Will
man die Persönlichkeit König Wenzels II. Premysl richtig
würdigen, so erscheint es notwendig, einen Blick auf die
Zeitumstände des ausgehenden 13. Jahrhunderts zu werfen. Es
war eine Zeit, in der die Territorialfürsten erbittert um
die Ausdehnung ihres eigenen Territoriums und um die Macht
im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation kämpften. Die
hauptsächlich eingesetzten Mittel bestanden in Kriegen und
Eheschließungen, die der Vergrößerung des eigenen
Besitzstandes durch den Erwerb neuer Ländereien dienten.
Wenzel II. bildete in dieser Hinsicht keine Ausnahme. Sein
politisches Hauptziel bestand in der Festigung und
Erweiterung der Macht des Königreiches Böhmen. Dabei ging er
äußerst geschickt zu Werke. Er hatte im eigenen Land mit dem
Widerstand einer mächtigen Adelsopposition und des Klerus,
bei den Nachbarn mit mächtigen Neidern, insbesondere den
österreichischen Habsburgern, zu rechnen.
Dabei war seine Ausgangsposition äußerst ungünstig. Nach dem
Tod seines Vaters, des Premyslidenkönigs Ottokar II. in der
Schlacht auf dem Marchfeld im Jahre 1278, war der erst
siebenjährige König unter die Vormundschaft des Markgrafen
Otto IV. von Brandenburg gestellt worden. Otto IV.
mißbrauchte das Vormundschaftsrecht, er hielt den jungen
König praktisch in einer Art von Gefangenschaft. Die
Chronisten berichten, daß
Wenzel II., der zunächst in Brandenburg, später in Spandau,
danach in Zittau, später wieder in Spandau und in Berlin
inhaftiert war, häufig unter Hunger und Kälte litt. Dies
führte zu Mangelkrankheiten, die zu seinem frühen Tod – der
König starb im Alter von 37 Jahren – beigetragen haben
mögen.
Die
königslose Zeit in Böhmen nutzten die Brandenburger und ihre
Verbündeten zur
Drangsalierung der Bevölkerung, zur Ausplünderung des Landes
und zur Aneignung königlicher Güter. Der Widerstand gegen
die Besatzer begann sich zu formieren. Der böhmische
Landadel, der Klerus und das städtische Patriziat schlossen
sich unter der Führung des Witigonen Zavis von Falckenstein
zusammen. Gefördert wurden sie heimlich durch Kunigunde, die
Mutter Wenzels II. und Witwe von Ottokar, die auf Schloß
Hradec, weit außerhalb von Prag, Hof hielt und ein
Liebesverhältnis mit Zavis von Falckenstein einging.
Durch Verhandlungen erreichten sie den Abzug der
brandenburgischen Besatzungstruppen und die Freilassung des
böhmischen Thronfolgers nach der Zahlung eines hohen
Lösegeldes. Allerdings zögerten sie auch nicht mit der
Andeutung möglichen militärischen Drucks.
1285
wurde Wenzel II. in Eger (Cheb) mit der erst
vierzehnjährigen Guta (moderne Schreibweise Jutta) von
Habsburg, einer Tochter König Rudolfs von Habsburg
(1218-1291), vermählt.
Jedoch konnte der aus der brandenburgischen Gefangenschaft
befreite Thronanwärter noch immer nicht selbst das Land
regieren, denn die Vormundschaft war von Otto IV. von
Brandenburg auf Zavis von Falckenstein übergegangen. Nach
dem Tode von Kunigunde wurde Zavis von Falckenstein auf
Betreiben der Habsburger und einiger böhmischer Adeliger des
Hochverrats angeklagt und im Jahre 1290 auf Schloß
Frauenburg an der Moldau (Hluboka nad Vltavou) hingerichtet.
