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Constantin Wurzbach
Ritter von Tannenberg entstammte einem in Deutschland weitverzweigten
Geschlecht, das seinen Ursprung, soweit dies bislang sicher
zurückverfolgt werden kann, in einem evangelischen Pfarrhaus des frühen
17. Jahrhunderts im ehemals reußischen Ort Wurzbach hatte. Mit vielen
Talenten begabt, wuchs er in einem gutsituierten Elternhaus heran, das
auf der Höhe der Bildung seiner Zeit stand. Sein Vater Maximilian war
ein angesehener Laibacher Rechtsanwalt, der Gedichte publizierte. Seine
Mutter Josefine, geb. Pinter, war die einzige Tochter eines wohlhabenden
Laibacher Kaufmannes. Im kinderreichen Hause mit zehn Söhnen und einer
Tochter, wo in mehreren Sprachen Konversation gepflegt wurde, waren vor
allem Schriftsteller und Dichter gern und häufig gesehene Gäste.
Wiederholt weilte dort in geselliger Runde auch France Freieren, der
große slowenische Dichter.
Nach dem Willen des
Vaters sollten alle Söhne das Studium der Rechte absolvieren und dazu
die Fertigkeiten eines Handwerks erwerben. Von 1828 bis 1833 besuchte
Constantin das Gymnasium in Laibach und durchlief von 1834 bis 1835 die
sich anschließenden philosophischen Studien. Daneben erlernte er das
Handwerk eines Schuhmachers. Das Jurastudium in Graz, das er danach dem
Wunsche des Vaters entsprechend
aufnahm, behagte ihm jedoch trotz vorzüglicher Leistungen auf die Dauer
nicht sonderlich. Er folgte dem Beispiel seines Großvaters und entschloß
sich für die militärische Laufbahn. Im September 1837 trat er in Krakau
in das galizische Regiment Graf Nugent ein. Im Frühjahr 1841 kam er als
Unterleutnant nach Lemberg in Galizien. Aufgrund denkbar schlechter
Beförderungsaussichten begann er, neben seinem Dienst Philosophie zu
studieren. Am 6. Juli 1843 promovierte er in Lemberg als Offizier - dies
war der erste Fall in der Armee - zum Doktor der Philosophie. Noch im
gleichen Jahr wechselte er in den zivilen Staatsdienst über und wurde
Scriptor in der Lemberger Universitätsbibliothek. Sein Vater schrieb ihm
daraufhin, er möge Scriptor ins Deutsche übersetzen, dann wisse er, was
er sei. Wurzbachs wiederholte Bemühungen, einen Lehrstuhl für
Philosophie und Geschichte zu erlangen, waren aufgrund zu vieler älterer
Bewerber vergeblich.
Entscheidend für
Wurzbachs Zukunft war die Begegnung mit Graf Franz Stadion. Im liberal
gesinnten Grafen, seit Juli 1847 Gouverneur von Galizien, schien er
einen Förderer gefunden zu haben. Wurzbach wurde als Mitarbeiter in die
Redaktion der Lemberger Amtlichen deutschen Zeitung berufen. Im
Oktober 1848 begleitete er Stadion als Korrespondent nach Olmütz und
Kremsier. In Olmütz war er Mitbegründer und Mitredakteur des
Österreichischen Correspondenten. Im Dezember 1848 folgte er Stadion
ins Innenministerium als Archivar. Im April 1849 wurde er von Stadions
Nachfolger Freiherrn von Bach zum Leiter der auf seine Anregung hin
gegründeten administrativen Bibliothek ernannt. 1859 erhielt er den
Titel eines Ministerialsekretärs und 1869 den eines Regierungsrates im
Ministerium des Inneren. 1873 ließ er sich aus gesundheitlichen Gründen
beurlauben und übersiedelte nach Berchtesgaden.
Wurzbach bezeichnete
sein eigenes Wirken als schriftstellerische Tätigkeit auf poetischem,
literar- und kulturhistorischem und biographischem Gebiet. Andere sehen
ihn als Dichter und Schriftsteller, als Bibliographen und vor allem als
Lexikographen an. In seinem Leben, das von unaufhörlicher Arbeit und
Sammlerfleiß geprägt war, verfaßte er an die 30 Prosawerke und unzählige
Gedichte. Nur einige wenige können an dieser Stelle genannt werden.
