Christian Wolff
kann geradezu
als Vater der
Gründlichkeit
und einer der
bedeutendsten
Vertreter und
Ausgestalter der
Aufklärung in
Deutschland
bezeichnet
werden.
Seine Verdienste
um gründliches
Denken beruhen
vor allem auf
seiner Logik,
die 1713 zum
ersten Mal
erschienen ist
unter dem Titel
„Vernünftige
Gedanken von den
Kräften des
menschlichen
Verstandes und
ihrem richtigen
Gebrauche in
Erkenntnis der
Wahrheit“.
Dieses Werk, mit
dem er die
Darstellung
seiner
Philosophie in
deutscher
Sprache begann,
wurde zur
Grundlage der
Ausbildung
akademischer
Gymnasien und
Universitäten in
Deutschland in
der Logik, die
sich auf alle
Studenten
erstreckte
unabhängig
davon, ob sie
die Theologie,
die Jurisprudenz
oder die Medizin
zu ihrem
Brotstudium
erwählt hatten.
So wurde die
Lehre Wolffs von
der Klarheit,
Deutlichkeit und
Vollständigkeit
der Begriffe,
von den Sätzen
und von den aus
Sätzen
bestehenden
Schlüssen wie
auch seine
Anweisungen zu
ersprießlichen
Diskussionen zum
Allgemeingut der
akademisch
Gebildeten.
Dadurch kam ein
Niveau
argumentativen
Gedankenaustausches
zustande, wie es
vorher nicht
erreicht worden
war.
Wolff gebrauchte
in seinen
Schriften keine
Begriffe, die er
nicht genau
definiert (in
seinem noch bei
Kant üblichen
Sprachgebrauch:
„erklärt“)
hatte. Der
Philosoph
(„Welt-Weise“)
unterscheidet
sich für ihn von
einem gemeinen
Menschen
dadurch, daß er
jeweils den
Grund dafür
angeben kann,
weshalb er etwas
für möglich oder
wirklich hält.
In der
Fähigkeit, aus
stichhaltigen
Gründen zu
argumentieren,
besteht die
Gründlichkeit.
Und so ist nach
ihm Wissenschaft
„eine Fertigkeit
des Verstandes,
alles, was man
behauptet, aus
unwidersprechlichen
Gründen
unumstößlich
darzutun“
(Deutsche Logik,
§ 2).
Um ein Beispiel
von der
Geschliffenheit
Wolffscher
Definitionen zu
geben, sei auf
die Definition
für den Begriff
der
Vollkommenheit
im Unterschied
zu der bei
Aristoteles
anzutreffenden
verwiesen. Nach
Aristoteles
gehört zur
Vollkommenheit,
daß nichts
fehle, was zu
einer Sache
gehört. Bei
Wolff hingegen
besteht die
Vollkommenheit
in der
Zusammenstimmung
des
Mannigfaltigen. Man sieht, daß Aristoteles lediglich einen quantitativen
Begriff von
Vollkommenheit
hat, während der
Wolffsche
qualitativ ist,
der den
Aristotelischen
als Sonderfall
unter sich faßt,
den wir im
Deutschen
Vollständigkeit
nennen.
Wie schon die
Wolffsche
Ausarbeitung der
aristotelischen
Syllogistik
selbst auf
Studenten
gewirkt hat, die
gelegentlich
ihre Vorlesungen
geschwänzt
haben, sieht man
an der
trefflichen
Formulierung,
die Goethe in
seinem „Faust“
in der
Schülerszene
Mephistopheles
dafür finden
läßt:
Der
Philosoph, der
tritt herein
Und beweist
euch, es müßt so
sein.
Das Erst wär so,
das Zweite so
Und dann das
Dritt und Vierte
so,
Und wenn das
Erst und Zweit
nicht wär,
Das Dritt und
Viert wär
nimmermehr.“
So ist es
geradezu eine
klassische
Würdigung der
methodischen wie
begrifflichen
Gründlichkeit
Wolffs, wenn
Kant in der
Vorrede zur 2.
