Vor 50
Jahren starb in seiner Heimatstadt Kronstadt, im Alter von 66 Jahren
einer der wohl bedeutendsten deutschen Forstmänner des
Südost-Karpatenraumes: Otto E. Witting. Er sollte in seiner
erfolgreichen beruflichen Laufbahn die höchste – von einem Deutschen
je erreichte – Stufe in der Staatsforstverwaltung des 1862
gegründeten und 1919 zum Großstaat sich entwickelten Königreichs
Rumänien erklimmen. Vergleichbare Leistungen deutscher Forstleute im
ost- und südeuropäischen Raum sind uns bisher bekannt geworden aus:
Griechenland – Simon Schmidschneider (1803-1883), Inspekteur
sämtlicher Forsten des Königreiches; Rußland – Theodor Arnold
(1819-1902), genannt „Großvater des russischen Waldes“ (s. auch OGT
1999, S. 392); Italien – Adolf von Berenger (1815-1895), Begründer
der ersten Forstschule Italiens; Ungarn – Karl Wagner (1830-1879),
Chef des königlich ungarischen Forstwesens.
Otto Witting
wurde am 4. Februar 1889 als zweiter Sohn des wohlhabenden
Kronstädter Kaufmanns Friedrich Witting und seiner Ehefrau
Friederike, geb. Halamka, geboren. Sein Lebensweg verlief
bemerkenswert wechselreich, zu Beginn jedoch charakteristisch für
einen Großteil der siebenbürgischen Jugend, deren Ausbildung noch
durch die k.u.k.-Vielvölkermonarchie tiefgründig geprägt war. In
seiner Geburtsstadt besuchte Witting die Volksschule und das Honterus-Gymnasium (1900-1908),
um anschließend an der renommierten Forstakademie in
Schemnitz (Selmeczbánya – damals Oberungarn, heute Banská Stiavnicá
in der Slowakei) zu studieren (1908-1912). Diese erste akademische
Forstlehranstalt des damals großen Königreiches Ungarn (zugleich
auch des Kaiserreiches Österreich) wurde 1809 von Heinrich D.
Wilckens (1763-1832) begründet; bis zum Zusammenbruch der
k.u.k.-Monarchie war Schemnitz eine der bekanntesten und hoch
geschätzten Forstlehranstalten Europas. Hier studierte auch der
ältere Bruder Wittings, der namhafte Jagdschriftsteller Emil Witting
(1880-1952). Zu den akademischen Lehrern Wittings gehörten u. a. die
Professoren Ludwig Fekete und Tibor Blattny, deren internationaler
Ruf durch die Herausgabe des zweibändigen Monumentalwerkes über die
phytogeographische Verbreitung der Bäume und Sträucher Ungarns
begründet wurde. Später sollte auch ihr Schüler Witting durch
mehrere Beiträge zur Komplettierung dieses Werkes beitragen. In der
Zeitspanne 1913 bis 1919 war er am Forstamt Şimleul Silvaniei (Szilágysomlyó)
tätig; bis 1914 als Forstingenieurs-Praktikant (Forstreferendar) und
nach der großen Staatsprüfung im selben Jahr in Budapest als
Forstrat. Bereits 1914 jedoch wurde er als Einjährig-Freiwilliger
zum Wehrdienst nach Klosterneuburg bei Wien einberufen, wo auch sein
erster Sohn Wido Rolf (1916-1981) geboren wurde.
