Als „Brückenbauer zwischen
Ost und West, zwischen
Kirche und Staat“ würdigte
der damalige Präsident des
Deutschen Caritasverbandes,
Prälat Hellmut Puschmann,
den schlesischen Priester
Johannes Zinke zu dessen 25.
Todestag 1993. In mehrfacher
Hinsicht nahm dieser
schlesische Geistliche eine
Schlüsselposition für den
Zusammenhalt der
katholischen Kirche in
Deutschland im Zeitalter des
Kalten Krieges ein. Zum
einen repräsentierte er den
Deutschen Caritasverband
sowohl im West- wie auch im
Ostteil Berlins, zum anderen
fungierte Zinke mit großem
Geschick als kirchlicher
Emissär bei der
DDR-Regierung.
Unterwegs zu sein, wenn
nötig zwischen zwei
unterschiedlichen
politischen Systemen, war
eine charakteristische
Eigenschaft des in der
niederschlesischen
Bezirkshauptstadt Liegnitz
als Sohn eines
Tischlermeisters geborenen
Priesters. Mit drei Brüdern
aufgewachsen, prägte ihn als
Schüler und Student
besonders die katholische
Jugendbewegung „Quickborn“.
Nach dem Theologiestudium in
Breslau und München erhielt
er am 29. Januar 1928 durch
Kardinal Bertram in Breslau
die Priesterweihe. Nach
sieben Kaplansjahren an St.
Nikolaus in der
Bischofsstadt erreichte ihn
1935 die Ernennung zum
Diözesanpräses der
Kolpingfamilien im Erzbistum
Breslau und zugleich zum
Pfarrkurat an St. Adalbert.
1938 folgte der Ruf zum
Diözesan-Caritasdirektor.
Der Vorsitzende des
Diözesan-Caritasverbandes
Domkapitular Ernst Lange
beschrieb seinen jungen
Mitbruder damals als einen
„der tüchtigsten und
begabtesten Herren,
besonders geeignet für
Organisationsarbeit und
Vereinswesen“. Denn Zinke
hatte die Existenz der
Kolpingarbeit erfolgreich
gegenüber den
Eingliederungsbestrebungen
der Deutschen Arbeitsfront
(DAF) verteidigt. So trug er
auch als Caritasdirektor
durch sein organisatorisches
Geschick in einer Zeit, in
der das kirchliche
Sozialwesen vom NS-Regime
behindert wurde, dazu bei,
die Zahl der
Caritas-Sekretariate in den
einzelnen Pfarreien zu
erhöhen. Damit sorgte Zinke
für eine zunehmend
flächendeckende Präsenz der
kirchlichen sozialen Arbeit
in Schlesien und trat der
Ausbreitung von
Einrichtungen der NSV
entgegen.
Als Breslau im Januar 1945
zur Festung erklärt wurde,
sorgte er gemeinsam mit
Generalvikar Josef Negwer
durch Verhandlungen mit
Gauleiter Hanke dafür, daß
40 katholische Priester –
darunter auch er selbst – in
der Stadt bleiben durften.
So erwies sich der
Caritasdirektor schon in
dieser schwierigen Situation
als geschickter und mutiger
Unterhändler für kirchliche
Belange.
Dennoch ereilte ihn auch das
Schicksal der Vertreibung,
das ihn seinen Dienst im
Restteil der Erzdiözese
Breslau von Cottbus in der
Niederlausitz aus wieder
aufnehmen ließ. Das
engagierte Wirken Zinkes
machte Prälat Benedikt
Kreutz, den Präsidenten des
Deutschen Caritasverbandes
in Freiburg, auf den
Breslauer Priester
aufmerksam. Kreutz war es,
der den umtriebigen Priester
im April 1946 in die
Hauptvertretung des
Deutschen Caritasverbandes
nach Berlin holte, wo er
zunächst gemeinsam mit Franz
Füssel und seit 1952
alleinverantwortlich die
Leitung wahrnahm.
Mit dieser Aufgabe war eine
zugleich karitative und
höchst politische Mission
verbunden, für die Johannes
Zinke als ebenso
unerschrockener wie auch
gegenüber seinen kirchlichen
Oberen loyaler Geistlicher
prädestiniert erschien.