Schon in frühester Jugend, inspiriert von der Poesie Lenaus und Anton
Alexander Graf von Auerspergs (Anastasius Grün), schrieb er gemeinsam
mit seinem ältesten Bruder Karl - beide gehörten damals zum Kreis der
freiheitlich gesinnten Jugend - deutsche Gedichte. Mehrere erschienen
bereits 1834 in den Illyrischen Blättern. 1835 veröffentlichte er
selbständig ein eigenes Gedicht, das er einem seiner Professoren
widmete. 1837 publizierte er seine Übersetzung eines Sonetts von
Betteloni. Mosaik, eine erste größere Sammlung epischer und
lyrischer Gedichte, dem Vater gewidmet, der die poetischen Neigungen
seines Sohnes von Anfang an „auf das strengste perhorreszierte", gab er
1840 in Krakau als Kadett unter dem Pseudonym W. Constant heraus. Die
Verletzung der Zensurbestimmngen brachte ihm einen Verweis ein. Zu
seiner bekanntesten Prosa gehören Das Elisabethen-Buch - Festalbum
denkwürdiger Fürstinnen (Wien 1854), Das Schiller-Buch (Wien
1859), Der Schiller-Kalender (anonym, Wien 1859), Habsburg und
Habsburg-Lothringen. Eine biographisch-genealogische Studie (Wien
1861), das Mozart-Buch (Wien 1869) und andere. Er war Mitautor,
beteiligte sich an Literaturpreisausschreiben und übersetzte mehrere
fremdsprachige Werke ins Deutsche. Wurzbach konnte 17 Sprachen und sah
sich selbst „als einen dem deutschen Volk gegenüber auch vermittelnd
tätigen Übersetzer". Während seines langjährigen Wirkens in Galizien
gewann er einen tiefen Einblick in die reiche Literatur der Polen.
Damals begann er polnische und ukrainische Sprichwörter und Aphorismen
zu sammeln, später auch die der Litauer, der Serben und Slowenen. Aus
jener Zeit stammen die Übersetzung des polnischen Romans Der Dichter
und die Welt (Leipzig 1846) von J.J. Kraszewski, Die Volkslieder
der Polen und Ruthenen (Lemberg 1846), Die Sprichwörter der Polen
und Ruthenen. Erläutert und mit ähnlichen anderer Nationen
verglichen (Lemberg 1846). Wurzbach war, bedingt durch zahlreiche
Begegnungen mit slowenischen Literaten im Elternhaus, dem Slawentum
gegenüber aufgeschlossen, zumal er seit früher Kindheit die slowenische
Sprache beherrschte. Einen Namen als Bibliograph machte sich Wurzbach
während seiner Tätigkeit im Innenministerium. Dort erkannte man bald
sein Organisationstalent und seine ausgeprägte Gabe für Systematik.
Gemäß dem zentralistischen Programm nach den Ereignissen vom März 1848
gelangte in die Bibliothek je ein Pflichtexemplar aller publizierten
Druckerzeugnisse aus allen Druckereien des Landes. Um sich einen
Überblick über die geistigen und politischen Strömungen in den einzelnen
Kronländern zu verschaffen, wurde Wurzbach mit der Klassifizierung der
nahezu 50000 Druckausgaben und der Veröffentlichung des Ergebnisses
beauftragt. Zur gleichen Zeit verfaßte er die
Bibliographisch-Statistische Übersicht der
Literatur des österreichischen Kaiserhauses. Damals rief Wurzbach
die Österreichische Bibliographie ins Leben, die Vorläuferin der
Österreichischen Buchhändlercorrespondenz. Diese erreichte jedoch
zu keiner Zeit Wurzbachs Ausführlichkeit und dessen gleichberechtigte
Behandlung fremdsprachiger Publikationen. Wurzbachs größtes und in
seiner Bewältigung einzigartiges Werk war das Biographische Lexicon
des Kaiserthums Österreich (Wien 1856-1891), das seine übrige
literarische Tätigkeit etwas in den Hintergrund gerückt hat. Es enthält
24254 Lebensskizzen von denkwürdigen Personen, die zwischen 1750 und
1850 in den österreichischen Kronländern geboren wurden oder darin
gelebt und gewirkt haben. Etwa zwei Drittel davon sollen nach Wurzbachs
eigenen Angaben erstmalig lexikalisch erfaßt worden sein. Wurzbach hielt
am Einheitsstaat von 1855 fest und berücksichtigte bis zum Schluß
Länder, die längst nicht mehr der Monarchie angehörten.
