Der Vater stammte aus
Gelsenkirchen, hatte bei der Reichswehr den Zivilversorgungsschein
erworben und kam als Zollbeamter nach Allenstein. Die Mutter, Anna
Auguste Margarete Tomuschat, stammte aus Masuren. 1927 wurde der
Vater nach Berlin versetzt, so daß Hans-Jürgen dort das
Theodor-Körner-Realgymnasium bis zum Abitur 1941 besuchte.
Unmittelbar danach wurde er zum Reichsarbeitsdienst eingezogen und
nach Kriegsausbruch mit der Sowjetunion als Arbeitsdienstmann im
Straßenbau in Rußland eingesetzt. 1942 wurde er als Rekrut zu den
Kradschützen eingezogen und war bei Kriegsende 1945 Oberleutnant der
Reserve in einem Panzergrenadier-Regiment.
Aus kurzer amerikanischer
Kriegsgefangenschaft in Österreich wurde er nach Niederbayern
entlassen, ging vorübergehend zu seinen Eltern nach Ost-Berlin,
kehrte aber 1946 nach Niederbayern zurück. Hier trat er am 20.
August 1946 der SPD bei und arbeitete als Metallarbeiter. Als
Mitglied der IG Metall wurden ihm bald Gewerkschaftsaufgaben
übertragen. Auf Rat seiner Gewerkschaft verzichtete er auf das
beabsichtigte Studium der Germanistik und Literaturgeschichte und
wurde von der IG Metall zur Schulung für eine geplante hauptamtliche
Tätigkeit nach Köln geschickt. 1953-1959 arbeitete er hier als
Gewerkschaftssekretär. In dieser Zeit begann auch sein Aufstieg in
der SPD. Wischnewski betätigte sich zunächst in der Jugendarbeit der
SPD, erst bei den „Falken“, dann bei den Jungsozialisten. 1955-1968
war er Vorsitzender des Kreisverbands Köln der SPD, Mitglied des
Bezirksvorstands Mittelrhein der SPD und vom 25. April 1959 bis zum
21. Oktober 1961 Bundesvorsitzender der Jungsozialisten. Im Jahre
1957 zog er über die Landesliste für seine Partei in den Deutschen
Bundestag ein – danach stets als direkt gewählter Abgeordneter
seines Kölner Wahlkreises – und war bis 1990 Mitglied des
Bundestags, kandidierte dann aus Altersgründen aber nicht mehr.
Schon früh galt Wischnewskis
Interesse neben der deutschen Sozialpolitik auch dem politischen
Geschehen außerhalb der Bundesrepublik. Bereits als Vorsitzender der
Jungsozialisten hatte er sich für den algerischen
Unabhängigkeitskrieg (1954-1962) stark engagiert und knüpfte
Kontakte mit der algerischen Befreiungsfront FLN unter Ben Bella,
die für die Unabhängigkeit von Frankreich kämpfte. Wischnewski wurde
später Präsident der Deutsch-Algerischen Gesellschaft, gehörte dem
Präsidium der Deutsch-Tunesischen Gesellschaft an und war in den
Jahren 1964-1966 und 1970-1971 Präsident des Kuratoriums der
deutschen Stiftung für Entwicklungshilfe, die auch die Länder der
nordafrikanischen Maghreb-Staaten unterstützte. Durch seine häufigen
Begegnungen mit Land und Leuten lernte er die Mentalität der
Einwohner dieser Staaten kennen und gewann die persönliche
Freundschaft von einer Reihe von Politikern dieser Länder.
