
russischen
Spielkameraden
vorgeworfen
wird, „…
und … deine
Mutter … ist
eine
Deutsche …
eine
Faschistin“,
worauf er
erwidert:
„Wer ist
deine
Mutter? Eine
Verräterin …
eine
Beischläferin.“
– weil der
Mann dieser
Frau an der
Front
kämpfte,
hatte sie
ihm treu zu
sein. Weber
löst den
Konflikt
lyrisch:
„Warum
mussten wir
plötzlich
das
wiederholen,
was böse
Zungen
faselten?
Ja, wir
waren eben
zwei winzige
Moleküle der
Welt, in der
der Krieg
die
Menschlichkeit
zu
vernichten
suchte.“
Die
intensiv-genaue
Bildhaftigkeit
der Aussage
ist Webers
Stärke.
Dabei spielt
sicherlich
auch die
Zeit seines
Medizinstudiums
eine nicht
unwesentliche
Rolle und
reiht ihn
ein in die
beachtliche
Zahl
deutschsprachiger
Schriftstellerärzte
wie
Friedrich
Schiller,
Alfred
Döblin,
Gottfried
Benn, Hans
Carossa,
Peter Bamm,
Heinar
Kipphardt,
Reinald
Maria Goetz.
Schon in
einer der
ersten
bundesdeutschen
Anthologien
über die
russlanddeutsche
Literatur,
die
Alexander
Ritter, der
große
Förderer der
auslanddeutschen
Literatur,
herausgab,
Nachrichten
aus
Kasachstan
(Olms Presse
Hildesheim-New
York 1974),
wird Robert
Webers
Talent durch
nicht
weniger als
neun
Gedichte
gewürdigt.
Seine Utopie
einer sozial
gerechten
Zukunft ist
nicht
losungshaft,
sondern
metaphorisch.
In Rote
Banner 1917
sehen
vernunftbegabte
Wesen aus
dem Weltall
in ein Meer
von roten
Fahnen:
„Eine der
Apfelbacken/
läuft rot
an!/ Er
reift –/ der
rätselhafte
Planet!!!/“
Wer
will, kann
hier eine
Anspielung
auf den
Apfel der
Eva für den
Weltraum
sehen.
Dem billigen
Pflichtoptimismus
setzt Weber
realistische
Gedanken
gegenüber,
etwa dass,
wenn die
Richtung des
Alltäglichen
die
Horizontale
ist und die
Zukunftsperspektive
die
Vertikale,
es erst
recht Grund
zur
Beunruhigung
geben kann.
Im Gedicht
Im
Schnittpunkt
ist das Ende
unerwartet:
„Neulich/
schwärmte
ich/
schrankenlos/
wie immer/
für den
hellen
Schein/ der
Vertikale/
und
stolperte/
auf einmal/
über die
dunkle
Krümmung /
der
Horizontale
…“ Im
Gedicht
Drei
Generationen
schlägt er
einen Bogen
vom
Großvater,
einem
Bürgerkriegsteilnehmer
in Budjonnys
Reiterarmee,
über den
Vater, einem
Kämpfer im
Großen
Vaterländischen
Krieg, zum
Sohn, der
sich den
Kosmonautenanzug
anzieht:
„Großvater,
Vater und
Ich –/ sind
wir nicht/
drei Stufen
eines
Traums?“
Hier wird
man an
Conrad
Ferdinand
Meyers
berühmtes
Gedicht
Der römische
Brunnen
als Symbol
einer
Generationenkette
erinnert, wo
eine Schale
in die
andere
überfließt
und jede
gibt und
nimmt.
Geradezu
subversiv
für den
dogmatischen
sozialistischen
Realismus
ist sein
Gedicht
Der Dichter.
