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Wohl kaum ein
Abiturient, der heute mehr oder weniger mühsam das „Zeugnis der Reife"
erlangt, ahnt, wem er diese Mühsal „zu verdanken" hat. Es ist derselbe,
auf den Richard von Weizsäcker in einer Festrede als Vorbild echt
preußischer Zivilcourage hinwies. Wer war dieser Mann?
Karl Abraham Freiherr
von Zedlitz und Leipe wurde noch als österreichischer Untertan als
zweites Kind von fünf Geschwistern geboren. Seine Mutter, Freifrau Eva,
eine geborene Freiin von Czettritz, hatte sich zur Niederkunft in ihr
Elternhaus begeben. Seine Kindheit verbrachte Karl Abraham auf dem
väterlichen Rittergut Kapsdorf an der Weistritz, in der weiten
fruchtbaren mittel-schlesischen Ebene, nördlich des Zobtenberges
gelegen. Kapsdorf war seit 1647 in dritter Generation im Besitz des
alten schlesischen Geschlechtes derer von Zedlitz, das sich rühmte,
schon 1241 bei Liegnitz gegen die Mongolen gefochten zu haben. Der
Vater, Karl Sigismund Freiherr von Zedlitz, das siebente von 14
Geschwistern, wurde unter Friedrich dem Großen Landrat von Schweidnitz.
Als Karl Abraham zehn Jahre alt war, wurde Schlesien preußisch, was der
weithin evangelische Adel des Landes freudig begrüßte. Der Jüngling
besuchte ein Jahr lang die Ritterakademie zu Brandenburg, wechselte dann
aber auf das damals berühmte „Collegium Carolinum" in Braunschweig über.
Hier erhielt er, besonders durch den das Carolinum leitenden Abt
Jerusalem, das geistige Rüstzeug, die ethische Prägung und die
Grundlagen einer umfassenden Bildung, die für sein ganzes späteres Leben
bestimmend werden sollten. Insbesondere waren es die Ideen der
Aufklärung, wie sie am Carolinum vermittelt wurden, die sein Denken und
Handeln fortan entscheidend beeinflußten. Während seines anschließenden
Studiums der Rechts- und Staatswissenschaften an der Universität Halle
kam es zu einer ersten persönlichen Begegnung mit dem Großen König, der
ihm das Studium des englischen Philosophen Locke ans Herz legte. Nach
Abschluß des Studiums führte Zedlitz sein Lebensweg in seine schlesische
Heimat zurück, wo er mit 25 Jahren, nach dem Tode des Vaters, das Gut
Kapsdorf übernahm. Trotzdem versagte er sich nicht dem Staatsdienst.
1759, mit 28 Jahren, war er bereits Oberamts- und Konsistorialrat in
Breslau. Zwei Jahre später heiratete er eine Nachbarstochter, die gerade
15 Jahre alt gewordene Christiane von Schickfuß aus Rankau. Die Ehe
blieb sehr lange kinderlos, erst auf den Tag genau 20 Jahre nach der
Hochzeit wurde dem Ehepaar der einzige Sohn und Erbe geboren.
1764, Zedlitz war 33
Jahre alt, wurde er Präsident der Regierung in Breslau und schon sechs
Jahre später holte ihn der König als Geheimen Staats- und Justizminister
nach Berlin, wo er ein Haus vor dem Königstore bezog. Seit 1771 war er
gleichzeitig Minister des Geistlichen Departements in Kirchen- und
Schulsachen und wurde als solcher der Reorganisator des gesamten Volks-
und höheren Schulwesens in Preußen. Dabei gründete er 1787 das
Ober-Schulkollegium, die höchste Schulbehörde in Preußen. Besonderes
Augenmerk legte er auf die Ausbildung qualifizierter Lehrer. Das
philologische Seminar in Halle und das pädagogische Seminar in Berlin
sind sein Werk und seine Gründung. Zwei Jahre lang ließ Zedlitz von den
verschiedensten Kapazitäten an den preußischen Universitäten Gutachten
über eine Reifeprüfung erarbeiten, die allein zum Studium an den
Hochschulen berechtigen sollte. Auch Immanuel Kant im fernen Königsberg,
der dem Minister in Freundschaft verbunden war und ihm „in tiefster
Verehrung" seine „Kritik der reinen Vernunft" widmete, legte seine
Meinung zu diesem Projekt nieder. 1789 wurden durch königliches Edikt
für jede Provinz Prüfungskommissionen eingesetzt, die ab Ostern
desselben Jahres an allen Gymnasien die von da ab erforderlichen
Abiturientenexamen abnahmen.
