Den in
Marxstadt
(heute Marx)
in der
wolgadeutschen
Republik
geborenen
Hugo
Wormsbecher
traf 1941
das
Schicksal
der
Aussiedlung
nach
Westsibirien,
wo er in
Barnaul im
Altai die
Schule
besuchte und
seinen
Militärdienst
absolvierte.
1962
übersiedelte
er nach
Kasachstan,
nach
Alma-Ata.
Dort
arbeitete er
zunächst als
Elektrotechniker,
dann als
Techniker im
Holzschlag,
bevor er
Deutsch und
Sport
unterrichtete.
Ab 1965
erfolgte die
Mitarbeit an
der Zeitung
Freundschaft
aus Alma-Ata
und ab 1969
an der
Zeitung
Neues Leben
aus Moskau.
Der
Absolvent
der Fakultät
für
Redakteure
des Moskauer
Polygraphischen
Instituts
wurde 1969
in den
Journalistenverband
aufgenommen.
In Moskau
lebt und
wirkt Hugo
Wormsbecher
noch heute.
Wie kaum ein
anderer
suchte
Wormsbecher
in seinen
literarischen
Arbeiten,
die Traumata
seiner vom
Totalitarismus
des 20.
Jahrhunderts,
von den
Verbrechen
Hitlers und
Stalins so
sehr
betroffenen
Landsleute
zu
bewältigen,
die immer
noch oft als
unerwünschte
Belastung
diskriminiert
werden,
sowohl in
ihrer alten
Heimat
Russland und
den
GUS-Staaten
als auch in
der neuen
Heimat
Deutschland.
Dem Vorwurf
der
Kollaboration
mit dem
faschistischen
Aggressor –
Stalins
Vorwand, um
die
Wolgadeutschen
und neben
ihnen noch
ein Dutzend
weiterer
Völker mit
Verbannung
und
Zwangsarbeit
zu
„bestrafen“
– suchte
Wormsbecher
mit der
Schilderung
der
außergewöhnlichen
Loyalität
seiner
Landsleute
ihrer Heimat
gegenüber zu
begegnen.
Sein 1986 zu
Beginn der
Perestrojka-Politik
Gorbatschows
im
Raduga-(Regenbogen-)Verlag
Moskau
erschienener
Prosaband
Unser Hof
beginnt
symbolisch
mit der
Erzählung
Deinen Namen
gibt der
Sieg dir
wieder.
Um der
Verbannung
zu entgehen
und den
Arbeitskonzentrationslagern
zu
entkommen,
kämpften
einige
Russlanddeutsche
„freiwillig“
in der Roten
Armee, aber
unter
falschen,
d.h. nicht
deutschen
Namen. Ein
solcher
„Held“ von
Stalins
Gnaden ist
Paul
Schmidt, die
Hauptgestalt
dieser
bekannten
Erzählung.
Nach dem
Sieg über
die
Faschisten
offenbart
sich Paul
Schmidt, der
unter einem
aserbaidschanischen
Namen,
Achmedytsch
Achmedow,
als Sergant
gedient
hatte,
seinen
vorgesetzten
Ofizieren
als
Russlanddeutscher.
Wenn diese
Erzählung
auch einige
rührselige
Klischees
von
Männerfreundschaft
nicht
vermeidet,
widerspricht
sie doch
couragiert
der
Kollektivschuldthese.
Weniger
glücklich
wirkt
dagegen die
Erzählung
Im Feuer
gestählt,
in der der
russlanddeutsche
Partisan
David Schulz
„junge
Waghälse“,
wie er
selbst einer
gewesen war,
ausbildet.
Die Figur
des David
Schulz wirkt
durchgehend
schablonenhaft.
Weit heikler
und
abgründiger
als diese
wohlgemeinten
Heldendichtungen
sind
Wormsbechers
Bemühungen,
dem im
Stalinismus
erlittenen
Unrecht
seiner
Landsleute
gerecht zu
werden. In
einer seiner
besten
Prosaarbeiten
des Bandes
Unser Hof
schildert er
aus der
Perspektive
des Kindes
Fritz, wie
dessen
Familie dem
Terror zum
Opfer fällt.
