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1846
erschien bei Challier in Berlin ein Einzeldruck des Liedes
„Nach Osten geht, nach Osten, der Erde
stiller Flug“. Dieses Lied, das sich zur damaligen Zeit größerer
Popularität erfreute und das auch durch eine größere Zahl von
Instrumental-Transkriptionen und -Paraphrasen, u.a. sogar von Franz
Liszt, eine Bearbeitung erfahren hatte, wurde allgemein Franz Schubert
zugeschrieben, so daß sich der Komponist des Liedes, August Heinrich v.
Weyrauch, veranlaßt sah, einen Einzeldruck herauszugeben und eine
diesbezügliche Richtigstellung anzufügen. Es spricht für die Qualität
des Liedschaffens von Weyrauch, daß einige seiner Lieder Franz Schubert
zugeschrieben wurden. Diese Verwechslungen beruhten auf stilistischen
Merkmalen, die in vielem den Schubertschen verwandt sind.
Leider
sind die Überlieferungen zu Leben
und Werk des 1788 in Riga als Sohn eines Inländischen
Gouvernement-Postmeisters geborenen August Heinrich v. Weyrauch sehr
spärlich. Nach der Schulzeit in Riga und St. Petersburg war er bei der
Post in Riga als Buchhalter angestellt. 1808 gab er ein „illustriertes
Wochenblatt für Damen“ mit dem Titel Iris heraus, in dem er eigenes
literarische Beiträge, eigene Klavierkompositionen sowie seine erste
Liedkomposition „Es blüht in einem Hüttchen dort ein Mädchen engelschön“
veröffentlichte. 1811-13 studierte er Jurisprudenz an der Universität
Dorpat, wo er dann 1820 als Lektor für deutsche Sprache tätig war. Diese
Tätigkeit gab er jedoch krankheitshalber bereits 1821 wieder auf.
Zwischen 1820 und 1827 erschienen in Dorpat fünf Hefte mit „deutschen
Liedern“, insgesamt 54 Vertonungen, vorwiegend nach Gedichten von Goethe
und Schiller und nach eigenen Texten. Diese Lieder stellen den Höhepunkt
seines Schaffens dar. Jegor v. Sivers schreibt in seinem Buch „Die
deutschen Dichter in Rußland“: „... eine überraschende Fülle
origineller, mit unwiderstehlicher Gewalt in das Gemüth
eindringender und im Gedächtnis haftender Melodien ...“.
Weyrauchs Lieder waren damals im Baltikum außerordentlich
beliebt und verbreitet, wie handschriftliche Überlieferungen in
Poesiealben, Stammbuchblättern u.a. bezeugen, und es wurde gesagt, daß
die Lieder Weyrauchs „ehedem eine Zeit lang von den musikalischen Balten
fast ausschließlich gesungen worden seien“. So entsprach die Drucklegung
der fünf Sammelbände einem wirklichen Bedürfnis.
1827
verließ er das Baltikum und
siedelte nach Dresden über, wo er sich mit theologischen Studien
beschäftigte. Von zeitweiliger Geisteskrankheit heimgesucht, ist in
seinem Schaffen dieser Jahre ein Nachlassen der schöpferischen Kräfte
auszumachen. Im Selbstverlag gab er nochmals zwei Hefte „deutsche
Lieder, der neuen Lieder erste und zweite Sammlung“ heraus, doch sein
frühromantischer Liedstil lag nicht mehr in der Zeit. 1865 verstarb
Weyrauch in geistiger Umnachtung völlig vergessen und verarmt in
Dresden. Wurde Weyrauch in den 20er und 30er Jahren des 19. Jahrhunderts
als der populärste Komponist der baltischen Provinzen Rußlands
bezeichnet, so war in der Baltischen Monatsschrift von 1889 in einem
Bericht „Ein vergessener Dichter“ zu lesen: „Von den nicht eben
zahlreichen Dichtern und Sängern, die dem Lande zwischen Düna und Embach
angehörten, ist keiner so gründlich vergessen worden.“
Elmar
Arro, der bedeutende Musikwissenschaftler estnischer Herkunft, dessen
Arbeiten auch wesentliche Kenntnisse zur deutschbaltischen
Musikgeschichte vermitteln, stellt Weyrauch in den Mittelpunkt seiner
Schrift: „Die deutschbaltische
Liedschule – Versuch einer nachträglichen musikhistorischen
Rekonstruktion“ und schreibt: „Wie in einem Brennpunkt treten in seinen
Deutschen Liedern alle Stilmerkmale der bisherigen und nachfolgenden
baltischen Gesänge konzentrisch zusammengefaßt in Erscheinung. Sein
Schaffen war mehr als Mode – es war Erfüllung des Vorausgegangenen und
Vorbild für alles Weitere.“
Da
Weyrauchsche Drucke eine bibliophile Rarität
sind (3 Lieder sind im Anhang von Arros Schrift abgedruckt), ist für
1988 in Zusammenarbeit mit dem Institut f. Ostdeutsche Musik in Berg.
Gladbach ein Auswahlband des Weyrauchschen Liedschaffens geplant.
Dadurch wird es möglich
werden, die Bedeutung Weyrauchs für die Geschichte des deutschen
Kunstliedes vor Schubert in Betracht zu ziehen.
Lit.: Elmar Arro: Die deutschbaltische Liedschule. Versuch einer nachträglichen
musikhistorischen Rekonstruktion in: Musik des Ostens, Band 3, Kassel,
Basel, Paris, London, New York 1965. S. 175-239 (enthält neben
Literaturangaben im Anhang einen Notendruck mit drei Liedern).
Deutschbaltisches Biographisches Lexikon 1710-1960, Hrsg. Wilhelm Lenz
u.a., Köln, Wien 1970 (enthält weitere Literaturangaben).
Helmut Scheunchen
(1988)
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