Es würde zu weit führen,
das umfangreiche Wirken dieses rastlosen Mannes in seinen mehr als
dreißig Dienstjahren vollständig darzustellen. Sein Charakter, sein
Fleiß (noch als Minister lernte er Griechisch!), sein umfassendes
Wissen, seine ungewöhnlich vielseitigen Interessen und Fähigkeiten auch
auf musischem Gebiet, trugen ihm die Achtung, ja Verehrung vieler
Zeitgenossen ein, an ihrer Spitze Friedrichs des Großen selbst, der
Zedlitz fachlich und menschlich hochschätzte. Nicht immer war das
Verhältnis der beiden Männer zueinander ungetrübt. So wurde Zedlitz
damals weit bekannt durch sein mannhaftes Auftreten dem König gegenüber
in dem berühmten Prozeß des Müllers Arnold. Seinem Gewissen und der
genauen Kenntnis der Rechts- und Aktenlage folgend, verweigerte er den
Gehorsam einem Befehl Friedrichs gegenüber, dessen Ausführung eine
Rechtsbeugung bedeutet hätte. „Über meinen Kopf können Majestät
jederzeit befehlen, nicht aber über meine Ehre!", antwortete er seinem
aufgebrachten König, nachdem dieser ihm bedeutet hatte, daß „sein Kopf
wackele". Die Unstimmigkeiten wurden bereinigt und Zedlitz diente seinem
Herrn in Treue bis zu dessen Tode 1786.
Ende 1789 führten
Differenzen mit dem Nachfolger, Friedrich Wilhelm II., ausgelöst durch
Intrigen des königlichen Günstlings Wöllner, zu seinem Rücktritt. Tief
verletzt, doch voll Würde, zog er sich im Sommer 1790 auf sein Gut
Kapsdorf zurück. Neben der Direktion der Ritterakademie zu Liegnitz
kümmerte er sich nun intensiv um die Bewirtschaftung seines Besitzes,
den er noch zu vermehren trachtete. Noch 1792 kaufte er die benachbarten
Rittergüter Kammendorf und Sachwitz hinzu. Sein Sohn Heinrich war noch
keine zwölf Jahre alt, als Karl Abraham am 18. März 1793, erst
zweiundsechzigjährig, in Kapsdorf einem Schlaganfall erlag. Ein fünf
Jahre vor seinem Tode gemaltes lebensgroßes Bild von Anton Graff zeigte
ihn mit Frau und Sohn. 1945 wurde es, zusammen mit der gesamten
Inneneinrichtung des Schlosses Kapsdorf, von plündernden Russen
zerstört. Das Gut eignete sich der polnische Staat an, das Schloß
verkam, und das schöne klassizistische Grabmal auf einer Insel im Park
wurde gesprengt. Zedlitzens Werk aber wirkte fort, zum Teil bis heute.
Seine vorbildliche, zutiefst menschliche Haltung straft das so weit
verbreitete Zerrbild des preußischen Beamten Lügen. Richard von
Weizsäcker bewog sie, Karl Abraham von Zedlitz, neben dem General von
der Marwitz, als Beispiel echten Preußentums hinzustellen.
Lit.:
Conrad Rethwisch: Der Staatsminister Freiherr von Zedlitz und Preußens
höheres Schulwesen 21886. - Wolfgang Neugebauer: Bildung, Erziehung und
Schule im alten Preußen, in: Bildung, Staat, Gesellschaft im 19.
Jahrhundert, Nassauer Gespräche der Freiherr-vom-Stein-Gesellschaft, Bd.
2, hrsg. von K.-E. Jeismann, Stuttgart, 1989.
Bild: Zedlitz um 1792
Sigismund Freiherr von Zedlitz
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