Der Vater,
ein Lehrer,
wird
deportiert
und in ein
Arbeitslager
zum
Holzfällen
gebracht.
Dort
erleidet er
einen
schweren
Unfall, wird
gelähmt und
erblindet
nach Hause
zurück
gebracht, um
dort zu
sterben,
ohne von
Fritz wieder
als Vater
erkannt zu
werden. Die
mit drei
Kindern
Arno, Fritz
und
Mariechen
allein
gebliebene
Mutter wird
nach einiger
Zeit zur
Kommandantur
bestellt, um
auf
Arbeitsfähigkeit
in einem
Lager
überprüft zu
werden. Zwar
entlässt man
sie, doch
stirbt sie
an den
Folgen der
Erfrierungen,
die sie sich
auf dem
Gewaltmarsch
nach Hause
zuzieht. Die
Schwester
Mariechen
wird Opfer
eines
Wolfsrudels,
das den
Pferdeschlitten
anfällt, mit
dem ein
gutmütiger
Bekannter,
Großväterchen
Semjonytsch,
die drei
Waisen in
den
Nachbarort
bringen
will. Bruder
Arno
verlässt
Großväterchen
Semjonytsch,
um seine
richtigen
Großeltern
zu suchen.
Das allein
gebliebene
Fritzchen
erkrankt vor
Kummer und
hat
Traumvisionen,
die es noch
einmal in
sein
Vaterhaus
„unseren
Hof“ an
der Wolga
zurückführt,
wo die ganze
Familie vor
seinem
geistigen
Auge
erscheint,
selbst der
Großvater,
ein Held aus
Zeiten des
Bürgerkrieges,
der von den
Weißen
erhängt
wurde – ein
bitteres
Ende, denn
dieser
Kämpfer für
ein besseres
Leben in
einem
besseren
Land hätte
selbst in
seinen
schlimmsten
Befürchtungen
sich niemals
vorstellen
können, dass
seine
Familie
einst
verfolgt
sein würde
vom zum
Stalinismus
verkommenen
Ideal seines
Lebens und
Sterbens.
Die poetisch
dichteste
Erzählung
dürfte
Ein Haus für
dich
sein. Ein
realsozialistischer
Parzival und
Don
Quichotte in
ein und
derselben
Gestalt baut
ein Haus wie
ein
Heiligtum
für seine
große Liebe.
Doch vor
lauter
Arbeit
versäumt er
es, seine
Liebe zu
offenbaren
und muss
zweimal
erleben, wie
seine
Angebetete
in
unglückliche
Beziehungen
schlittert.
Dieses
Prosastück
ist auch
eine
Anspielung
auf die
Gefahren,
welche die
Tugenden der
Russlanddeutschen
–
Tüchtigkeit,
Ausdauer und
eiserner
Arbeitseifer,
selbst und
härtesten
Bedingungen
– in sich
bergen. Ihr
bescheidener
Wohlstand,
ihre
Häuschen,
Gärten und
später auch
Autos
fördern
mitunter den
Vertreibungsdruck,
da nicht
wenige –
häufig
Funktionäre
– billig an
diese
Früchte des
Fleißes der
Russlanddeutschen
kommen
wollen.
In seinen
Reportagen,
die den
mühsamen
Aufstieg der
hart
arbeitenden
Russlanddeutschen
zum Thema
haben, zollt
Wormsbecher
– wie nicht
anders zu
erwarten –
dem Schema
vom
positiven
Helden der
sozialistischen
Alltagsaufbauarbeit
Tribut, wenn
es
allerdings
bei ihm auch
„gleichberechtigte“
Russlanddeutsche
sind. Doch
auch hier
fehlen die
Spitzen
nicht ganz,
wenn etwa im
Kolchos des
„großen
Vorsitzenden“
Friedrich
Schneider,
die auf
Kosten des
Kolchos
ausgebildeten
Jugendlichen
anderen
Betrieben
zugeteilt
werden.
Damit werden
die
erwirtschafteten
Güter des
Kolchos
ihren
Mitgliedern
weggenommen
und
administrativ
weniger
ertragreichen
Betrieben
zugeschanzt:
Eine offene
Form der
Ausbeutung
unter der
Losung
gegenseitiger
Hilfeleistung,
von oben
diktiert.