Auflage seiner
„Kritik der
reinen Vernunft“
1787 sagt:
„In der
Ausführung also
dieses Plans,
den die Kritik
vorschreibt, d.
i. im künftigen
System der
Metaphysik,
müssen wir
dereinst der
strengen Methode
des berühmten
Wolff, des
größten unter
allen
dogmatischen
Philosophen,
folgen, der
zuerst das
Beispiel gab
(und durch dies
Beispiel der
Urheber des
bisher noch
nicht
erloschenen
Geistes der
Gründlichkeit in
Deutschland
wurde), wie
durch
gesetzmäßige
Feststellung der
Prinzipien,
deutliche
Bestimmung der
Begriffe,
versuchte
Strenge der
Beweise,
Verhütung kühner
Sprünge in
Folgerungen der
sichere Gang
einer
Wissenschaft zu
nehmen sei.“
Was den
Fortschritt zu
freiem Denken
betrifft, also
die
Ingangsetzung
der Aufklärung
als des
„Ausgangs des
Menschen aus
seiner
selbstverschuldeten
Unmündigkeit“,
wie Kant 1784
unübertrefflich
definiert hat,
so besteht die
bahnbrechende
Erkenntnis
Wolffs in der
Loslösung der
Begründung der
Moral von der
Autorität Gottes
ebenso wie der
eines weltlichen
Oberherrn. In
seiner Ethik
„Vernünftige
Gedanken von der
Menschen Thun
und Lassen zur
Beförderung
ihrer
Glückseeligkeit“
von 1720 gründet
er die
Erkenntnis des
Gesetzes der
Sittlichkeit
allein auf die
Vernunft. Das
Sittengesetz
gilt, „wenn auch
gleich der
Mensch keinen
Oberen hätte,
der ihn dazu
verbinden
könnte, ja es
würde statt
finden, wenn
auch gleich kein
Gott wäre“ (§
20). Oder noch
einmal im § 24
seiner Deutschen
Moral: „Ja weil
wir durch die
Vernunft
erkennen, was
das Gesetze der
Natur haben
will; so
brauchet ein
vernünftiger
Mensch kein
weiteres
Gesetze, sondern
vermittelst
seiner Vernunft
ist er ihm
selbst ein ein
Gesetze.“
Ebenso finden
wir, wenn wir
Wolffs Deutsche
Politik von 1721
(„Vernünftige
Gedanken von dem
gesellschaftlichen
Leben der
Menschen und
insonderheit dem
gemeinen Wesen“)
aufschlagen,
auch dort die
Vernunft des
Menschen als
letzten Maßstab
der Beurteilung
von
Gesetzgebung,
Regierung und
Rechtsprechung.
Daher verlangt
er, daß die
bürgerlichen
Gesetze nichts
vorschreiben
dürfen, was der
Vernunft
widerspricht.
Daher sollen
auch solche,
„die im
Nachdenken
geübet und in
Rechts-Gründen
erfahren sind“,
dem Landesherrn
Vorschläge zur
Verbesserung der
bürgerlichen
Gesetze
unterbreiten.
So ist es gar
nichts anderes
als das
Philosophieren
Wolffs, das Kant
in seiner
Anmerkung in der
Vorrede zur
ersten Auflage
der „Kritik der
reinen Vernunft“
von 1781 vor
Augen hat, mit
der er den
Ausdruck
„Kritik“ im
Titel seines
Buches als
zeitgemäß
rechtfertigen
will:
„Unser Zeitalter
ist das
eigentliche
Zeitalter der
Kritik, der sich
alles
unterwerfen muß.
Religion durch
ihre Heiligkeit
und Gesetzgebung
durch ihre
Majestät wollen
sich
gemeiniglich
derselben
entziehen. Aber
alsdann erregen
sie gerechten
Verdacht wider
sich und können
auf unverstellte
Achtung nicht
Anspruch machen,
die die Vernunft
nur demjenigen
bewilligt, was
ihre freie und
öffentliche
Prüfung hat
aushalten
können.“
Wie konnte es zu
dieser
herausragenden
Leistung in
formaler und
inhaltlicher
Entwicklung der
Philosophie
kommen? Es
unterliegt
keinem Zweifel,
daß der Herkunft
Christian Wolffs
aus der
schlesischen
Metropole
Breslau dafür
eine große
Bedeutung
zukommt. Dort
wurde er am 24.
Januar 1679 als
das zweite von
sechs Kindern
des Rotgerbers
Christoph Wolff
und seiner
Ehefrau Anna,
geb. Giller,
geboren. Der
Vater unseres
Philosophen
hatte aus
wirtschaftlichen
Gründen das
Elisabeth-Gymnasium
als Primaner
verlassen
müssen. So
bestimmte er
seinen ersten
Sohn zum
Studium. Diese
väterliche
Intention wurde
durch Begabung
und Fleiß des
Sohnes
ungewöhnlich
unterstützt. In
seiner eigenen
Lebensbeschreibung
rühmt der
dankbare Sohn
seinen Eltern
nach, daß sie
ihm „von der
ersten Kindheit
an große Liebe
zur
Gerechtigkeit
..., auch einen
Eifer für die
Religion und
Gottesfurcht
beigebracht“
haben.