Umfangreiche Literaturangaben, Hinweise auf Porträts, Nennung des
Kaufpreises bei Gemälden, Wiedergabe der Inschriften von Denkmälern und
Epitaphien, zahlreiche ausführliche beschreibende und tabellarische
Genealogien und Wappenblasonierungen bei
Angehörigen des Adels sprengten ständig den vorgegebenen Rahmen. So
wuchs das ursprünglich auf sechs, dann auf zwölf Bände konzipierte
Vorhaben aufgrund des umfangreichen Materials schließlich auf 60 Bände
an. Jeder Band ist durch mehrere unterschiedliche und sehr ausführliche
Personenregister erschlossen. Ungeachtet einiger Mängel sind die
Bedeutung und der Wert des Lexikons unbestritten. In vielen namhaften
Bibliotheken des In- und Auslandes hat der Wurzbach immer noch als das
biographische Standardwerk seinen Platz. Vielfach ist es die einzige
Quelle. Niemandem gelang es bislang als einzelnem - trotz des
unaufhaltsamen technischen Fortschritts seither - eine ähnliche Leistung
zu.vollbringen.
Wurzbach war zweimal
verheiratet. Aus erster Ehe (1843) mit Antonie Hinzinger stammten die
Kinder Alfred, Dr. phil., Kunsthistoriker und Kunstkritiker, Theodore,
dramatische Künstlerin (Schauspielerin), und Franz, Dr. jur.,
Rechtsanwalt. Aus zweiter Ehe (1874) mit Karola Varga entstammte die
Tochter Constanze; sie wird als Klaviervirtuosin bezeichnet. Trotz
seiner vielen Arbeit
war Wurzbach ein fürsorglicher
Vater, der stets genügend Zeit für seine Kinder fand. Mit ihnen
unternahm er zahlreiche Bildungsreisen, die er penibel archivierte und
auf Heller und Pfennig belegte. Wurzbachs ganzes Streben galt jedoch der
Vollendung des Lexikons. Der Tagesablauf war genauestens festgelegt.
Trotz Krankheit und manch anderer Schwierigkeit war das gigantische Werk
am 3. Juli 1891 schließlich vollbracht. Damals setzte er ans Ende des
60. Bandes folgenden Vierzeiler:
Gottlob, das große Werk
ist nun zu Ende,
Es war daran, daß ich es
nicht vollende –
Ich
ganz allein schrieb diese
sechzig Bände!
Lexikonmüde ruhen aus
die Hände.
Wurzbach war Inhaber
zahlreicher in- und ausländischer Auszeichnungen. In Anerkennung seiner
schriftstellerischen Verdienste wurden ihm vom Kaiser das Ritterkreuz
des Franz Josephs-Ordens und 1874 das Ritterkreuz des Ordens der
eisernen Krone dritter Klasse verliehen. Mit dieser Verleihung war
Wurzbachs Erhebung in den erblichen österreichischen Ritterstand unter
der Beibehaltung des Prädikates „von Tannenberg" verbunden. Wurzbachs
literarische Leistung war nicht die Frucht seiner vielseitigen Talente -
er konnte auch zeichnen und sicherlich auch musizieren -, sie war das
Ergebnis seiner enzyklopädischen Bildung und eisernen Disziplin, seines
rastlosen Schaffens und des damit verbundenen Verzichts. Obwohl allem
Fremden stets objektiv und aufgeschlossen gegenüberstehend, lebte er in
deutschen Traditionen und blieb - trotz mancher Enttäuschung - mit
ganzem Herzen österreichischer Patriot. Seine letzte Ruhestätte fand
dieser große Mann auf dem Friedhof zu Berchtesgaden, wie die Inschrift
sagt „fern dem Vaterlande, welches dankbar seiner gedenkt".
Lit.:
K. Glossy, in: Allgemeine Deutsche Biographie 55 (1910). - R. Adolph,
in: Börsenblatt für den deutschen Buchhandel 42 (1956). - N.
Gšpan-Prašelj, in: Slovenski biografski leksikon (Das slowenische
biographische Lexikon), Ergänzungsausgabe.
Attila von Wurzbach
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