Franz
Zeltner,
dessen 80.
Geburtstag
am 18. Juni
1991 noch
gewürdigt
werden
konnte,
legte kurz
darauf, am
18. Februar
1992 für
immer die
Feder aus
der Hand.
Damit ging
durch alle
drei
Generationen
ungarndeutscher
Autoren nach
dem Zweiten
Weltkrieg
ein herber
Verlust, der
in der
leider nicht
sehr
zahlreichen
Reihe
deutsch-schreibender
Autoren eine
kaum zu
schließende
Lücke
hinterlassen
hat. Nach
dem
tragischen
Freitod des
„zornigen
jungen
Mannes“ der
ungarndeutschen
Literatur,
Claus Klotz,
einem
Vertreter
der jungen
Generation,
im Jahre
1990, und
dem
unerwarteten
Ableben des
60jährigen
Georg
Wittmann
1991, hat
ein Jahr
später der
unerbittliche
Tod auch
Franz
Zeltners
Leben
beendet.
Zusammen mit
Georg Fath
(geb. 1910)
und Nikolaus
Marnay (geb.
1914) war
Franz
Zeltner
einer der
Nestoren der
ungarndeutschen
Literatur.
Dabei
verband
Franz
Zeltner viel
mehr mit der
jungen
Generation
eines Claus
Klotz (geb.
1947) oder
einer
Valeria Koch
(geb. 1949),
da er als
einer der
ersten
ungarndeutschen
Autoren der
Nachkriegszeit
sich von
Anfang an in
seinem
Schreiben
auf
unerwartet
realistische
Weise mit
der
besonderen
Situation
der
ungarndeutschen
Bevölkerung
und auch
seinem
eigenen
Leben nach
dem Zweiten
Weltkrieg
befaßte.
Welch
beachtliche
Leistung
schon allein
dieser
realistische
Ausgangspunkt
in der
geistigen
Nachkriegssituation
der
Ungarndeutschen
nach dem
Zweiten
Weltkrieg
war, kann
man nur
ermessen,
wenn man die
volkstümlichen,
romantisierenden,
größtenteils
klischeehaften
literarischen
Äußerungen
vieler
seiner
Landsleute
kennt. Franz
Zeltner war
da gleich
von Anfang
an von ganz
anderem
Schlag.
Schon
sein erstes
im
Nachkriegsungarn
veröffentlichtes
und im
Wettbewerb
„Greift zur
Feder“
preisgekröntes
Gedicht
fängt die
Atmosphäre
des
ungarnschwäbischen
„Schlachtfestes“
ohne jeden
romantischen
Firlefanz
ein. Damit
erklang zum
ersten Mal
eine für die
ungarndeutsche
Nachkriegsliteratur
ungewöhnliche
Stimme, die
dann in der
zweiten
ungarndeutschen
Anthologie
„Bekenntnisse
und
Erkenntnisse“
(1979) von
neuem zu
hören war in
den
Gedichten
„Ich bin nur
wie ich bin“
– ein
grundehrlicher
Versuch der
Selbstfindung
im
Alltäglichen
– und „Mei
Medizin“, wo
der Wein,
des
Ungarnschwaben
ständiger
Begleiter
durch Freund
und Leid,
als Medizin
„herauskristallisiert“
wird. Seine
Kindergedichte
„Igele
Bigele“
klingen wohl
deshalb
etwas zu
belehrend,
weil Franz
Zeltner nur
da er ganz
selbst sein
konnte, wo
er sich
unmittelbar
mit seiner
Umwelt und
seinem
eigenen
Verhalten
auseinandersetzte.
Dies geht
auch
deutlich
hervor aus
den beiden
Gedichten
„Zyklamen“
und „‘s
Fernsehen“,
enthalten im
Interview-Essayband
von Oskar
Metzler:
„Gespräche
mit
ungarndeutschen
Autoren“ (1.
Aufl. 1982).