Obwohl Wenzel II. naturgemäß ein gespanntes Verhältnis zu
seinem zweiten Vormund und Stiefvater hatte, scheint er
diese Hinrichtung mißbilligt zu haben. 1292 ließ er nämlich
als Sühne für den Tod von Zavis von Falckenstein in Zbraslav
ein Zisterzienserkloster errichten. Dieses Kloster
beherbergte fortan auch in seinem Königssaal die Leichname
der Premyslidenkönige.
Seit
1289 galt Wenzel II. als Kurfürst. Dies ermöglichte ihm, auf
die Ergebnisse der
deutschen Königswahlen in den Jahren 1292 und 1298 Einfluß
zu nehmen. 1292 verhinderte er die Wahl Albrechts von
Habsburg zum deutschen König und wählte Adolf von Nassau
(1255-1298 ) mit. Dies brachte ihm in der Folgezeit die
erbitterte Feindschaft Albrechts von Habsburg ein.
Ab
1290 begann Wenzel II. aktiv zu regieren und richtete dabei
sofort sein Augenmerk auf die Erweiterung des eigenen
Territoriums. Zunächst wandte er sich Polen zu. Durch einen
Erbvertrag fiel ihm zunächst das Fürstentum Krakau seines
kinderlos verstorbenen Cousins Heinrich IV. Probus zu.
Damit hatte Wenzel II. Zugang zum wichtigsten Territorium
des zersplitterten polnischen Staates erlangt. Nun konnte er
damit beginnen, die alten böhmischen Ansprüche auf die
Herrschaft über Schlesien zu erneuern. In den Jahren 1291
und 1292 eroberte er Krakau und Sandomierz, Großpolen und
Pommern. Seinem wichtigste Ziel, der Erlangung der
polnischen Königskrone, kam er jedoch zunächst nicht näher.
1295 unterlag er zunächst dem großpolnischen Fürsten
Przemyslaw II., der von der Römischen Kurie unterstützt
wurde, die das Anwachsen der Macht des Königreiches Böhmen
mit Besorgnis verfolgte.
1297
starb Wenzels erste Ehefrau, Guta von Habsburg, in Prag.
Sie
hatte dem König insgesamt 14 Kinder geschenkt, von denen
jedoch einige kurz nach der Geburt und andere im frühen
Kindesalter starben.
Im
gleichen Jahre, am 2. Juni 1297, ließ sich Wenzel II. in
Prag durch Erzbischof Gerhard von Mainz zum König krönen;
die zeitgenössischen Chroniken berichten von einer
kostspieligen Festlichkeit. Die aufwendige Zeremonie diente
auch der Konspiration. Bei den Krönungsfeierlichkeiten
trafen sich der Erzbischof von Mainz, wie Wenzel deutscher
Kurfürst, die Kurfürsten von Brandenburg und Sachsen, die
vertriebenen Wettiner und sogar der zuvor mit Wenzel
verfeindete Herzog Albrecht von Habsburg. Sie sprachen sich
untereinander ab, auf die Absetzung Adolfs von Nassau als
deutscher König hinzuwirken. Die Verschwörung war
erfolgreich.
Am
23. Juni 1298 wurde Adolf von Nassau durch die deutschen
Kurfürsten auf dem Mainzer Fürstentag abgesetzt, ein bisher
in der deutschen Geschichte einmaliger Vorgang. Er fiel in
der entscheidenden Schlacht bei Göllheim am 2. Juli 1298
gegen seinen Rivalen Albrecht von Habsburg. Als Belohnung
für die Unterstützung Albrechts wurden Wenzel II. die beiden
Lausitzen (Ober- und Niederlausitz), das Egerland, Meißen
und das Pleißenland zugesprochen.
Im
Jahre 1300 brachte Wenzel II. unter Verwendung militärischen
Drucks eine polnische Ständeversammlung zu der Entscheidung,
ihn zum Fürsten von Großpolen zu wählen. Im August des
gleichen Jahres ließ er sich in Gnesen zum König von Polen
krönen. Wenzels Gegner, der Piastenherzog Władysław I.