Da schon im
Elternhaus die
Religion
(evangelischen
Bekenntnisses)
Lebensmittelpunkt
war, mußte die
konfessionelle
Besonderheit
Schlesiens für
den
heranwachsenden
lernbegierigen
Jungen Stoff zum
Nachdenken
bieten. Diese
Besonderheit
Schlesiens war
dadurch
entstanden, daß
die Schlesier,
die zunächst
nach der
Reformation
Luthers dem
neuen Glauben
zugefallen
waren, im 17.
Jahrhundert
gegenreformatorischen
Maßnahmen aus
Wien ausgesetzt
wurden. So
bildete sich im
größten Teil
Schlesiens eine
Bikonfessionalität
von Katholiken
einerseits und
teils
lutherischen,
teils
reformierten
Evangelischen
andererseits
heraus, die zu
Gegensätzen,
Streitigkeiten
und Anpassungen,
aber auch zum
Nachdenken und
zum Wettstreit
im Erkennen und
im Lebenswandel
führte.
Dies zeigte sich
besonders im
Schulwesen der
Stadt Breslau,
die einerseits
Bischofssitz,
als Bürgerstadt
aber evangelisch
bestimmt war.
Den
herausragenden
Akademischen
Gymnasien zu
Elisabeth und
Maria Magdalenen
wurde ein
hervorragendes
Jesuitengymnasium
an die Seite
gestellt. Für
Wolffs Bildung
war diese
Doppelung des
Christentums in
seiner
Heimatstadt
geradezu
prägend. In
seiner
Lebensbeschreibung
hebt er hervor,
daß er „der
Katolicken
Predigten
fleißig besuchte
und ihren
Kirchenfesten
beywohnete, ...,
weil ich ihre
Religion recht
wollte kennen
lernen, nicht
aus dem, was
ihre Gegner
sagen“.
Seine
unvoreingenommene
Wahrheitsliebe
führte auch den
angehenden
Philosophen
dazu, in der
Mathematik das
methodische
Hilfsmittel zu
suchen, den
richtigen
Glauben
herauszufinden.
Darin bestärkte
ihn sein großer
Lehrer Caspar
Neumann
(1649-1715),
Sohn eines
Breslauer
Ratsbeamten, der
wie Leibniz bei
Weigel in Jena
studiert und
sich dabei auch
in Mathematik
und Physik
ausgebildet
hatte. Neumann
hat Wolff 1699,
als er sich
verabschiedete,
um mit einem
Ratsstipendium
der Stadt
Breslau nach
Jena zum Studium
zu gehen, mit
dem Ausspruch
entlassen: „Rara
avis Theologus,
Physicus et
Mathematicus“.
Wolff war darauf
aus, ein solcher
„seltener Vogel“
zu werden.
Neumann war
nicht nur ein
auch bei der
Jugend
ungewöhnlich
beliebter
Prediger,
sondern seit
1697 als Schul-
und
Kircheninspektor
der Stadt
Breslau eine
tonangebende
Persönlichkeit
in dieser für
damalige
Verhältnisse
großen Stadt.
Nimmt man noch
den
Altphilologen
Christian
Gryphius, Sohn
des berühmten
Barockdichters
Andreas
Gryphius, hinzu,
so wird
deutlich, daß
Christian Wolff
in Breslau auch
durch das Niveau
seiner Lehrer
begünstigt war.
Da Schlesien
seit den Zeiten
des
Späthumanismus
im ausgehenden
15. und im 16.
Jahrhundert eine
führende
deutsche
Kulturlandschaft
war, die im
Barockzeitalter
mehr Dichter
hervorgebracht
hat als das
ganze übrige
Deutschland, so
konnte Wolff
auch an eine
literarische
Spitzenstellung
im Raum der
deutschen
Sprache
anknüpfen, die
seinem in der
Muttersprache
abgefaßten
philosophischen
System einen
leichten Eingang
bei den
Gebildeten
Deutschlands
sicherte. Daß er
seine ganze
Philosophie
zuerst in
deutscher
Sprache (später
für die
Gelehrten des
Auslands auch
lateinisch)
abgefaßt hat,
bewirkte in
Deutschland
einen
Bildungsaufschwung,
wie er zuvor
durch die
Bibelübersetzung
Luthers und
danach
allenfalls noch
durch die
inhaltlich auf
dem Boden der
Humanitätsideale
der Wolffschen
Philosophie
stehende
klassische
Literatur der
Lessing, Goethe,
Schiller,
Hölderlin und
Kleist
hervorgerufen
wurde.