Zyklamen ist
hier eine
schon fast
oberlehrerhafte
hochdeutsche
Aufforderung,
diese
gefährdete
Blume nicht
zu pflücken,
„‘s
Fernsehen“
hingegen (in
Mundart
geschrieben,
enthalten
auch in der
Mundartanthologie
„Tie Sproch
wiedergfune“,
1989) ist
ein
reimloses
Dialektgedicht,
in dem es
Zeltner
mühelos
gelingt, die
realitätsfremde
Welt des
Fernsehens –
für einen
Ungarnschwaben
besonders
abgehoben –
zu
entlarven.
Statt Wissen
vermittelt
das
Fernsehen
Ängste und
Verhaltensstörungen:
„Sie mane,
‘s Fernsehn
hätts
gemacht, /
wenn
allerlei
gschieht bei
der Nacht.“
Zeltners
gesundes,
ungetrübtes
Verhältnis
zu solchen
Machwerken
der
„Fernsehrealität“
beschließt
dieses
Gedicht dann
mit der
Aufforderung:
„Wenns a so
denkst, denn
sei net
dumm, / mach
d’ Kistn
aus, drahs
Knepfl um, /
so bist das
beste
Publikum.“
Damit hat
Zeltner für
die
„Betäubungsindustrie“
Fernsehen
eine echte
Alternative
gefunden:
ausschalten
und lieber
zum Fenster
hinaus
sehen, denn
da ist
zumindest
der Alltag
der Heimat
in einer
greifbaren,
sichtbaren,
schon
schmerzlich
konkreten
Nähe, wie er
dies dann im
Gedicht „Dahoam“
(enthalten
in der
Anthologie
„Jahresringe“,
1982 und in
der
Mundartanthologie
„Tie Sproch
wiedergfune“,
1989)
schildert.
Natürlich
ist „Dahoam“
wieder in
der Mundart
geschrieben;
da ist er
auch
sprachlich
ganz im
Alltag.
Zudem reimt
er nicht,
denn der
Reimzwang
hätte die
direkte
Sicht zu
sehr
geschient,
zergliedert.
So aber
erfüllt hier
Franz
Zeltner
Engelbert
Rittingers
Vorstellung
von der
literarischen
Kraft der
Mundart, der
er eigene
Ausdrucksmöglichkeiten
für
Stimmungen
und Gefühle,
ja selbst
für den
Humor
zuschreibt.
Franz
Zeltners
Text baut
auf einer
Antithese
auf:
zunächst
wird
geschildert,
wie
Brennberg –
der
Heimatort
des Dichters
– früher,
zur Zeit
seiner
Kindheit
ausgesehen
hat: „Blost
an schwoazn
Kohlnstaub
in d Luft. /
Bergleit im
Gruamgwand,
d
Karbidlampa
in da Hand,
/ Kasig im
Gsicht und
mit am
schifn Kreiz
/ Genga af d
Schicht.“ In
der zweiten
Strophe
folgt dann
die
Beschreibung,
was heute
aus
Brennberg
geworden
ist, seitdem
der Dichter
ins
Rentenalter
gekommen
ist: „Und
heint? / ...
a gsunde
Luft! Koa
Fitzerl
Kohlnstaub
mehr. / Wann
koane Auto
wan, was
stad. – /
Männa,
vatrickate
Bam af der
Oxl, / Weiwa
mit
Bucklkärb. /
Und bei d
entern Haisa
khölzn d
Hund. / Nur
olde Leit. /
Des is
Brennberg, /
Do bin i
dahoam.“
Eine
Bestandsaufnahme
von solch
eindringlicher
Anschaulichkeit,
daß sie über
den Ort und
über die
Zeiten auf
den sie
betrachtenden
Autor Franz
Zeltner, ihn
von neuem
bestimmend,
zurückkommt.
Sein Alltag
wird, auf
diese Art
gebannt, zu
einer
Momentaufnahme
trotz aller
Alltäglichkeit
seines
unverwechselbaren
Daseins in
diesem Ort
zu jenen
Zeiten. Über
den
Realismus
hinaus tut
sich hier
auf eine
vollkommen
unkomplizierte
und ganz
natürliche
Art eine
existentielle
Dimension,
wenn man so
will, sogar
im
Heideggerschen
Sinne auf.
Valeria
Koch, geb.
