Als Sohn
eines
Oberbergamtsrevisors
wuchs Carl
Wernicke in
einfachen
Verhältnissen
auf. Er
besuchte das
Gymnasium in
Oppeln,
später in
Breslau, wo
er im 17.
Lebensjahr
das Abitur
bestand. An
der
Breslauer
Universität
nahm
Wernicke
anschließend
das Studium
der Medizin
auf, das er
1870
erfolgreich
mit der
Promotion
abschloß.
Die erst
fünf Jahre
später im
Druck
erschienene
Dissertation
trägt den
Titel
Erkrankung
der inneren
Kapsel. Ein
Beitrag zur
Diagnose der
Herderkrankungen.
1870 stellte
ihn der
Breslauer
Ophthalmologe
Professor
Richard
Förster als
Assistenzarzt
ein. Nach
seiner
Teilnahme am
Deutsch-Französischen
Krieg
1870/71 fand
Carl
Wernicke
eine
Anstellung
als
Assistent
bei
Professor
Heinrich
Neumann in
der
Irrenabteilung
des
Breslauer
Allerheiligenhospitals.
1874
veröffentlichte
Wernicke die
Schrift
Der
aphasische
Symptomenkomplex,
die seinen
weiteren
beruflichen
Werdegang
entscheidend
beeinflussen
sollte. In
dieser
Arbeit
teilte er
seine
Entdeckung
des
sensorischen
Sprachzentrums
mit.
Nachdem er
einen
halbjährigen
Studienaufenthalt
in Wien bei
Professor
Theodor
Meynert
absolviert
hatte,
habilitierte
sich
Wernicke
1876 an der
Psychiatrischen
Klinik der
Charité zu
Berlin bei
Professor
Carl
Westphal,
dem
Nachfolger
Wilhelm
Griesingers.
In seiner
Habilitationsschrift
befaßte sich
Wernicke mit
dem
Urwindungssystem
des
menschlichen
Gehirns.
Nachdem er
sich mit der
Klinikleitung
überworfen
hatte, ließ
er sich in
Berlin
vorübergehend
als
Nervenarzt
nieder. In
jener Zeit
verfaßte er
sein
Lehrbuch der
Gehirnkrankheiten
für Ärzte
und
Studierende,
das in den
Jahren von
1881 bis
1883
erschien. Im
Jahre 1885
folgte er
einem Ruf
als
außerplanmäßiger
Professor
nach
Breslau, wo
er 1890 als
Nachfolger
seines
Lehrers
Heinrich
Neumann auch
den
Lehrstuhl
für
Psychiatrie
übernahm.
1904 wurde
Carl
Wernicke auf
den
Hallenser
Lehrstuhl
für
Psychiatrie
berufen und
zum Direktor
der dortigen
Psychiatrischen
Klinik
ernannt. In
Halle
verblieb ihm
jedoch nur
wenig Zeit
zur
Entfaltung
seines
Wirkens.
Denn bereits
im nächsten
Jahr
verunglückte
Wernicke im
Geratal im
Thüringer
Wald
tödlich:
Nach einem
Sturz vom
Fahrrad
wurde er von
einem
Holzfuhrwerk
überrollt.
Zwei Tage
später
verstarb er,
seine
leiblichen
Überreste
wurden am
16. Juni
1905 in
Gotha
eingeäschert.
Als
Hirnforscher
war es das
Hauptanliegen
Wernickes
gewesen, die
materiellen,
d.h.
biochemischen
und
morphologischen
Grundlagen
des
menschlichen
Bewußtseins,
ja sogar der
Seele im
Gehirn zu
bestimmen
bzw. zu
lokalisieren.
Er steht
somit in der
uralten
abendländischen
Tradition
der
Lokalisationsforschung,
die,
getragen von
Ärzten,
Philosophen
und
Biologen,
bis in das
6.
vorchristliche
Jahrhundert
zurückreicht.
Seine
Forschungen
auf diesem
Gebiet
wurden bald
mit der
Entdeckung
der
sensorischen
Aphasie
gekrönt,
d.h. es
glückte ihm,
die
Behinderung
bzw.
Aufhebung
des Sprach-
und
Leseverständnisses,
die durch
eine Läsion
des
sensorischen
Sprachzentrums
bedingt ist,
zu erklären.
Auf Grund
dieser
Entdeckung
setzte sich
Wernicke zu
Beginn
seiner
wissenschaftlichen
Laufbahn
intensiv mit
der
Hirnforschung
auseinander.
Die
entsprechenden
Ergebnisse
fanden ihren
Niederschlag
im
Lehrbuch der
Gehirnkrankheiten.
Die
anatomische
Betrachtungsweise
war auch
später
grundlegend
für Carl
Wernickes
Forschungen.
Seine
Schrift
Grundriß der
Psychiatrie
zielt darauf
ab, einen
unmittelbaren
Zusammenhang
zwischen
krankhaften
Gehirnstrukturen
und
psychopathologischen
Symptomen zu
postulieren,
eine
Vorgehensweise,
welche die
Kritik
zahlreicher
zeitgenössischer
Mediziner
und
Philosophen
hervorrief.
So nannte
ihn
beispielsweise
Karl Jaspers
einen „Hirnmythologen“
(Jaspers, S.