Denn die Hauptvertretung der
Caritas in der ehemaligen
Reichshauptstadt hatte
zunächst einmal als
Transmissionsriemen für die
kirchliche Sozialhilfe
zwischen westlichen
Besatzungszonen und der SBZ
bzw. DDR zu fungieren. 1951
richtete Zinke deshalb ein
zweites Büro im sowjetischen
Sektor der Stadt ein, das
sich im
St.-Hedwigs-Krankenhaus
befand und von ihm als
„Zentralstelle Ost“
bezeichnet wurde. Zinke
selbst wohnte weiterhin im
Westen der Stadt und
pendelte täglich. Mithilfe
eines Schreibens des
Berliner Bischofs Bengsch
konnte er auch nach dem
Mauerbau am 13. August 1961
täglicher „Mauersegler“
bleiben und über den Bahnhof
Friedrichstraße in die DDR
ein- und ausreisen. Er
verstand es,
Einfuhrgenehmigungen für
medizinische Geräte
katholischer Krankenhäuser,
aber auch Einrichtungen für
kirchliche Bildungshäuser zu
organisieren. Die Waren
wurden daraufhin von der
Hauptvertretung im Westen
besorgt und über die
„Zentralstelle“ im Osten der
Stadt ausgeliefert. So
flossen jährlich 30
Millionen DM durch seine
Hände. Schließlich
unterhielt er gute Kontakte
zu dem Ostberliner Anwalt
Wolfgang Vogel und
engagierte sich beim
Freikauf von Häftlingen.
Des Weiteren oblag der
Berliner
Caritas-Hauptvertretung in
Personalunion traditionell
die Tuchfühlung mit der
Reichsregierung in Form
eines Kommissariats der
Fuldaer Bischofskonferenz.
An Stelle dieser Kontakte
aber rückten in der
Nachkriegszeit Verhandlungen
mit den Besatzungsmächten
bzw. der DDR-Regierung. Als
der bisherige und höchst
erfolgreiche Leiter des
Kommissariats Heinrich
Wienken als Bischof nach
Meißen wechselte, kam
Johannes Zinke 1951
zusätzlich dessen Aufgabe
zu. Zwar trug er lediglich
den Titel eines
Geschäftsträgers, jedoch
nahm in Wahrheit die
politische Brisanz seiner
Aufgabe zu. Mit dem Wissen
der Berliner Bischöfe
verhandelte Zinke hinter den
Kulissen, als es z.B. um die
Errichtung des
Philosophisch-Theologischen
Studiums in Erfurt 1952 oder
um die Freilassung der 1958
in Berlin-Biesdorf
verhafteten vier
Jesuitenpatres ging. Ganz in
der Tradition Wienkens
verfolgte er entgegen dem
strikt antikommunistischen
Kurs des Berliner Kardinals
Konrad Graf von Preysing und
dessen engstem Mitarbeiter
Prälat Walter Adolph die
Strategie der Kommunikation
mit den verantwortlichen
Stellen der DDR.
Im Januar 1953 erstmals mit
der Stasi konfrontiert,
spielte er sofort mit
offenen Karten und
unterhielt – ohne als IM
geführt zu werden – als
kirchlicher
Gesprächsbeauftragter mit
dem uneingeschränkten Vertrauen der Berliner Bischöfe Wilhelm Weskamm, Julius
Kardinal Döpfner und Alfred
Kardinal Bengsch
offizielle Stasi-Kontakte.
Für die Stasi blieb der 1952
zum Monsignore, 1957 zum
Päpstlichen Hausprälaten und
1966 zum Apostolischen
Protonotar ernannte
Geistliche gleichwohl ein
interessanter
Gesprächspartner, zumal er
außerdem als Sekretär der
Berliner Ordinarienkonferenz
fungierte. 1960 zog Zinke
sogar ernsthaft in Betracht,
ganz in den Ostsektor der
Stadt umzusiedeln, blieb
aber dennoch „Grenzgänger“,
der privat ganz bescheiden
in einem Zimmer des
St.-Hildegard-Krankenhauses
in Charlottenburg lebte.