1949, der
Star der
zeitgenössischen
ungarndeutschen
Literatur,
führte diese
existentialistische
Betrachtungsweise
in ihrem
Schaffen
weiter,
nicht
zuletzt
auch, weil
sie über die
Philosophie
von
Heidegger
trotz aller
Schwierigkeiten
im damals
noch
administrativen
Kommandosozialismus
Ungarns
promovierte.
In dem
Gedicht „Mei
Sproch“,
enthalten in
der
Mundartanthologie
„Tie Sproch
wiedergfune“
(1989), wird
diese
Selbstvergewisserung
auch geistig
im
alltäglichen
Kommunizieren
in der
Alltagssprache
der Mundart
gefunden.
Wenn man so
will, ist
dieses
Gedicht ein
anschauliches
Beispiel
dafür, daß
Sprache
tatsächlich
ein „Unterwegs-Zum-Sein“,
zum eigenen
Sein ist,
wie es
beispielsweise
auch Martin
Heidegger
von jedem
echten
Kunstwerk
verlangt. „Mei
Sproch / S
hot a Zeit
gebn, / Do
woa i nit
oans mit
meiner
Sproch: /
Sie woa ma z
eckat, z
derb, / Und
s hom s aa z
wenig
verstanden –
/ Oder
verstäi
wölln. – S
hot a Zeit
gebn, / Do
wollt i außi
aus meiner
Haut: / Woa
ma, wiari
woa, nit
guad gmua /
Und
rundumadum
unzfrieden
mit mir. / I
hätt a
andrer sei
megn. / –
Inzwischn
hob i mei
Sproch
wiedergfundn
/ Und schäi
langsam mi
sölwa aa.“
Diese klare
und
überwältigend
schlichte
Strukturierung
der
Alltagskommunikation
und
Selbstreflexion
verleihen
dieser
Alltagslyrik
bei näherer
Betrachtung
eine
tiefenpsychologische,
existentialistische
Dimension,
in der
Sprache und
Sein
untrennbar
zusammenfinden
und die
Sprache
tatsächlich
das Haus des
Seins ist.
Franz
Zeltner
hätte sich
über diese
moderne
Interpretation
sicherlich
sehr
gewundert.
Er war ein
Naturtalent,
das ganz von
alleine,
ohne jede
zusätzliche
Anleitung
„Das Gesetz
aus sich
selber
nahm“, diese
Art der
realistischen
Betrachtung
seiner
selbst und
seiner
Umwelt, in
der
romantisierendes
Verseschmieden
bis heute
noch äußerst
populär ist.
Die junge
Generation
ungarndeutscher
Autoren hat
in diesem
schlichten
unprätentiösen
„Alltagsdichter“
aus dem Volk
einen
Vorläufer,
der gezeigt
hat, wie man
auch unter
sehr
schwierigen
„provinziellen“
Bedingungen
einen ganz
unverwechselbaren
dichterischen
Zugang zu
seinem Land
und zu
seinen
Leuten
(selbstverständlich
auch
Landsleuten)
finden kann.
Franz
Zeltner ist
einer jener
erstaunlichen
Vorläufer
und
Vorbilder,
denen es
über
Generationen
hinweg
gelingt,
noch mit den
jungen
Autoren
„echt“
aktuell zu
bleiben.
Selbst wenn
sich sein
Wirken auch
nur
innerhalb
der noch in
Anfangsschwierigkeiten
steckenden
relativ
bescheidenen
Literatur
der
Ungarndeutschen
nach dem
Zweiten
Weltkrieg
abspielt,
ist „sein
Werk“ doch
eine
beachtliche
Leistung,
denn er hat
unter
äußerst
schwierigen
Randbedingungen
seinen
eigenen
unverwechselbaren
Zugang zu
seinem Land,
zu seinen
Leuten, zu
seiner Zeit
und nicht
zuletzt zu
sich selbst
mit einer
unverfälschten
Direktheit
gefunden.
Lit.:
Literarischer
Rundbrief,
hg. von der
Literarischen
Sektion des
Demokratischen
Verbandes
der
Ungarndeutschen.
Budapest
1985.
Bild:
Archiv der
Kulturpolitischen
Korrespondenz.
Ingmar
Brantsch