Den
Weltkrieg 1915-1918 erlebte er als Oberleutnant der
österreichisch-ungarischen Armee; wie alle seine damaligen Kameraden
kehrte er enttäuscht vom Kriegsausgang in seine Siebenbürgische
Heimat zurück. Hier – in Şimleul- Silvaniei – sollte er den hier
geborenen Iuliu Maniu (1873-1953) kennen lernen, der bis 1918
Abgeordneter im ungarischen Parlament war und es in dem 1919
entstandenen Groß-Rumänien bis zum Regierungschef brachte, wobei er
eine antideutsche Politik führen sollte. 1919 wurde Witting zum
Leiter des Forstamtes seiner Vaterstadt Kronstadt ernannt; hier gab
er mit R. Jacobi (s. OGT 2001/2002) und dem Maler Fritz Kimm
(1890-1979) den „Siebenbürgischen Jagd-Kalender“ und den „Karpathen-Jagdkalender“
heraus. Hier schrieb er auch die „Geschichte der Forstwirtschaft,
der Jagd und der Fischerei“, veröffentlicht 1929 in Band V „Das
Burzenland“ (Herausgeber Erich Jekelius, Kronstadt). In dieser Zeit
durchforschte er intensiv das reiche Stadtarchiv seiner Vaterstadt;
anhand dieser Ergebnisse veröffentlichte er 1936 in Bukarest das von
der Rumänischen Akademie der Wissenschaften prämierte Werk „Die
Geschichte des Jagdrechtes in Siebenbürgen“. 1926 wurde Witting zum
Leiter des Sachgebietes Waldbautechnik der Forstdirektion
Szeklerburg (Miercurea-Ciuc) ernannt, um dann ab 1930 bis 1931 als
Sachgebietsleiter an der Forstdirektion Klausenburg (Cluj) zu
fungieren. 1931 bis 1939 wurde ihm die Leitung (als Forstpräsident)
der Forstdirektion Schäßburg (Sighişoara) übertragen. In dieser Zeit
(1936) starb seine Ehefrau Wilhelmine, geb. Stadlmüller; nach der
Trauerzeit heiratete Witting die Schwester der Verstorbenen,
Luise-Marie (1894-1993).
Beruflich,
sowie auch in der Freizeit, widmete sich Witting in besonderem Maße
der Rotwild- und Gamshege; so pachtete er u. a. im Fogarascher
Gebirge ein großes Gämsenrevier. Hier führte er die traditionelle
Hege und den Schutz dieses edlen Karpatenwildes fort, welche schon
im 19. Jahrhundert ihren Auftakt erfuhr, und der sich so berühmte
siebenbürgische Jäger und Jagdschriftsteller widmeten, wie: Oberst
A. Berger (1850-1919), A. Florstedt (1860-1929), Oberst A. v. Spiess
(1864-1953), E. Witting, u. a.m.
Im Mai 1938
wurde Witting – als Zeichen der Anerkennung für seine bisher
erschienenen wissenschaftlichen Veröffentlichungen – zum
korrespondierenden Mitglied der Rumänischen Akademie der
Wissenschaften gewählt, eine Ehre, die nur wenigen Rumäniendeutschen
zuteil geworden ist. Hier lernte er auch Mihail Sadoveanu
(1880-1961) kennen, den fruchtbarsten und bedeutendsten
Repräsentanten der rumänischen Prosaliteratur, der es später
(1947-1961) zum Stellvertretenden Vorsitzenden des Präsidiums der
Großen Nationalversammlung Rumäniens bringen sollte. Da beide
passionierte Jäger waren und Sadoveanu den Vorsitz des Rumänischen
Jagdverbandes innehatte, veranlaßte er Witting, ehrenhalber den
Verbands-Sekretärposten anzunehmen.
In der
Zeitspanne 1939 bis 1941 wurde Witting (seit 1931
Generalforstinspekteur) die Leitung der Forstdirektion Weißenburg
(Alba Iulia) anvertraut (Forstpräsident). Seine bisher erzielten
Ergebnisse im Dienste der rumänischen Staatsforstverwaltung führten
zu seiner Ernennung (November 1941) zum Ministerialdirigenten bzw.
1947 zum höchsten Beamtengrad, den je ein Deutscher im Rumänischen
Forstministerium erreichen konnte: Ministerialdirektor. 1942
ernannte ihn König Michael I. für seine Verdienste um das Jagdwesen
Rumäniens zum „Ritter der Krone Rumäniens“. Seine beiden
Hochwildjagdreviere Dittersdorf (Ditrău) in den Ostkarpaten und
Pojorta-Tal (in den Südkarpaten), waren Treffpunkte bekannter
Persönlichkeiten des In- und Auslandes jener Zeit, wie Prinz Alfonso
von Bourbon, Kieferchirurg Prof. Dr. Axhausen aus Berlin,
Schokoladefabrikant Heller aus Wien, Carlo Schmid, Völkerrechtler
und Politiker aus Bonn, Mihail Sadoveanu, Aurel Comşia, einst
führender kanadischer Wildbiologe, Dr. Rudolf Müller (siehe OGT
1998) – ehemaliger Forstattaché Deutschlands in Rumänien, mit dem
ihn eine enge Männerfreundschaft verband, u. a.m. Mit Manfred von
Killinger, dem Gesandten des Deutschen Reiches in Bukarest
(1941-1944), vermied Wittung soweit möglich die Gemeinschaftsjagden,
da dieser bekanntlich kaum die üblichen gesellschaftlichen Kontakte
pflegte, dem Alkohol nicht abgeneigt war und als leidenschaftlicher
Bärenjäger die Urwälder der Karpaten durchstreifte; in Rumänien
nannte man von Killinger damals „Landsknecht und Hofnarr“ zugleich.
