Ein
Wesensmerkmal
deutsch-baltischen
Artistokratentums
ist eine
Gabe, die
man als
„Befähigung
zur
Gesellschaftlichkeit“
bezeichnen
könnte, als
deren
Eigenschaften
Universalität,
Weltoffenheit,
Organisationstalent
und eine
Fähigkeit
zur
Repräsentation
zu nennen
sind. In
Gerhart v.
Westerman
ist dieses
Erbe seiner
Herkunft mit
seiner
musikalischen
Begabung
eine
glückliche
Verbindung
eingegangen,
die ihm
lebenslang
zu einem
vielseitigen
und
erfolgreichen
Schaffen
verhalf: als
Komponist,
Pianist,
Musikwissenschaftler,
Publizist,
Intendant
und
Organisator
im Bereich
der Musik,
wobei
besonders
die beiden
letztgenannten
Tätigkeiten
über mehrere
Jahrzehnte
eine große
Bedeutung
für das
deutsche
Musikleben
erlangten
und noch bis
in die
Gegenwart
fortwirken.
Gerhart v.
Westerman
wurde 1894
in Riga
geboren. Im
Anschluß an
die Rigaer
Schulzeit
studierte er
Komposition
an der
Berliner
Musikhochschule
bei Paul
Juon, dann
ab 1918 in
München bei
Walter
Courvoisier
und August
Reuß.
Gleichzeitig
belegte er
das Fach
Musikwissenschaft,
das er mit
seiner
Promotion
über den
venezianischen
Opernkomponisten
Giovanni
Porta
abschloß.
Von seinen
wissenschaftlichen
Publikationen
seien hier
„Das
russische
Volkslied,
wie es heute
gesungen
wird“
genannt, für
die ihn
seine
baltische
Herkunft
prädestinierte,
sowie
„Musikleben
in Riga
Anfang des
20.
Jahrhunderts“
und „Drei
baltische
Musiker:
Gerhard v.
Keußler,
Kurt v.
Wolfurt,
Eduard
Erdmann“.
Auch
zeichnete er
als
Herausgeber
von
Notendrucken
von Werken
E. T. A.
Hoffmanns
und Peter
Cornelius‘.
Sein
kompositorisches
Schaffen,
das mit 25
Opuszahlen
und drei
musikdramatischen
Werken ohne
Opuszahl
nicht sehr
umfangreich
ist, geht in
seinen
Anfängen von
der
Spätromantik
aus. Sein
Bemühen um
eine
zeitgemäße
Tonsprache
verhalf ihm
nach und
nach zu
einem
persönlichen
Stil, wobei
klangliche
Aspekte im
Vordergrund
stehen. In
vielen
seiner Werke
ist jener
balladenhafte
Ton
auszumachen,
der in der
Musik aus
dem
nordostdeutschen
Raum häufig
anzutreffen
ist. Dies
mag auch der
tiefere
Grund dafür
sein, daß er
selbst bei
seinen
kleinbesetzten
Orchesterwerken
nie auf die
Harfe
verzichtet.
Bemerkenswert
ist auch der
russische
Einfluß in
seinen
Kompositionen,
der an den
Melodiebildungen,
aber auch an
der
Verwendung
von
kirchentonalen
Wendungen
slawischer
Prägung
auszumachen
ist.
Westerman
hat bereits
früh die
Bedeutung
des
Rundfunks
für das
Musikleben
erkannt. Ab
1924 war er
Leiter der
Musikabteilung
und von
1933-35
stellvertretender
Intendant
des Münchner
Rundfunks
und bis 1938
in dieser
Position am
Berliner
Kurzwellensender
tätig. Von
1939 bis
1945 und von
1950 bis
1951 war er
Intendant
des Berliner
Philharmonischen
Orchesters.
In seine
zweite
Amtszeit
fiel nach
dem Tod
Wilhelm
Furtwänglers
die Berufung
von Herbert
von Karajan.
Ein weiterer
Beweis
seiner
organisatorischen
Fähigkeiten
waren seine
Bemühungen
um die
Berliner
Festwochen,
die er 1950
mitbegründete
und bis 1959
leitete. War
Westerman in
seinem
eigenen
kompositorischen
Schaffen zu
seiner Zeit
gemäßigt
modern zu
nennen, so
zeigte seine
Programmgestaltung
der Berliner
Festwochen
eine große
Aufgeschlossenheit
gegenüber
den neuesten
Strömungen
der Musik.
Einer großen
Leserschaft
ist
Westerman
durch seine
„Knauers
Opern- bzw.
Konzertführer“
bekannt
geworden,
die zu
weitverbreiteten
und
wichtigen
Nachschlagewerken
für
Musikinteressierte
wurden.
Gerhart v.
Westerman
verstarb
1963
hochgeehrt
in Berlin.
Werke:
Lieder f. l
Singst, u.
Klavier: op.
l, 5, 6, 21,
22,
Sologesänge
mit
Orchester
op. 2,11
(Aus
baltischer
Landschaft);
op. 12, 19;
2
Klaviersonaten,
Sonaten für
Violine,
Violoncello,
Flöte, 2
Streichquartette
u. l ein
Singspiel
(Darjas
galante
Zeit) v.
1922, A
propos
Kantate
(1932),
Prometheische
Fantasie –
Oper
(1948/49 u.
1956) Text
vom
Komponisten.
Lit.:
Gerhart von
Westerman.
Eine kleine
Monographie
(aus Anlaß
seines 65
Geburtstages),
Berlin 1959,
enthält
Beiträge von
H.H.
Stuckenschmidt,
Peter
Wackernagel
und Gerhart
v. Westerman,
außerdem ein
Verzeichnis
der
Kompositionen;
Erwin Kroll
in: „Die
Musik in
Geschichte
und
Gegenwart“;
Riemann
Musiklexikon;
Deutschbaltisches
Biographisches
Lexikon
1710-1960,
Hrsg.
Wilhelm Lenz
u.a.,
Köln, Wien
1970.
Helmut
Scheunchen