13), der
fälschlicherweise
die
unterschiedlichsten
psychischen
Störungen
verschiedenen
Hirnbereichen
zugeordnet
habe, um
diese dann
für alle
Störungen
des
Seelenlebens
verantwortlich
zu machen.
Wernickes
Schüler
hingegen,
vor allem
Hugo
Liepmann,
nahmen ihren
Lehrer vor
solchen
Angriffen in
Schutz. Sie
konterten,
Wernicke
habe an sich
gar keine
gehirnanatomischen
Lokalisationen
vorgenommen,
sondern
lediglich
das
seelische
Leben in
solche
Elemente
zergliedert,
die „als
subjektive
Parallelvorgänge
zu
Funktionen
eines
nervösen
Apparates“ (Lanczik,
S. 80)
gelten
könnten.
Carl
Wernickes
Einfluß auf
die
Psychiatrie
wird
insbesondere
im Wirken
seiner
Schüler Karl
Heilbronner,
Karl Kleist,
Karl
Bonhoeffer,
des Vaters
des von den
Nationalsozialisten
hingerichteten
Pfarrers
Dietrich
Bonhoeffer,
und Hugo
Liepmann
greifbar.
Wernicke
trat nicht
nur als
bedeutender
Hirnforscher
hervor,
sondern auch
als
Kliniker,
der
zahlreiche
psychopathologische
Fachtermini
schuf, die
bis heute
gebräuchlich
sind. Auch
auf die
Neurologie
hat Wernicke
befruchtend
eingewirkt.
So
erforschte
er die
zerebrale
Hemiplegie
(Lähmung
einer
Körperseite),
die „Wernicke-Enzephalopathie“
(ein
Gehirnleiden
mit
Augenmuskellähmung,
entzündlicher
Veränderung
der
Pupillen,
Störung der
Koordination
von
Muskelbewegungen
und
Benommenheit),
die
Tastlähmung
(Unfähigkeit,
durch
Betasten
einen
Gegenstand
zu erkennen)
sowie die
Pupillenstarre
bei Ausfall
einer Hälfte
des
Gesichtsfeldes
(hemianopische
Pupillenstarre).
Die
Universität
Breslau hat
es vor allem
dem Wirken
Carl
Wernickes zu
verdanken,
daß sie im
19.
Jahrhundert
zu einem
Zentrum der
Nervenheilkunde
und der
Psychiatrie
avancieren
konnte.
Werke:
Der
aphasische
Symptomencomplex.
Eine
psychologische
Studie auf
anatomischer
Basis,
Breslau
1874. –
Erkrankung
der inneren
Kapsel. Ein
Beitrag zur
Diagnose der
Herderkrankungen,
med. Diss.
Breslau
1875. – Über
das
Urwindungssystem
des
menschlichen
Gehirns, in:
Arch. Psych.
6 (1876), S.
298-326. –
Lehrbuch der
Gehirnkrankheiten
für Ärzte
und
Studierende,
I-III,
Kassel und
Berlin
1881-1883. –
Über die
hemiopische
Pupillenreaction,
in:
Gesammelte
Aufsätze und
kritische
Referate zur
Pathologie
des
Nervensystems,
hrsg. von
Carl
Wernicke,
Berlin 1893,
S. 209-214.
– Grundriß
der
Psychiatrie
in
klinischen
Vorlesungen,
Leipzig
1894-1900,
2. Aufl.
ebd. 1906. –
Zus. mit
Otfrid
Foerster
und Paul
Schröder (Hrsgg.):
Atlas des
Gehirns,
I-III,
Berlin
1897-1903. –
Der
aphasische
Symptomenkomplex,
in: Die
deutsche
Klinik am
Eingange des
zwanzigsten
Jahrhunderts,
VI, hg. von
Ernst von
Leyden und
Felix
Klemperer,
Berlin und
Wien 1906,
S. 487-556.
Lit.:
Karl
Jaspers:
Allgemeine
Psychopathologie,
3.
Aufl. 1922.
– Kurt
Goldstein:
Carl
Wernicke
(1848-1905),
in: Webb
Haymaker (Hrsgg.),
The Founders
of
Neurology,
Washington
1957, S.
406-409. –
Otto M.
Marx:
Nineteenth-century
Medical
Psychology.
Theoretical
Problems in
the Work of
Griesinger,
Meynert and
Wernicke,
in: Isis 61
(1970), S.
335-370. –
Rudolf
Degkwitz:
Hundert
Jahre
Nervenheilkunde,
Stuttgart
1985. –
Mario
Lanczik: Der
Breslauer
Psychiater
Carl
Wernicke.
Werkanalyse
und
Wirkungsgeschichte
als Beitrag
zur
Medizingeschichte
Schlesiens,
Sigmaringen
1988 (=
Schlesische
Forschungen,
2) [Bibl.
und Portr.
Wernickes].
– Gundolf
Keil und
Mario
Lanczik:
Carl
Wernicke’s
Localization
Theory and
its
Significance
for the
Development
of
Scientific
Psychiatry,
in: Hist.
Psychiatr. 2
(1991), S.
171-180. –
P.J.
Mathews, L.K.
Obler und
M.L. Albert:
Wernicke and
Alzheimer on
the Language
Disturbances
of Dementia
and Aphasia,
in: Brain
Lang. 46
(1994), S.
439-462.
Werner E.
Gerabek