Als im August 1944 Rumänien dem Deutschen Reich den Krieg erklärte,
beging von Killinger mit seiner Sekretärin Selbstmord. Die
Gesandschaftsangehörigen wurden durch den späteren Minister der
Streitkräfte Emil Bodnăraş (1904-1976, deutsch-ruthenischer
Abstammung aus dem Buchenland/Bukowina) verhaftet und kamen teils in
sowjetische Gefangenschaft, teils in rumänische Internierungslager.
Trotz außergewöhlicher Gefährdung seiner Person, seiner Familie und
seiner professionellen Zukunft, gelang es Witting in dieser schweren
Situation, seinem Freund Dr. R. Müller sowie den anderen
Internierten der Botschaft die überlebensnötigen Lebensmittel und
Medikamente zukommen zu lassen (gem. Tagebuch Dr. Müller). Als im
Januar 1945 die arbeitsfähigen deutschen Frauen (18 bis 30 Jahre)
und Männer (17 bis 45 Jahre) zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion
deportiert wurden, gelang es dem älteren Sohn Wittings sich in den
Bergen zu verstecken. Seine beiden jüngeren Brüder Kurt Herbert (*
1919) und Hans Horst (1923-1971) gehörten damals zu den rund 25.000
Siebenbürger Sachsen, die bei der Waffen-SS dienten; beide gerieten
in Gefangenschaft, wobei der Jüngste 10 Jahre im berüchtigten Gulag
Vorkuta verbrachte. Nun war der Samen aufgegangen, den Iuliu Maniu –
in enger Zusammenarbeit mit der damaligen tschechoslowakischen
Exilregierung unter Eduard Benesch (1884-1948) – zur Vertreibung der
Deutschen aus Siebenbürgen und der Tschechoslowakei ausgeworfen
hatte. Als Maniu 1946 einen politischen Vortrag in Kronstadt hielt
und dabei Gift gegen die Deutschen Rumäniens spuckte, zeigte er mit
dem Finger auf den Ministerialdirektor Diplom-Forstingenieur Witting
– der in der vorderen Sitzreihe der Honoratioren saß – und keifte:
„Seht ihn euch an! Auch er ist einer von denen!“
Trotz dieser
harten Schicksalsschläge für die deutsche Minderheit Rumäniens wurde
Witting von seinen Kollegen und Freunden beschützt, ja sogar
gefördert. Ein Jahr darauf (1947) wurde Maniu von den Kommunisten in
einem Schauprozeß zu lebenslanger Haft verurteilt und starb 1953 in
einem der gefürchtesten Gefängnisse in Sighet (Sighetul Marmaţiei),
dem Geburtsort des jüdischen Nobelpreisträgers Elie Wiesel (*1928).
Am 30. Dezember 1947 wurde die rumänische Monarchie gestürzt und
König Michael I. des Landes verwiesen. Ab 1. Januar 1948 wurde auch
Witting seines Postens entbunden und pensioniert. Nach der
kommunistischen Hochschulreform 1948 wurde in Kronstadt eine
eigenständige Forstwissenschaftliche Fakultät gegründet. Witting
wurde nun wieder reaktiviert und zum Professor für Jagd- und
Fischereiwirtschaft berufen, eine Tätigkeit die er bis zu seinem
Tode am 9. September 1955 in Kronstadt, ausübte. Seine
wissenschaftlichen Erkenntnisse veröffentlichte Witting in 92
Arbeiten, darunter in 15 Büchern, wie: „Die Fischerei in den
Gebirgsbächen“ 1952, „Jagd- und Fischereiwirtschaft“ 1953, „Waldbau
auf natürlichen Grundlagen. Das Wild“ 1955, „Die Jagdwirtschaft“
1960, u. a.m. Parallel übte er auch andere Tätigkeiten aus, wie:
Veranstaltung der Landesjagdausstellungen mit Trophäenschau (die
erste 1940 in Bukarest, die letzte 1950 in Moskau). Es folgen: 1951
Ernennung zum Wissenschaftlichen Rat im Ministerium für
Landwirtschaft und Forsten; 1952 Ordentliches Mitglied des
Technischen Rates des Ministeriums; 1953 Mitglied der
Technisch-Wissenschaftlichen Abteilung des Ministeriums; im selben
Jahr wählte ihn die Gesellschaft für Naturwissenschaften und
Geographie zum Ehrenmitglied der Sektion Kronstadt.