Obgleich Wischnewski ein
Gegner der Großen Koalition unter Kurt Georg Kiesinger war, übernahm
er in ihr am 1. Dezember 1966 das Amt des Bundesministers für
wirtschaftliche Zusammenarbeit, war also auch für die deutsche
Entwicklungshilfe zuständig. Er trat am 2. Oktober 1968 von diesem
Amt zurück, da er im Juni 1968 Bundesgeschäftsführer seiner Partei
geworden war. In dieser Funktion leitete er den Wahlkampf zur
Bundestagswahl von 1969, die den Wechsel zur SPD-geführten Koalition
mit Willy Brandt als Kanzler brachte. Wischnewski selbst gehörte der
Regierung Brandt nicht an. Allerdings flog er wegen seiner guten
Kontakte in der arabischen Welt im September 1970 nach Amman
(Jordanien), wo er sich mit Erfolg um die Freilassung von Geiseln,
auch deutschen, bemühte, die von palästinensischen Guerillas
gefangen genommen waren. Als die sog. Hallstein-Doktrin durch die
Große Koalition modifiziert und von der Regierung Brandt unwirksam
gemacht wurde, mußte Wischnewski erneut seine Kontakte nutzen, um
die Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen zwischen der
Bundesrepublik und den arabischen Staaten zu erreichen.
Als Bundesgeschäftsführer
mahnte Wischnewski bei seiner jetzt die Regierung stellenden Partei
Geschlossenheit an und auch eine Abgrenzung zu den Kommunisten. Auf
dem Parteitag im Mai 1970 wurde er in den Parteivorstand gewählt und
auch Mitglied des Parteipräsidiums. Als er sich 1971 bei seiner
Partei mit seinem Plan nicht durchsetzen konnte, den
Bundesgeschäftsführer durch direkte Wahl zu bestimmen, trat er Ende
1971 von diesem Amt zurück. Im Juni 1972 wurde er aber einer der 18
Beisitzer der Fraktion und übernahm im SPD-Vorstand den Vorsitz der
Kommission für internationale Beziehungen. Als Kanzler Brandt wegen
der sog. Guillaume-Affäre zurücktrat, wurde Wischnewski in der
Regierung von Helmut Schmidt am 16. Mai 1974 Parlamentarischer
Staatssekretär des Auswärtigen Amts mit dem Titel Staatsminister.
Obwohl er für Europafragen zuständig war, wurde Wischnewski immer
öfter mit schwierigen Sondermissionen in aller Welt betraut. Nach
der Bundestagswahl von 1976 wechselte er im Dezember 1978 in das Amt
eines Staatsministers im Auswärtigen Amt, wo er für die
Koordinierung der Deutschland- und Berlin-Politik zuständig war. Er
blieb auch weiterhin Krisenmanager, so nach der Entführung des
Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer (1915-1977) durch
RAF-Terroristen und besonders im März 1978 bei den Verhandlungen in
Mogadischu (Somalia), die zur Befreiung der Geiseln in der von der
RAF nach Mogadischu entführten Lufthansa-Maschine „Landshut“ durch
die Anti-Terror-Gruppe GSG 9 führten. In der Parteihierarchie stieg
Wischnewski auf dem Parteitag im Dezember 1979 zum 2.
stellvertretenden Vorsitzenden hinter Willy Brandt auf, gab darauf
aber am 10. Dezember 1979 sein Amt als Staatsminister auf, das er
aber nach seinem Verzicht auf eine erneute Kandidatur zum
stellvertretenden Parteivorsitzenden auf Wunsch von Helmut Schmidt
vom 28. April 1982 bis zur Abwahl des Kanzlers Schmidt am 1. Oktober
1982 wieder innehatte.