Zu seiner großen
Wirkung trug
freilich auch
sein Schicksal
bei. Nachdem er
1721 in seiner
„Rede über die
Moralphilosophie
der Chinesen“ (Oratio
de sinarum
philosophia
practica) auch
noch den
empirischen
Nachweis dafür
geliefert hatte,
daß Konfuzius
bereits 400
Jahre vor Jesus
von Nazareth die
richtigen
sittlichen
Forderungen für
den Menschen
aufgestellt
hatte, das
Sittengesetz
also nicht erst
durch die
christliche
Offenbarung in
die Welt
gekommen sein
konnte, war für
seine
theologischen
Kollegen August
Hermann Francke
und Joachim
Lange das Maß
voll. Sie, denen
durch den großen
Anklang, den
Wolffs
Vorlesungen
fanden, die
Einnahmen aus
Hörergeldern
drastisch
geschmälert
worden waren,
erreichten bei
König Friedrich
Wilhelm I. im
Herbst 1723 die
lang ersehnte
Amtsenthebung
und
Landesverweisung
des Philosophen
aus Preußen
unter Androhung
des Todes durch
den Strang.
Wolff, der zuvor
eine Anfrage des
Landgrafen von
Hessen-Kassel
erhalten hatte,
ob er nicht an
die Universität
Marburg kommen
wolle, begab
sich eilig nach
Hessen und wurde
nun Professor
für Philosophie,
Mathematik und
Physik in
Marburg, bis ihn
Friedrich der
Große noch 1746
nach Halle
zurückberief.
Die Marburger
Universität kam
durch diesen
Märtyrer der
Wahrheit erst in
Blüte. Die Zarin
von Rußland, die
ihn zu gern in
St. Petersburg
gehabt hätte und
mit deren
Vollmacht er
viele deutsche
Gelehrte an die
Petersburger
Akademie
vermittelte,
schickte ihm
auch russische
Studenten nach
Marburg, die er
geradezu
väterlich
betreute. Unter
ihnen war auch
Lomonossow, nach
dem die Moskauer
Universität
benannt ist. In
Marburg schrieb
nun Wolff seine
gesamte
Philosophie noch
einmal in
erweiterter Form
auf lateinisch,
um in der ganzen
gelehrten Welt
wirken zu
können. Sein
Ruhm verbreitete
sich in ganz
Europa sowohl
durch sein
Schicksal wie
durch die
Klarheit seiner
Lehren. Wolffs
Rückkehr nach
Halle –
Friedrich, der
sich als
Kronprinz durch
die Lektüre der
Werke Wolffs
gebildet hatte,
hätte ihn noch
lieber in Berlin
in führender
Stellung bei der
Akademie gehabt
– gestaltete
sich durch die
Begeisterung der
Studenten zu
einem Triumphzug
durch das
Saaletal.
Und als er 1754
gestorben war,
würdigte der
berühmte
Lehrbuchautor
der Wolffschen
Schule Georg
Friedrich Meier
in seinen
„Betrachtungen
bei dem Tode des
Freiherrn von
Wolff“ diesen
Praeceptor
Germaniae et
Europae mit den
Worten: „Gott
sprach, es werde
Licht in der
Weltweisheit,
und es ward
Wolff.“
Lit.:
Christian Wolff,
Gesammelte
Werke. In drei
Abteilungen.
Herausgegeben
und bearbeitet
von Jean Ecole,
J. E. Hofmann,
M. Thomann und
Hans Werner
Arndt. Georg
Olms Verlag,
Hildesheim,
Zürich, New York
1965ff. – Werner
Schneider
(Hrsg.),
Christian Wolff
1679-1754.
Interpretationen
zu seiner
Philosophie und
deren Wirkung.
Hamburg 1983. –
Jean Ecole, La
métaphysique de
Christian Wolff.
Hildesheim,
Zürich, New York
1990. – Eberhard
G. Schulz, Durch
Selbstdenken zur
Freiheit.
Beiträge zur
Geschichte der
Philosophie im
Zeitalter der
Aufklärung.
(Darin mehrere
Beiträge zu
Christian
Wolff.)
Hildesheim,
Zürich, New York
2005.
Eberhard Günter
Schulz