Lokietek, war nicht in der Lage, nennenswerten Widerstand zu
leisten.
Um
sich die Herrschaft in Polen zu sichern, heiratete Wenzel
II. am 26. Mai 1300 Elisabeth-Rixa von Polen, die Tochter
seines ehemaligen Rivalen, des polnischen Königs Przemyslaw
II. Aus der Ehe mit Elisabeth-Rixa gingen zwei Kinder
hervor, außerdem hatte Wenzel II. einen unehelichen Sohn
(Johann von Wolek), der später Erzbischof von Olmütz wurde.
Nach
dem Aussterben der Arpaden eroberte Wenzel II. im Jahre 1301
Ungarn. Er setzte seinen Sohn Wenzel III. dort als König
ein. Nunmehr waren drei mittelosteuropäische Königskronen,
Böhmen, Polen und Ungarn, unter dem Zepter der Premysliden
vereint. Die ersten Umrisse eines westslawischen
Königsreiches von der Ostsee bis zur Adria begannen sich
abzuzeichnen. Wenzel II. hatte den Zenit seiner Macht
erreicht.
Durch den Erwerb Ungarns hatte sich Wenzel II. gegen den
Papst gestellt, der Ungarn als päpstliches Lehen ansah und
das Haus Anjou damit belehnte. Die Habsburger hingegen sahen
Ungarn als Reichslehen an, auch empfanden sie das Anwachsen
der premyslidischen Herrschaft als bedrohlich.
Die
ungarischen Magnaten, die Wenzel II. durch beträchtliche
finanzielle Zuwendungen zunächst ruhig gestellt hatte,
begannen zu rebellieren, nachdem Papst Bonifaz VIII.
öffentlich die Herrschaft Wenzels III. über Ungarn und die
Wenzels II. über Polen für ungesetzlich erklärt hatte.
1304
sah sich Wenzel II. gezwungen, in Ungarn militärisch zu
intervenieren, um seinen Sohn Wenzel III. sicher nach Böhmen
zurückzugeleiten.
Schon bald darauf mußte sich Wenzel II. gegen König Albrecht
von Habsburg zur Wehr setzen, der mit Hilfe seiner
Verbündeten aus dem ungarischen Hochadel in Böhmen
intervenierte. Seine Truppen drangen bis Kuttenberg (Kutna
Hora) vor, damals wegen der Münzprägestätte die wichtigste
Stadt Böhmens. Es gelang Wenzel II. jedoch, den Angriff
zurückzuschlagen und die königliche Gewalt voll
wiederherzustellen.
1304
verzichteten die Premysliden auf die ungarische Krone, um
die polnische Krone zu retten.
Im
Frühjahr 1305 erkrankte Wenzel II. an Tuberkulose (sehr
wahrscheinlich eine Spätfolge der in der Kindheit und frühen
Jugend erlittenen Haft) und starb am 21. Juni 1305.
Ein
Jahr später, am 4. August 1306, wurde sein erst
siebzehnjähriger Sohn, König Wenzel III., auf dem Wege nach
Polen in Olmütz im Gebäude des Dekanats ermordet. Damit
endete die Herrschaft der Premysliden. Gleichzeitig war
damit die dynastische Union zwischen Polen und Böhmen
beendet.
Wenzel II. zählte zu den herausragenden Persönlichkeiten des
ausgehenden 13. Jahrhunderts. Seine politischen Ziele
verwirklichte er durch diplomatisches Geschick und
militärische Stärke. Allerdings neigte er dazu, die eigenen
Fähigkeiten und Möglichkeiten zu überschätzen.
Er
erwarb sich auch
Verdienste als Förderer der Wissenschaften und Künste. Das
Projekt zur Gründung einer Universität in Prag scheiterte am
massiven Widerstand des böhmischen Adels.