Genauso
ernst wie
sein eigenes
Werk hat
Hugo
Wormsbecher
die
Herausgabe
des 1981 bis
1989 zweimal
jährlich
erscheinenden
Literaturalmanachs
Heimatliche
Welten
genommen.
Hier
veröffentlichte
er in zehn
Folgen
Gerhard
Sawatzkis
Schlüsselroman
der
Russlanddeutschen
Wir
selbst,
der schon
1938 im
Druck
vorlag, dann
verboten
wurde und
die
Verschleppung
des Autors
in ein
sibirisches
Arbeitslager
nach sich
zog, in dem
Sawatzki im
Dezember
1944, nach
sechs
qualvollen
Jahren,
elendig
zugrunde
ging. Dieser
Almanach war
auch ein
Forum sowohl
altbewährter
Autoren wie
Woldemar
Ekkert, Lew
Malinowski,
aber auch
junger
Autoren wie
Katharina
Töws. Seine
Einstellung
Ende der
1980er
Jahre, als
die
Perestrojka
vieles
Ungesagte
nun auch für
die
Russlanddeutschen
sagbar und
gestaltbar
machte, war
ein herber
und bis
heute nicht
zu
verschmerzender
Verlust für
das gesamte
russlanddeutsche
Geistesleben.
Neben der
schriftstellerischen
und
journalistischen
Arbeit darf
Wormsbechers
Engagement
für die
Autonomiebewegung
der
Russlanddeutschen
nicht
unerwähnt
bleiben.
Ohne ein
Gebiet mit
lebendiger
deutscher
Umgangssprache
– wie es
vormals die
Wolgadeutsche
Republik und
die
deutschsprachigen
Rayons
(Bezirke)
gewesen
waren,
schien ihm
eine
Bewahrung
und
Fortführung
der
russlanddeutschen
Kultur kaum
möglich.
Einzelne
Gruppen
aktiver
Russlanddeutscher
schlossen
sich 1989
zur
Allunionsgesellschaft
der
Sowjetdeutschen
‚Wiedergeburt‘
für Politik,
Kultur und
Bildung
– kurz
Wiedergeburt
genannt –
zusammen.
Sie zielten
auf die
Bewahrung
der
russlanddeutschen
Kultur, die
volle
Rehabilitierung
der
Deutschen,
Wiederherstellung
der
autonomen
Republik an
der Wolga
und der
nationalen
Landkreise
in Gebieten
mit kompakt
siedelnder
deutscher
Bevölkerung
ab.
Auffassungen
gerade über
den letztere
Punkte
führten
indes zur
Spaltung der
Wiedergeburt.
Unter
Leitung des
bisherigen
Vizepräsidenten
Wormsbecher
wurde 1991
der
Verband der
Deutschen in
der UdSSR
gegründet,
der später
in
Zwischennationaler
Verband der
Deutschen in
der GUS
umbenannt
wurde. Die
beiden heute
vorhandenen
autonomen
Rayons der
Russlanddeutschen
in
Westsibirien,
Halbstadt
und Assowo,
sind für
Wormsbecher
ein
vielversprechender
Anfang.
Hugo
Wormsbecher,
der als Fels
in der
Brandung
russlanddeutscher
Vergangenheitsbewältigung
und als
Zukunftshoffnung
gilt, konnte
sich bei all
seinen
Aktivitäten
allerdings
nicht
zerreißen in
einen
Herausgeber,
einen Autor,
einen
Journalisten
und einen
Kämpfer für
die
Autonomie
der
Russlanddeutschen.
Den
Bestrebungen
der
Stablisierung
der
„Daheimgebliebenen“
in der alten
Heimat
Russland
widmet er
zur Zeit
alle seine
Kräfte, doch
ist zu
hoffen, dass
er eines
Tages wieder
zur Feder
greifen wird
und seine
Erfahrungen
– gerade
auch
hinsichtlich
der
Bemühungen
um eine
gleichberechtigte
Autonomie
der
Russlanddeutschen
mit den
anderen 153
Völkerschaften
der
ehemaligen
Sowjetunion
–
literarisch
Gestalt
annehmen
lasssen
wird.
Bild:
Kulturstiftung.
Ingmar
Brantsch