Auch als
Oppositionspolitiker besuchte Wischnewski weiter arabische Staaten
und Israel und gehörte zu den Politikern, die sich auf dem Parteitag
im November 1983 gegen die strikte Ablehnung der Stationierung von
amerikanischen Atomraketen in der Bundesrepublik durch den
Parteivorstand aussprachen. Von Mai 1984 bis September 1985 war er
Schatzmeister der SPD, legte aber dieses Amt nach persönlichen
Differenzen mit dem damaligen Vorsitzenden der SPD-Fraktion im
Bundestag, Hans-Jochen Vogel, wegen des Scheiterns seiner Bemühungen
zur Sanierung der Parteifinanzen und wegen Ablehnung der von
Wischnewski geforderten Einstellung der verlustreichen Parteizeitung
„Vorwärts“ durch die Partei nieder. Mit dem Amt des Schatzmeisters
gab er auch die an dieses Amt gebundenen Sitze in Parteipräsidium
und Vorstand der SPD auf. Dennoch ließ er sich 1987 wieder zum
Beisitzer des Fraktionsvorstands wählen. Auch die Regierung von
Helmut Kohl (CDU) bat Wischnewski wiederholt um seine Hilfe als
Krisenmanager, so nach der Entführung der Tochter des Präsidenten
von San Salvador, Duarte, (1988) und bei verschiedenen anderen
Entführungen. Besonders wichtig waren seine Verhandlungen im
mittelamerikanischen Friedensprozeß (1987-1988), die schließlich zum
Waffenstillstand zwischen der Regierung von Nicaragua und den
Rebellen führten.
Bei der ersten
gesamtdeutschen Bundestagswahl am 2. Dezember 1990 kandidierte
Wischnewski aus Altersgründen nicht mehr, blieb aber in der Partei
und der Sozialistischen Internationale aktiv und knüpfte erste
Kontakte zwischen der israelischen Regierung und den Palästinensern.
Im Juni 2002 trat er zusammen mit anderen aus der Deutsch-Arabischen
Gesellschaft aus, weil er Äußerungen von deren Vorsitzendem, Jürgen
W. Möllemann (FDP), als antisemitisch ablehnte. Noch 2003 war er als
Berater deutscher Firmen im arabischen Raum tätig, traf sich 2004
mit dem libyschen Revolutionsführer Gaddafi und arbeitete für den
Beginn eines neuen politischen Verhältnisses zu Libyen.
Wischnewski war ein
„Vollblut-Politiker“ und arbeitete auf so vielen Gebieten und so
hart, daß seine Gesundheit darunter immer wieder erheblich litt. Bei
seinem Tode wurden seine vielfältigen Verdienste herausgestellt. Er
war nicht nur SPD-Mitglied, sondern arbeitete auch über
Parteigrenzen hinweg, wenn es die Situation erforderte. Besonders
wichtig war sein gutes, z.T. persönliches und freundschaftliches
Verhältnis zu den Menschen und Politikern im Nahen Osten. Er kannte
den Islam und besaß großes Einfühlungsvermögen, so daß er viele
schwierige Situationen mit großem Verhandlungsgeschick lösen konnte,
weshalb ihm Willy Brandt den liebevollen Spitznamen „Ben Wisch“
gegeben hatte. Im Gegensatz zu vielen anderen Politikern war
Wischnewski nicht nur ein manchmal unbequemer Mann, sondern ein
anerkannter „Brückenbauer“.
Lit.: Hans-Jürgen
Wischnewski, Mit Leidenschaft und Augenmaß, München 1991. –
Deutscher Bundestag. Wissenschaftlicher Dienst: Zeitungsausschnitte
1966-88. – Munzinger-Personen-Archiv, verschiedene Ausgaben
1968-2005. – Klaus J. Bade, Hans-Jürgen Wischnewski, in: W.
Bernecker/V. Dotterweich (Hrsg.), Persönlichkeit und Politik in der
Bundesrepublik Deutschland, 1982 (benutzt in: Dt. Biogr. Archiv III,
Fiche 1000, Feld 407-417). – Martin Schumacher, M.d.B.,
Volksvertretung im Wiederaufbau 1946-1961, Düsseldorf 2000, S. 467.
– Biographisches Handbuch der Mitglieder des Deutschen Bundestags
1949-2002, Bd. 2, München 2002, S. 962-963.
Bild: Privatarchiv
des Autors.
Klaus Bürger