Er
pflegte die Kunst des Minnesanges, betätigte sich selbst als
Minnesänger und verfaßte seine Lieder in deutscher Sprache.
Er holte bekannte Minnesinger und Dichter an den böhmischen
Konigshof, dazu zählten u. a. der Meißner, Ulrich von
Eschenbach, Heinrich der Klausner und Heinrich von Freiberg.
Er
förderte die Baukunst in Böhmen. 1285 gründete Wenzel II. in
Prag ein Augustiner-Eremiten-Kloster und ließ die dazu
gehörige Kirche St. Thomas erbauen. Auch in anderen Städten
Böhmens ließ er kirchliche Bauten errichten.
Er
bemühte sich, die Finanzen des Königreiches in einem
stabilen Zustand zu halten. 1300 verfügte er eine
Finanzreform. Er erließ die „Kuttenberger Bergordnung“ und
förderte den Bergbau. Er ließ die Grossi Pragenses („Prager
Groschen“) prägen. Allerdings brachten ihn die Bezahlung des
Heeres und die Subsidien für die polnischen und ungarischen
Magnaten in finanzielle Schwierigkeiten.
Wie
seine premyslidischen Vorgänger, förderte Wenzel II. den
Zuzug von deutschen Handwerkern und Bauern und stattete sie
mit Privilegien aus.
Seine Lebensweise war keineswegs asketisch. Die stattliche
Zahl von insgesamt 19 Kindern spricht eine deutliche
Sprache,
Auch
dem Alkoholgenuß war der König nicht abgeneigt. Noch heute
erinnert ein Berg mit der Bezeichnung „Vesely Kopec“
(Fröhlicher Berg) in der Nähe von Pardubitz (Pardubice) an
ein fröhliches Zechgelage, das Wenzel II. 1302 der Sage nach
hier abgehalten haben soll. Der König unterschied sich damit
nicht von anderen Fürsten seiner Zeit. Um so höher ist es zu
bewerten, daß er seine politischen und militärischen
Pflichten erfüllte und auch noch Zeit für kulturelle
Interessen fand. Sein Gesamtlebensbild kennzeichnet ihn als
einen der bedeutendsten Fürsten des Mittelalters.
Lit.: Winfried
Baumann, Die Literatur des Mittelalters in Böhmen.
Deutsch-lateinisch-tschechische Literatur vom 10. bis zum
15. Jahrhundert, München/Wien 1978. – Karl Bosl (Hrsg.),
Handbuch der Geschichte der Böhmischen Länder, 4 Bde.,
Stuttgart 1967-1974. – Erhard Gorys, Tschechische Republik.
Kultur, Landschaft und Geschichte in Böhmen und Mähren, Köln
1994. – Rudolf Hemmerle, Sudetenland. Wegweiser durch ein
unvergessenes Lamd, Augsburg 1996. – J.K. Hoensch,
Geschichte Böhmens. Von der slawischen Landnahme bis ins 20.
Jahrhundert, München 1987. – J. K. Hoensch, Premysl Ottokar
II. von Böhmen. Der goldene König, Graz/Wien/Köln 1989;
Kurt-Ulrich Jäschke, Europa und das Römisch-Deutsche Reich
um 1300, Köln/Berlin 1999. – Friedrich Prinz, Böhmen im
mittelalterlichen Europa. Frühzeit, Hochmittelalter,
Kolonisationsepoche, München 1984. – Gotthold Rhode, Kleine
Geschichte Polens, Darmstadt 1965. – Hans Schenk, Die
Böhmischen Länder. Ihre Geschichte, Kultur und Wirtschaft,
Köln 1998. – Ferdinand Seibt (Hrsg), Bohemia Sacra. Das
Christentum in Böhmen 973-1973, Düsseldorf 1974.
Bild: Manessische
Handschrift (Original in der UB Heidelberg).
Johann Heinrich Frömel