Witting war
nicht nur ein verdienstvoller Forstmann, Wissenschaftler und
akademischer Lehrer, sondern auch ein begeisterter Kunstliebhaber,
Kunstsammler und Mäzen. Freundschaft und Bewunderung für ihr
künstlerisches Wirken, verband ihn mit den siebenbürgischen Malern
Hans Eder (1883-1955), Fritz Kimm (1890-1979), Waldemar Schachl
(1893-1957) u. a. sowie mit dem ungarischen Maler Imre Nagy und der
Malerin Noemi Ferenczi. Seine reichhaltige Kunstsammlung befindet
sich heute z.T. im Besitz seines Sohnes Kurt in München und seiner
Tochter Inge (*1933) in Dachau.
Es muß
hervorgehoben werden, daß Witting zu jeder Zeit ein loyaler Bürger
seiner Heimat war, ob diese nun zum Königreich Ungarn, zum Kaisertum
Österreich oder zu Rumänien gehörte. Nach dem Ersten Weltkrieg
verfolgte er mit Besorgnis den wachsenden Einfluß der
nationalsozialistisch orientierten „Erneuerer“ in Rumänien, enthielt
sich hingegen jedweder politischen Tätigkeit. Otto Witting – einer
aufrechten, liebenswürdigen, der Kunst und der Natur gleichermaßen
aufgeschlossenen Persönlichkeit mit väterlicher Ausstrahlung –
werden in diesem Jahr, anläßlich seines 50. Todestages seine
einstigen noch lebenden Studenten mit Hochachtung gedenken als des
unvergeßlichen Nestors der siebenbürgischen Forst- und
Jagdwissenschaften.
Werke:
Das Verzeichnis der Veröffentlichungen von Otto Witting siehe
bei H. Heltmann (1985), S. 312-315.
Lit.:
A. v. B. (Albert von Bedö), Karl Wagner, in: Centralblatt für
das gesamte Forstwesen 6, 1880, S. 84-85. – Heinz Heltmann, Otto
Erich Witting, ein siebenbürgischer Forstmann, in: Südostdeutsche
Vierteljahresbl., 34 Jg., 4, 1985, München, S. 310-315, – Michael
Kroner, Flucht und Evakuierung der Nordsiebenbürger Deutschen im
Kontext der Südostdeutschen Umsiedlungspolitik, in: Hist. Kommiss.
36, 1997, München, S. 91-113. – Rudolf Rösler, Witting. Forstmann
und Jagdwissenschaftler, in: Lexikon der Siebenb. Sachsen, Thaur bei
Innsbruck, 1993, S. 576-577. – Ders., Simon Schmidschneider. Vom
königlich bayerischen Revierbeamten zum Inspekteur sämtlicher
Forsten des Königreiches Griechenland, in: Oberpfälzer Heimat, 39,
1995, Weiden, S. 135-142. – Ders., Adolf von Berenger (1819-1895).
Zum Gedenken an den Begründer der ersten Forstschule Italiens, in:
Forstl. Forschungsber., Univ. München, 152, 1995, S. 71-83. – Ders:
Rudolf Müller (1898-1995). Forstwissenschaftler und letzter aktiver
„preußischer reitender Feldjäger“, in: Ostdeutsche Gedenktage, 1998,
Bonn, S. 40-44. – Ders., Neuorganisation der russischen
Forstwirtschaft durch deutsche Forstpioniere vor 250 Jahren, in:
Ostdeutsche Gedenktage, 1999, Bonn, S. 388-394. – Ders., Studierende
aus dem Südost-Karpatenraum an der Königlich Ungarischen Berg- und
Forstakademie Schemnitz, in: Siebenb. Familienforschung, 21. Jg., 2,
2004, S. 72-78. – Ders., Forstmann, Universitätsprofessor und
Kunstmäzen. Zum Gedenken an den Kronstädter Otto Erich Witting
(1889-1955). Siebenb. Zeitung, 56. Jg., 6, 2006, München, S. 9.
Bild:
Zeichnung von Hans Eder, 1947 (Sammlung Diplom-Forstwirtin Inge
Witting, Dachau).
Rudolf Rösler