Dies ist
auch sein
poetisches
Credo. Einem
Alltagsbanausen
mit
Binsenwahrheiten:
„Der
Schnee ist
weiß/
Zweimal zwei
ist vier/
die Wolga
mündet/ ins
Kaspische
Meer“,
bohrt er ein
Loch in den
Kopf und
legt seine
poetischen
Zündschnüre
hinein, die
am nächsten
Morgen die
Explosion
bewirken.
Der Banause
sieht
plötzlich:
„Draußen
fallen/
schwarze
Schneeflocken/
… –
plötzlich …/
Was ist
los?/ Er
fühlt die
Wolga/
irgendwo in
seinem
Herzen/
münden …/. –
Morgen fragt
er mich/ im
Treppenhaus/
stockend
und/ mit
irrem
Blick:/
Wieviel ist
zweimal
zwei/ – ich
weiß es
nicht.“
Der Dichter
hat die Welt
verzaubert,
das
Gegenteil
dessen
gemacht, was
die
Aufklärung
untentwegt
fordert:
erklären,
erklären,
erklären!
Den Kerker
der
dogmatischen
Vernunft hat
der Dichter
gesprengt.
In der 1979
erschienenen
Anthologie
Lichter
in den
Fenstern,
Verlag
Progress,
Moskau, hat
Weber in den
obligaten
Lenin- und
Revolutionsgedichten
doch noch
ein
kritisches
Augenzwinkern
für den
ausufernden
Personenkult.
In
Objektiv
wendet sich
Lenin
höchstpersönlich
an Sergej
Eisensteins
berühmten
Kameramann
Eduard Tisse
und fordert
ihn auf:
„Halten Sie
auf dem
Film/ nicht
mich fest,/
sondern das
Volk.“
Insgesamt
bietet diese
Anthologie
jedoch keine
glückliche
Auslese der
Gedichte
Webers.
Im
Standardwerk
Anthologie
der
sowjetdeutschen
Literatur
findet man
von Robert
Weber
erfreulicherweise
auch zwei
charakteristische
Gedichte:
Schreie mein
Baby!,
in dem er
nach der
Geburt
seiner
Tochter
verwundert
fragt:
„Warum
schweigen
die
Zeitungen?
Warum zieht
man keine
Fahnen auf?/
Das
zwanzigste
Jahrhundert/
muß von den
großen
Ereignissen
erfahren.“
Das
Recht des
Individuums,
bei all den
dröhnenden
Staatsfeierlichkeiten
auch seine
ureigensten
Sehnsüchte
zur Geltung
zu bringen,
ist das
Anliegen
dieser
Freudenausbrüche.
Dies gilt
auch für
alle
Landsleute
Webers. In
der
Anthologie
der
russlanddeutschen
Autorentage
I in
Hohenheim
1991/1992
heißt es im
Gedicht
Schicksal
meines
Volkes:
„Die
trockenen
Samen/ einer
ausgequetschten
Zitrone/ im
heißen Sand/
am
morgendlichen
Wolgaufer …/
Behutsam
lege ich
sie/ in die
harte
Schale/ und
lasse sie
flußab
schwimmen –/
der
mißtrauischen
Sonne
entgegen:/
vielleicht
werden sie
irgendwo/
aufkeimen
und Früchte
bringen?/
Wasser
tropft von
der Hand./
Können die
Finger
weinen?“
Ausgangspunkt
bleibt die
angestammte
Heimat, das
morgendliche
Wolgaufer.
Das Wasser
der Wolga
nimmt auf
seinem Weg
auch die oft
so
enttäuschten
Hoffnungen
der
Russlanddeutschen
mit, die
nicht ganz
verlorengegeben
werden,
obwohl
Wasser wie
Tränen von
den die
Hoffnung
setzenden
Fingern
tropft.
Jetzt kann
die Wolga,
wie im
Gedicht
Der Dichter,
das diese
Anthologie
auch
enthält, ein
Wunder
vollbringen:
„Es fühlt
die Wolga/
irgendwo in
seinem
Herzen/
münden./
Hoffnung
fließt
zurück.“
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des Autors.
Ingmar
Brantsch