Seit 1964 wohnte „Bruder
Johannes“, wie er angesichts
seiner schlichten
Frömmigkeit und persönlichen
Bedürfnislosigkeit genannt
wurde, im dortigen
Benedikt-Kreutz-Haus der
Caritas. „Eine Tür ist immer
offen“, so wird er selbst in
seinem festen Glauben
zitiert, auch in
schwierigsten Situationen
zugunsten eines
menschenwürdigen Lebens noch
Brücken bauen zu können.
1952 auch in das neu
gegründete Zentralkomitee
der deutschen Katholiken
(ZdK) berufen, gehörte
Prälat Zinke von 1957 bis
1965 dessen
Geschäftsführendem Ausschuß
an. Zudem entwickelte er
seine Aktivität im
Ost-West-Ausschuß dieses
wichtigsten Laiengremiums
des deutschen Katholizismus
und bereitete die Deutschen
Katholikentage in Berlin
1952 und 1958 maßgeblich mit
vor.
Bei dieser Fülle von
Aufgaben, bei deren
Erfüllung er sich keinerlei
Erholung und Freizeit
gönnte, verwundert es nicht,
daß Prälat Zinke letztlich
an ihnen körperlich zerbrach
und einem Herzanfall erlag.
Nach einem von Kardinal
Bengsch zelebrierten
Pontifikalrequiem in St.
Rita in Berlin-Reinickendorf
wurde er am 22. November
1968 in der Begräbnisstätte
des Berliner Domkapitels auf
dem St.-Hedwigs-Friedhof in
Reinickendorf beigesetzt.
Das Andenken dieses
Priesters, der nicht als
intellektueller Prediger
brillierte, sondern durch
seine Persönlichkeit und
seinen Einsatz für andere
Menschen, lebt in Berlin
weiter im
Caritas-Altenzentrum an der
Malteserstraße in
Berlin-Marienfelde, das 1977
nach Johannes Zinke benannt
wurde.
Lit.: Ehrung für Msgr.
Johannes Zinke, in:
Seelsorge-Brief
Liegnitz/Schlesien 11/1957,
S. 8. – Josef Negwer (Hrsg.
Kurt Engelbert): Geschichte
des Breslauer Domkapitels im
Rahmen der
Diözesangeschichte vom
Beginn des 19. Jahrhunderts
bis zum Ende des Zweiten
Weltkrieges, Hildesheim
1964, S. 215; 242ff. –
Nachrufe, in: Petrusblatt
Berlin v. 24.11.1968, KNA
Nr. 274 v. 22.11.1968, Der
Schlesische Katholik
12/1968, Der Schlesier v.
5.12.1968; – Caritas.
Jahrbuch des Deutschen
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Kirche in der DDR. Gemeinden
in der Bewährung 1945-1980,
Mainz 1980. – Martin Höllen:
Heinrich Wienken. Der
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(Veröffentlichungen der
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Zeitgeschichte, B, Bd. 33),
Mainz 1981, S. 141f. –
Elisabeth Hampel: Seine
Freunde nannten ihn Bruder
Johannes. Prälat Johannes
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Caritaskalender 1992, S. 23.
– Hubertus Guske: Art.
Zinke, Johannes, in: Jochen
Cerny (Hrsg.): Wer war wer
in der DDR. Ein
biographisches Lexikon, 2.
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Letzte Instanz, wenn
anscheinend niemand mehr
helfen konnte. Zur 25.
Wiederkehr des Todestags von
Prälat Johannes Zinke, in:
Kirchenzeitung Bistum Berlin
v. 21.11.1993, S. 11. –
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katholische Kirche.
Politische Beziehungen
1949-1961
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2. Aufl. Paderborn 1997. –
Hellmut Puschmann: Zur
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in: Ulrich von Hehl, Hans
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Paderborn u.a. 1996, S.
127-137. – Friedrich
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Hehl, Hans-Günter Hockerts
(Hrsg.): Der Katholizismus –
gesamtdeutsche Klammer in
den Jahrzehnten der Teilung?
Erinnerungen und Berichte,
Paderborn u.a. 1996, S.
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Staatssicherheit und Caritas
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Kirchenlexikon, Bd. XXIII
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Bild: Archiv des
Apostolischen Visitators
Breslau, Münster
Michael Hirschfeld